Schweiz – Vorkurs der HGKZ / © 2003 Franz Gnaedinger, fgn(a)bluemail.ch, fg(a)seshat.ch, www.seshat.ch

 

 

 

Offener Brief an den Zürcher Regierungsrat, insbesondere an Frau Regine Aeppli, in dankbarer Erinnerung an den Vorkurs 1974 / 75 an der damaligen Kunstgewerbeschule Zürich (heute Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich HGKZ) und meinen Klassenlehrer Peter Lüthi

 

Zürich, Anfang Juli bis Anfang September 2003

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

im Frühling las ich im TAGESANZEIGER von den Plänen zur Abschaffung des Vorkurses an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ) und wollte sogleich einen Leserbrief schreiben, weil aber das Thema einen längeren Brief erfordert, habe ich mir Zeit für ein ausführliches Plädoyer zu Gunsten des Vorkurses genommen, das ich der Lesbarkeit halber in elf Kapitel gliedere: Bilder sind farbig, nicht lateinisch / Eine Schule des Sehens / Ein prüder Akt … / Ein schwieriger Schüler und ein wunderbarer Lehrer / Wozu der Vorkurs? / Tätiger Dank / Was haben die Hochschulen im Sinn? / Am richtigen Ort sparen / Kiffen an der HGKZ / Was heisst Kultur? / Schweiz – Finnland. Sie können die elf Kapitel gerne der Reihe nach lesen, oder mit einem beginnen, das Ihnen vom Titel her zusagt.

 

 

Bilder sind farbig, nicht lateinisch

 

Von meiner Jugend an war ich sowohl für die Wissenschaften als auch für die Künste eingenommen, wusste aber nie, welchen Weg ich einschlagen sollte. Mathematik, Physik und Astronomie? Das war mir dann doch zu einseitig. Mit zwanzig Jahren begeisterten mich für die damals aktuellen Kunstrichtungen concept art, minimal art, land art und arte povera, und also entschloss ich mich zu einem Studium der Kunstgeschichte. In der Vorlesung von Willy Rotzler entdeckte ich meine Fähigkeit zum intuitiven Verstehen bildnerischer Aussagen. Die übrigen Vorlesungen waren leider sehr langweilig (sorry, aber es war so), und weil ich die halbe Zeit am Jobben war, ging ich immer weniger an die Uni. Ein einziger Dia-Abend bei Serge Stauffer war spannender als das ganze Jahr akademische Kunstgeschichte. Gegen Ende des Schuljahres schleppte mich ein Kommilitone (welcher heute ein Museum leitet) ins Seminar. Es ging um das leidige Latein-Obligatorium für die Erstjährigen. Die eifrigste Befürworterin des Obligatoriums schrieb an einer Dissertation über lateinische Grabinschriften im süddeutschen Raum in der Zeit um 1350, ein anderer dissertierte über Theater-vorhänge in der Renaissance. Ich hörte lange schweigend zu. Dann wagte ich zu sagen, dass Bilder farbig seien, nicht lateinisch. Es gab einen Sturm im Wasserglas. Was ist denn das für einer? Den haben wir noch nie gesehen! Mein „Schlepper“ flüsterte mir zu, dass ich den Raum besser verlasse. Das tat ich, und ging dann auch gleich von der Uni, weil mir eh die finanziellen Mittel für ein Studium fehlten. So endete mein erster und einziger Besuch des kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Zürich.

 

