Was ist Zeit? / © 2005 Franz Gnaedinger, Frühling 2005, für die Nachbarschaftshilfe Altstetten/Grünau, Zürich

 

 

 

Was ist Zeit?

 

Der Heilige Augustin stellte die Frage nach dem Wesen der Zeit. Was ist Zeit? Wenn mich niemand fragt, weiss ich es, aber wenn mich jemand fragt, so weiss ich es nicht.

 

So ähnlich geht es uns allen. Innerlich haben wir ein Gefühl für die Zeit, aber wer kann sagen, was Zeit ist?

 

Eine Ausnahme war möglicherweise der chinesische Weise Laotse aus der Provinz Honan oder Henan (dem Stammland der neolithischen Yangshao-Kultur), geboren am Ende des siebten vorchristlichen Jahrhunderts. Laotse heisst der Alte. Sein Geschlechtsname war Li, in China so häufig wie bei uns Meier oder Müller. Sein Gelehrtenname war Be Yang, Graf Sonne. Nach seinem Tod erhielt er den Namen Lao Dang, altes Langohr, Lehrer, nicht etwa ironisch, sondern ein grosses Kompliment ...

 

Meine Mutter war 1921 in Schanghai geboren, hatte eine chinesische Nanny, und war im Glauben aufgewachsen, selber ein Chinesli zu sein. Als ich ein Teenager war, so etwa vierzehn Jahre alt, gab sie mir den Tao Te King (Daode Djing) von Laotse. Ich las das Buch vom Sinn und Leben, verstand wenig, aber war fasziniert, zum Beispiel von Spruch 11, hier in der Übersetzung von Richard Wilhelm, 1910:

 

Dreissig Speichen treffen sich in einer Nabe: / Auf dem Nichts daran (dem leeren Raum) beruht des Wagens Brauchbarkeit. / Man bildet Ton und macht daraus Gefässe: / Auf dem Nichts daran beruht des Gefässes Brauchbarkeit. / Man durchbricht die Wand mit Türen und Fenstern damit ein Haus entstehe: / Auf dem Nichts daran beruht des Hauses Brauchbarkeit. / Darum: das Sein gibt Besitz, das Nichtsein Brauchbarkeit.

 

Man verschaffe sich freien Raum im eigenen Zimmer, in der eigenen Wohnung, im eigenen Leben, so kann man etwas damit anfangen. Das ist einfach zu verstehen. Ich glaube aber, dass der Weise, das Alte Langohr, noch etwas mehr mit seinen Zeilen sagen wollte.

 

Lassen Sie mich ein wenig ausholen. Im Rahmen meiner kulturwissenschaftlichen Arbeit fand ich einen uralten mesopotamischen Kalender, der sich nach China, Ägypten, Kreta und Griechenland ausbreitete. Ein Jahr bestand aus 12 Monaten von je 30 Tagen, dazu kamen 5, bisweilen 6 Tage. So bekommt man ein Sonnenjahr von 365 und manchmal 366 Tagen. Führt man einen zweiten Kalender, indem man fortwährend 30 Tage aneinanderreiht, so kann man auch den Mond erfassen: 63 Perioden von 30 Tagen ergeben 1890 Tage, das sind praktisch 64 Lunationen oder synodische Monde (eine Lunation entspricht zum Beispiel der Dauer von einem Vollmond zum nächsten Vollmond). Das ist ein cleverer Kalender, den ich im ägyptischen Horus-Auge wie auch in chinesischen Artefakten der Yangshao-Kultur, insbesondere von Banshan in der Provinz Gansu nachweisen kann.

 

So viel oder wenig zur Archäologie. Jetzt wieder zu Laotse. Als Gelehrter hiess er Graf Sonne, da wird er wohl die alten Kalender seiner Heimat gekannt haben, und wenn dem so war, dürfte das Rad von 30 Speichen im obigen Spruch auf den alten Monat von 30 Tagen anspielen. Was wäre dann der leere Raum im Zentrum der Nabe, das Brauchbare an der Nabe, am Rad?

 

Möglicherweise das Werden. Was wir Zeit nennen, wäre ein Gefäss oder eine Schale für das Werden, dasjenige das wird, wächst, blüht, und Früchte trägt ...

 

Seit ich den Spruch des weisen Alten auf diese Weise verstehe, habe ich einen Trost für die immer rascher vergehenden Jahre gefunden: die Zeit kann man nicht festhalten, oder aufhalten, doch man kann sich auf das Werden konzentrieren, im Frühling die blühenden Bäume anschauen, sich an eigenen und anderen Kindern freuen, als Grosseltern an den Enkeln, oder sich für eine Aufgabe engagieren, die ein Werden zum Zweck hat (zum Beispiel ist das Anliegen meiner wissenschaftlichen Arbeit ist eine faire Kulturgeschichte, welche die Einsichten aller Völker ehrt, als Basis einer gedeihlichen globalen Gesellschaft), oder für eine gute Organisation wie die Nachbarschaftshilfe: ein in die Zukunft weisendes Projekt, denn die moderne, immer mehr aufgefächerte und zersplitterte Gesellschaft braucht neue Modelle von Zusammenhalt. Wie man vernehmen kann, gehören Einsätze als Freiwillige in Amerika zum Pflichtenheft eines Managers - nicht etwa, um Abzockern ein etwas besseres Gewissen zu verschaffen, sondern weil Freiwilligenarbeit in die Zukunft weist, in den kommenden Jahrzehnten mehr und mehr Bedeutung erhalten wird -, und aus der medizinischen Forschung war zu vernehmen, dass hilfsbereite Menschen länger leben ...

 

Sehen Sie die Nachbarschaftshilfe und andere Formen der Freiwilligenarbeit als Projekte, als eine im Werden begriffene neue Form eines menschlichen Zusammenlebens, als einen Aspekt des Werdens, und Sie haben Teil an der eigentlichen Zeit im Sinne von Laotse, von Lao Dan, dem weisen alten Langohr ...

 

 

 

 

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