Ich befasste mich weiter mit moderner Kunst. Im Herbst 1974 bestand ich zu meiner Überraschung die Prüfung für den Vorkurs an der Kunstgewerbeschule. In Nachhinein vernahm ich, dass in jede Klasse ein oder zwei Spezialfälle aufgenommen würden, im Sinne eines Experimentes, und habe vermutet, dass ich ein solcher Fall sei. Mein Klassenlehrer war Peter Lüthi. In der ersten Stunde gab er uns je einen grossen Bogen Zeichenpapier, einen Bleistift, und ein kleines weisses Blatt. Wir sollten das weisse Papier falten, auf’s Pult legen, und abzeichnen. Als Anfänger würden wir zehn bis fünfzehn Graustufen wahrnehmen und wiedergeben können; am Ende des Vorkurses wären es dann sechzig Töne. Unmöglich! habe ich mir gesagt, aber so war es. Die Aufgabe schien sehr einfach und war überaus spannend. Einen Morgen lang auf ein gefaltetes Papier schauen und es abzeichnen war eine unglaublich gute Übung. Es war leise in der Klasse, wir versanken in eine meditative Stimmung, erhielten immer wieder mal ein gutes, kluges Wort von Herrn Lüthi, er griff auch gerne selber zum Bleistift und zeichnete eine Falte oder einen Knick mit einem einzigen geschickten Strich. Wir sahen wie es ging, und vor allem begannen wir so ein kleines Papier, so ein bescheidenes aber doch überaus anspruchsvolles Motiv mit neuen Augen zu sehen: wie die Grautöne spielen, wie Hand und Stift dem Auge folgen, wie ein paar Schraffuren einen Gegenstand auf dem Papier hervorzaubern … Die Versenkung in diese scheinbar so einfache und dann überraschend reiche Aufgabe hatte Folgen. Als wir zu Gouachen übergingen und Zitronen auf’s Pult gelegt bekamen, begannen die einen besonders farbig zu malen, wie um die „grauen“ Wochen aufzuholen - und es waren nicht einfach beliebige Farben sondern genau gesehene, der Zitrone und dem Pult abgeschaute Farbklänge mit feinen Zwischentönen. Andere zeichneten besonders plastisch, wieder einer entwickelte einen lyrisch feinen Strich. Bisweilen stand ich auf und ging von einem Klassenkameraden zum anderen, sah mir die Blätter an, und war von der Vielfalt zeichnerischer und malerischer Lösungen begeistert.

 

 

Eine Schule des Sehens

 

Bei mir selber geschah etwas anderes. Wenn ich ein paar Stunden oder einen Morgen lang auf das gefaltete weisse Papier sah, begannen sich meine Augen gegen die Einschränkung des Blickfeldes zu wehren, meine Aufmerksamkeit schweifte ab, lockte mich zum Fenster oder einem hübschen Farbenspiel hin: Komm doch, das gibt es so aufregende Farben und Formen zu sehen, willst du ewig bei dem weiss-grauen Papier verweilen? Ich schaute brav auf meine Vorlage, aber indem sich die Aufmerksamkeit löste und fortbewegte, brachte sie mir andere Teile meines Gesichtsfeldes zu Bewusstsein. Doch eigenartig: alles rings um mein weisses Papier herum erschien mir undeutlich, unklar, verschwommen, und zwar umso mehr, je weiter ein Gegenstand von meiner Vorlage entfernt war.

 

Diese Beobachtung weckte meine wissenschaftliche Neugier: Was ist das für ein sonderbares Phänomen? Warum habe ich es noch nie zuvor bemerkt? Ich bin zwar kurzsichtig, sehe ohne Brille alles unscharf, die Bäume so wattig wie auf impressionistischen Bildern, aber da gibt es noch etwas anderes als mein gewohntes unscharfes Sehen: ein verschwommenes Sehen, das ich zum erstenmal in meinem Leben wahrnehme. Wie kommt es, dass ich nur eine kleine Stelle meines Gesichtsfeldes klar und deutlich sehe, nämlich jene, die ich mit dem Blick erfasse, alles andere unklar, undeutlich, verschwommen? und wie kommt es, dass ich dieses verschwommene Sehen noch nie wahrgenommen habe, dass es mich in keiner Weise stört? Gegen das unscharfe Sehen gibt es eine Brille, aber gegen das verschwommene Sehen gibt es kein Mittel und braucht offenbar auch keines, denn irgendeine geniale Einrichtung der organischen Natur bringt es fertig, aus einem verschwommenen Farbenspiel ein klares Bild zu machen. Es ist ein Wunder! Wir sehen von den Augen her alles verschwommen und meinen doch, alles klar und deutlich zu sehen. Wir gehen gleichsam auf dem Wasser, ohne darin zu versinken, weil wir von seiner Festigkeit überzeugt sind. Wie in einem Trickfilm, wo Donald Duck über einen Abgrund läuft und geradeaus weiterrennt, im Glauben, festen Boden unter den Füssen zu haben. Er fällt erst, wenn er sich bewusst wird, dass er in der Luft hängt. Und wenn wir wüssten, wie verschwommen unser Augenbild tatsächlich ist, würden wir keinen Schritt aus dem Haus wagen, niemand würde sich mehr ans Steuer eines Autos getrauen …

 

So ging ich an’s Erforschen der Wahrnehmung selber. Ich heftete meinen Blick auf einen starken, klaren, vielfältigen, feingliedrigen Kontrast meiner visuellen Umgebung, bei welchem die Aufmerksamkeit gerne verweilt, fixierte ihn so lange es ging - eine Minute, ein paar Minuten, zehn oder fünfzehn Minuten (mit kleinen Pausen), und zeichnete mein Gesichtsfeld so verschwommen, wie es mir dabei erschien. Zu meiner Überraschung gerieten die Zeichnungen immer viel zu klar und deutlich. Weshalb? Ich kenne die Gegenstände meiner Umgebung, deshalb zeichne ich sie sehr viel klarer als sie mir erscheinen! Von den Augen her gehen Grautöne und Farben ineinander über, mein Wissen aber trennt die Gegenstände: das ist ein Kleid, das ein Tisch, das eine Wand. Von den Augen her geht alles ineinander über, doch meine Kenntnis trennt die Gegenstände voneinander. Also liegt es am Wissen, dass wir Gegenstände wahrnehmen, obschon wir von den Augen her nur ein Farbenspiel angeboten bekommen? und daran, dass wir den Blick immerzu bewegen, dabei unsere leichtlebige Kenntnis all der vielen zufälligen Einzelheiten der jeweiligen Umgebung immer wieder auffrischen, erneuern, auf den aktuellen Stand bringen?

 

Während ich zum einen so verschwommen zu zeichnen versuchte, wie ich von den her Augen sah, und also mein Wissen vergessen wollte, entwickelte ich zum anderen eine Theorie der Wahrnehmung:

 

1) Wir sehen dasjenige, was wir anschauen; wir sehen dasjenige scharf, worauf wir die Augenlinsen fokussieren; und wir sehen dasjenige klar und deutlich, was wir mit dem Blick erfassen. Alles andere aber, an dem wir vorbeiblicken, sehen wir von den Augen her undeutlich, unklar, verschwommen, wobei das verschwommene Sehen weit stärker ist als das unscharfe Sehen.

 

Die Sinne liefern uns wechselnde, flüchtige, fragmentarische Eindrücke, die Augen ein blosses Farbenspiel - aber da wir unsere Umgebung kennen, sehen wir Gegenstände, und machen aus Fragmenten ein Ganzes: mag ein Haus von Büschen und Bäumen halb verdeckt sein, so nehmen wir doch ein ganzes Haus wahr, niemand würde darin eine Ruine sehen … Indem wir unseren Blick unablässig bewegen, immer wieder alle wichtigen Stellen der visuellen Umgebung aufnehmen, aktualisieren wir unsere leichtlebige Kenntnis all der vielen zufälligen Einzelheiten, erneuern unser Wissen, machen es vollständig, und sehen darum eine Welt voller fester und klar gezeichneter Gegenstände anstelle des von den Augen gelieferten Farbenspiels.

 

Das Wissen ist gegliedert in ein tiefes, inneres, angeborenes Wissen, das wir bisweilen Glauben nennen; in ein erworbenes Wissen, das gleichsam aus verdichteten, gleichsam „geronnenen“ Sinneseindrücken besteht; und eine leichtlebige, oberflächliche Kenntnis der jeweiligen Umgebung mit all ihren zufälligen, wechselnden Einzelheiten. Alle diese Formen des Wissens zusammen machen aus dem Farbenspiel, das wir von den Augen geliefert bekommen, ein verlässliches Bild einer Welt voller fester und klar begrenzter Gegenstände.

 

2) Im Weiteren spielt die Aufmerksamkeit eine wichtige Rolle. Wir verfügen über eine kleine Fläche hoher, beweglicher Aufmerksamkeit in einem weiten Feld spezifisch geringer, über alle Sinne verteilter wachsamer Aufmerksamkeit. Die bewegliche Aufmerksamkeit kann sich zu einem Punkt allerhöchster Aufmerksamkeit verdichten, zu einer nicht allzu grossen Fläche spezifisch geringerer Aufmerksamkeit ausdehnen, oder vom weiten Feld der wachsamen Aufmerksamkeit aufgesogen werden, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen --- zum Beispiel wenn wir ein Buch lesen, ins Nachdenken geraten, und aufeinmal eine Tür in’s Schloss fallen hören.

 

In Bezug auf die Aufmerksamkeit gelten folgende Regeln: A) Wir nehmen nur dasjenige im eigentlichen Sinne wahr, was wir mit der beweglichen Aufmerksamkeit erfassen, alles andere bleibt im Hintergrund der Wahrnehmung zurück. Sollten Sie in Ihrer Küche eine mechanische Uhr ticken haben, so werden Sie beim Lesen dieser Zeilen das Geräusch vernehmen. Vorher haben Sie es nicht gehört, aber jetzt, wo Sie darauf hingewiesen werden, dringt es in Ihr Bewusstsein. B) Je mehr bewegliche Aufmerksamkeit ein Gegenstand anzulocken und auf sich zu versammeln vermag, desto grösser kommt er uns vor, wenn aber zwei verschieden grosse Gegenstände dieselbe Menge beweglicher Aufmerksamkeit anziehen, erscheinen beide gleich gross. Kinderzeichnungen und naive Malereien offenbaren eine regelrechte Aufmerksamkeits-Perspektive: was wichtig ist wird gross gemalt, und sei es für ein objektives Auge noch so klein zu sehen. Ich erinnere mich an eine persische Miniatur, in welcher ein Reiter am fernen Hügel ebenso gross erschien wie seine badende Geliebte im Vordergrund. Wir nehmen Gesichter naher und ferner Personen in gleicher Grösse wahr, weil ein menschliches Gesicht immer dieselbe Aufmerksamkeit erfordert; nur sehr nahe Gesichter erscheinen sehr gross, wie beim Küssen; nur sehr ferne Menschen sehr klein, dann geradezu ameisenklein, wie beim Blick von einem Turm hinab. Soll die Statue eines Menschen in natürlicher Grösse  erscheinen, so muss sie etwas grösser sein als der lebende Mensch, weil dieser mit seinen Bewegungen mehr Aufmerksamkeit anzieht als eine reglose Plastik. Der aufgehende Vollmond erscheint grösser als ein hoher Mond: der aufgehende Mond gehört zur fein gegliederten Silhouette des Horizontes, welcher unsere Aufmerksamkeit anzieht und festhält, und bei dem wir uns sicher fühlen, wogegen wir beim Blick zu einem hohen, in der weiten, ungegliederten Himmelsfläche schwimmenden Mond leicht ein wenig schwindlig werden und die Aufmerksamkeit nicht lang genug an dem winzigen Scheibchen festmachen können. Eine plötzlich springende Kuh erscheint für den Bruchteil einer Sekunde näher als die übrigen Kühe: der unerwartete Sprung zieht unsere ganze bewegliche Aufmerksamkeit an sich, weshalb die springende Kuh grösser scheint als die anderen Tiere, da wir aber wissen, dass alle Kühe ungefähr gleich gross sind, interpretieren wir die kurzfristige Grösse als Nähe.

 

Blick und bewegliche Aufmerksamkeit gehen zusammen, folgen einander in einer tänzerischen Wechselbewegung. Wir wollen etwas anschauen und richten den Blick auf einen Gegenstand. Die bewegliche Aufmerksamkeit folgt nach, versammelt sich um die angeblickte Stelle, nimmt sie auf und vergrössert sie zur bequemeren Wahrnehmung, während die übrige Fläche im Hintergrund verbleibt. Wenn wir dann den Gegenstand erfasst haben, verbreitet sich die bewegliche Aufmerksamkeit, solange, bis sie einen neuen bemerkenswerten Kontrast findet, sich um diesen herum versammelt, sich zu einer kleineren Fläche spezifisch höherer Aufmerksamkeit verdichtet, und den Blick herbeiruft, damit er die neue Stelle klar und deutlich erfasse …

 

Indem Blick und bewegliche Aufmerksamkeit in einer gleichsam tänzerischen Wechselbewegung miteinander einhergehen, sehen wir das Angeschaute deutlich und vergrössert, während das undeutlich Gesehene im Hintergrund der Wahrnehmung verschwindet, und indem wir den Blick unablässig bewegen, erneuern wir unsere leichtlebige Kenntnis all der zufälligen, wechselnden Einzelheiten des individuellen Gesichtsfeldes. Wenn wir aber den Blick für Minuten auf eine einzige Stelle fixiere, des festhalten, wie ich das in meinen Übungen im Vorkurs 74/75 getan habe, geschieht Folgendes: Die bewegliche Aufmerksamkeit lässt sich nicht lange festhalten. Nach einer Weile strebt sie von der fixierten Stelle weg, findet einen neuen bemerkenswerten Kontrast und ruft den Blick herbei. Wenn wir dem immer stärker lockenden Ruf standhalten und wirklich nur die eine Stelle fixieren, unerbittlich, ohne auch nur einmal wegzuschauen, wird sich die bewegliche Aufmerksamkeit vom Blick lösen und immer weiter von ihm entfernen. Einzig dann können wir das undeutliche Sehen der Augen (bzw. der äusseren Regionen der Retina) wahrnehmen: benachbarte Dunkelheiten verschmelzen, ebenso, wenn auch in schwächerem Masse, benachbarte Helligkeiten. Anstelle der gewohnten Gegenstände gewahren wir bald nur noch ein Reich fliessender Schatten, die gleichsam an und über den Gegenständen ihr eigenes Leben führen … Wenn wir dann aber den Blick freigeben, ihn aus seiner unnatürlichen Starre erlösen, fliegt er sogleich zu den Gegenständen hin, diese sind im Augenblick wiederhergestellt und erscheinen so klar und fest wie nie zuvor.

 

Wir verdanken das scheinbar deutliche Sehen a) dem Wissen, b) der unablässigen Bewegung des Blickes, die unsere leichtlebige Kenntnis all der zufälligen und flüchtigen Einzelheiten immerzu auffrischt und erneuert, und c) der mit dem Blick einhergehenden beweglichen Aufmerksamkeit, welche das deutlich Gesehene vergrössert, alles undeutlich Gesehene im Hintergrund der Wahrnehmung belässt.

 

3) Beim Sehen malen wir gleichsam ein Bild unserer optischen Umgebung: Wir richten den Blick auf diese oder jene Gegenstände, lassen uns je nach Art, Wesen und momentaner Verfassung von den einen oder anderen Farben anziehen, und prägen das gesehene Bild, indem wir von den ausgewählten Einzelheiten auf das Ganze schliessen. So kann die Welt frisch und hell erscheinen, wenn wir verliebt sind, in warmen Pastellfarben, oder selbst an einem trockenen warmen Tag wie feucht glänzend; bei Liebeskummer hingegen grau und verschlossen.

 

(Zeugenaussagen können einander bisweilen krass widersprechen. Weshalb? Wir erinnern nur einzelne Fragmente von Geschehnissen, die wir nachher zur einer für uns selber glaubhaften Geschichte ergänzen, aber nur das Wenigste davon sind Fakten, das Meiste Zutaten.)

 

 

Ein prüder Akt …

 

Einmal kam ein Modell in unsere Klasse. Es war an einem Nachmittag. Die hübsche junge Frau stand nackt vor uns. Wir sassen in einem Halbkreis vor ihr und haben sie gezeichnet. Ich benutzte die Gelegenheit zu einem meiner Experimente: sah unablässig auf ihre Augen und zeichnete ihren Körper so, wie er mir beim Blick in ihre Augen erschien. Sie bemerkte mein sonderbares Verhalten, hielt mich wohl für prüde, und lächelte mir leise zu. Es wurde meine schönste Zeichnung des ganzen Jahres. Ein Klassenkamerad sagte mir: Du glaubst, nicht zeichnen zu können, aber dieses Blatt ist sehr schön. Leider kam es mir abhanden. Ich „verdächtige“ immer noch meine damalige Freundin aus der Parallelklasse, der das Blatt auch sehr gefiel.

 

Dann bekam ich zufällig eine Reproduktion der Mona Lisa von Leonardo da Vinci zu sehen, blickte in ihre Augen und bemerkte ein feines Lächeln. Ich sah auf den Mund hinab, um es festzuhalten, aber da verschwand es. Also blickte ich wieder zu den Augen hoch, worauf es von neuem erschien, und wenn ich, von ihrem Lächeln überrascht und erfreut, selber lächelte, so zeigte sie ihr schönstes Lächeln: ein liebendes, verstehendes Lächeln … Wie das? Beim Blick auf ihren Mund kann ich ihre Mundwinkel von den beinahe ebenso dunkeln Schatten der Mundwinkel und Wangen unterscheiden, wenn ich aber zum linken Auge in der Mitte des Kopfkreises hochblicke und bei ihm verweile, ebenso geduldig wie bei meinen zeichnerischen Experimenten, verschwimmen die Schatten des Mundes und der Wangen, ich kann die Mundwinkel nicht mehr eigentlich sehen, weiss aber um ihr Vorhandensein, weshalb ich sie in die fliessenden Schatten hineinprojiziere und an Stellen festmache, die mir vernünftig scheinen. Diese liegen freilich etwas ausserhalb und oberhalb der eigentlichen Mundwinkel, weshalb der Mund scheinbar in ein Lächeln übergeht, und wenn ich, überrascht von ihrem Lächeln, selber lächle, nehme ich ihres erst richtig wahr und sehe das liebende Lächeln …

 

Von nun an machte ich meine Experimente mit dem Bild und bemerkte über die Wochen hin, dass der Ausdruck des Lächelns ebenso beweglich ist wie es selber. Ich las Beschreibungen ihres Lächelns und gewann den Eindruck, dass manche Kommentatoren mehr über sich selber als über das Bild aussagen. Leonardo schrieb, dass ein Gemälde wie ein Spiegel sein soll, welcher die vor ihm liegenden Gegenstände wiedergibt. Mona Lisa ist das Bildnis einer schönen Frau der Renaissance und soll sehr lebensecht gewirkt haben, zugleich ist es offenbar ein Spiegel unser selbst, indem das Lächeln der Mona Lisa unser eigenes Wesen und die eigene, aus dem Tag ans Bild gebrachte Stimmung wiedergibt. Während wir aber in einem gewöhnlichen Spiegel das eigene Gesicht erblicken, so sieht uns aus diesem besonderen Spiegel das Gesicht eines fremden Menschen entgegen, wir nehmen unsere Gefühle, die sich in ihrem Lächeln spiegeln, nicht eigentlich als unsere eigenen Gefühle wahr; wir haben vielmehr den Eindruck, als ob Mona Lisa in unser Inneres blicke und unsere Gefühle, wie um sie besser zu verstehen, ausprobiere, selber für eine Weile annähme, und von daher in ihrem Lächeln vorzeige. So wäre ihr Lächeln mehr als ein Spiegel unser selbst, nämlich eine Antwort auf uns, wie wir sie einem Menschen zutrauen, der uns im Innersten erkennt …

 

Auf diese Weise habe ich mir das Lächeln der Mona Lisa erklärt, und entdeckte nach und nach, dass alle Züge der Bildfigur auf das Sehen bezogen sind. Mona Lisa schaut uns an, während wir das Bild anschauen, und wenn wir geduldig in ihre Augen blicken, werden wir mit einem schönen Lächeln belohnt. Wir sehen mit den Augen und sind beim Sehen auf Licht angewiesen: ihre Augen nehmen die obere Bildmitte ein, wobei das linke Auge in der Mitte des Kopfkreises erscheint, wogegen die hellste Stelle des Bildes, nämlich der Glanz auf ihrer Brust, in der eigentlichen Bildmitte liegt - und über dem grünbraunen Saum des Gewandes an die aufgehende Sonne gemahnt, während der über die linke Schulter geworfene Schleier die Sonnenbahn evoziert. Mona Lisa sitzt am offenen Fester eines kleinen Balkons, und wenn die Säulen noch vorhanden wären, so wäre der Eindruck eines Fensters viel klarer: das Fenster aber steht zum Haus wie das Auge zum Körper. Leonardo preist in seinen Schriften den natürlichen Punkt innerhalb des Auges, worin sich die Strahlen der gesehenen Gegenstände vereinigen: Mona Lisa nähme in ihrer Augenkammer eben diese Stelle ein. Überdies wäre auch das Bild selber so etwas wie der natürliche Punkt im Schaffen des Malers: indem er dasjenige in seinem Bild versammelt, was er sieht und erforscht, was er weiss, kennt und glaubt. Sein Bild ist gleichsam ein Ding gewordenes Sehen: er vermacht uns sein eigenes Sehen, seine Sichtweise, sein Weltbild. Im Hintergrund erblicken wir eine Landschaft, welche in ihrer urtümlichen, beinahe traumhaften Weite die Natur selber bedeuten mag; im Vordergrund eine Frau mit männlichen Zügen, welche das Leben symbolisieren dürfte; überdies die gegenständliche Welt in Form eines Kleides und Schleiers, eines Hauses mit Zimmer, Balkon und Säulen, eines Weges und einer Brücke. Nach dem Glauben der alten Griechen wie auch der Renaissance ist der Mensch ein Mikrokosmos im Makrokosmos: diese Zweiheit wäre im Einklang von Natur und Mensch wiedergegeben. (Im Zeitalter der fraktalen Geometrie sind Parallelen zwischen grossen und kleinen Strukturen nicht mehr gar so fremdartig, man denke auch an die Biosphäre im Sinne eines Gaia genannten biologischen Systems). An einer gar nicht so dunklen aber leider immer falsch übersetzten Stelle schrieb Leonardo, dass wir Menschen uns von den Tieren durch den Gebrauch künstlich geschaffener Dinge unterscheiden. Eigenartig, wie hoch das Haus der Mona Lisa über der Landschaft schwebt!         Ich glaube darin eine Botschaft zu sehen: es sind unsere künstlichen Dinge, die uns aus vielen Notwendigkeiten und Beschränktheiten des Tierlebens befreien und herausheben und einen sehr viel weiteren Blick auf die Natur gewähren. Seltsam auch die beiden unterschiedlichen Perspektiven des Hintergrundes: einmal blicken wir auf den See hinab, einmal von vorne an den See hinan -- als ob uns Leonardo sagen wollte, dass wir Menschen trotz unserer enormen technischen Möglichkeiten nie einen einheitlichen Blick auf die Welt als Ganzes werfen können, unsere Wahrheiten bleiben immer in komplementäre Ansichten gespalten.

 

Meiner Meinung nach behandelte Leonardo dieselbe Frage im Abendmahl, das ich 1979 interpretierte: Haben wir einen freien Willen? oder wird unser Leben von göttlichen Mächten, einem höheren Plan, einer Vorhersehung, oder, nach moderner Auffassung, von biologischen, psychologischen, sozialen, ökonomischen und weiteren Gesetzmässigkeiten determiniert? War Judas schuldig, weil er Jesus verriet? oder war er als Verräter vorherbestimmt? musste er seine Tat ausführen, um den göttlichen Erlösungsplan einzuleiten? wäre er in diesem Sinne unschuldig? Nach der Lehre der Kirche starb Jesus wegen der Sünden aller Menschen, nicht wegen Judas allein. Daher kann man ihn bzw. die Juden nicht einfach als Christusmörder hinstellen, wie es die katholische Kirche tat. So wäre Leonardos Abendmahl eine wichtige Stellungnahme gegen den Antisemitismus, und gleichzeitig eine erkenntnistheoretische Einsicht, welche das postmoderne Verdikt gegen Einheitstheorien aller Art um 450 Jahre vorwegnahm.

 

Ich war überzeugt (und bin es immer noch) dass Leonardo ähnliche visuelle Experimente anstellte und eine analoge Theorie des Sehens entwickelte wie ich im Vorkurs 1974/75. In seinen Schriften fand ich sieben Stellen, worin er die Anlage des Gesichtsfeldes in aller Klarheit beschrieb: Beim Lesen müssen wir die Augen bewegen, einen Buchstaben nach dem anderen aufnehmen, und zwar mit dem einzig verlässlichen zentralen Sehstrahl (Blick, fovea), wogegen alle anderen Sehstrahlen schwach (debole) und trügerisch (bugiarde) seien, und zwar umso mehr, als sie weiter vom zentralen Sehstrahl abweichen. Im Übrigen fand ich das eigentümliche Lächeln der Mona Lisa bei vielen anderen Figuren Leonardos, sehr fein beim Engel in der Pariser Version der Madonna in der Felsengrotte, besonders schön beim Engel in der Londoner Replik, aber auch schon beim David, einer Statue Andrea del Verrocchios, für welche der junge Leonardo Modell gestanden sein soll.

 

Im Vorkurs schrieb ich meine erste Interpretation der Mona Lisa im Sinne einer Allegorie des Sehens. Im selben Schuljahr kamen meine Interpretationen der Johannes-Bilder von Leonardo hinzu, welche meiner Meinung nach die wichtige Stationen von Leonardos Laufbahn markieren. Johannes der Täufer verkündete einen grösseren als er es war. Bei Leonardo mag Johannes auf den Schöpfer der Natur verweisen, dessen Werk alle menschlichen Werke übertrifft.

 

Ebenfalls im Schuljahr 1974/75 entwickelte ich die Anfänge einer Kulturtheorie, die sich auch zum Teil auf Leonardo stützen kann. Danach wäre die Kultur ein künstlich-natürlicher Lebenskreis, eine ebensolche Lebensweise, und eine Aufgabe. Diese bestünde im Einpassen der künstliche geschaffenen Dinge ins menschliche Leben und die natürliche Umwelt; im Entwickeln geeigneter neuer Lebensformen; im Ausarbeiten von Gesetzen, welche Eigentum und Gebrauch der künstlichen Dinge regeln, ihre Vorteile fördern aber ihre Nachteile einschränken (s. unten). Das Denken wäre ein Vorausschauen: Was passiert, wenn ich dies oder jenes tue oder unterlasse? auf welche Weise und über welche zum Teil verschlungenen Wege wird mein Handeln auf mich selber zurückwirken? welche Folgen wird es zeitigen? nützliche oder schädliche? Die Antworten auf diese Fragen sind für uns Menschen sehr viel schwieriger zu finden als für Tiere, da wir in einer künstlichen Welt und in einer wegen des Gebrauchs all der vielen künstlichen Dinge vielfältig spezialisierten Gesellschaft leben. Darum brauchen wir ein höheres Denkvermögen als die Tiere. Auch die menschliche Sprache wäre eine Folge des Lebens in einer künstlichen Welt und einer spezialisierten Gesellschaft. Mit der Sprache geben wir einander jene Bedürfnisse und Wünsche an, die wir nicht allein zu befriedigen und erfüllen vermögen, und suchen mit ihrer Hilfe andere für unser Anliegen zu gewinnen. Das ist sehr viel schwieriger in einer künstlichen Welt und hochspezialisierten Gesellschaft, weshalb wir eine immer reichere Wortsprache entwickeln, deren Wortschatz parallel zur Zahl der von uns geschaffene Gegenstände anwächst. Man denke nur an die vielen neuen Wörter und Begriffe aus der Informatik.

 

 

Ein schwieriger Schüler und ein wunderbarer Lehrer

 

Sollte Ihnen beim Lesen der obigen Zeilen trümmlig geworden sein, so können Sie nachfühlen, wie mir in der zweiten Hälfte des Vorkurses zumute war: so viele Einsichten und noch mehr Ahnungen stürmten auf mich ein, dass ich mir kaum zu helfen wusste. Es war eine schwierige Zeit für mich, und ich war ein ebenso schwieriger Schüler. Habe mich nur noch auf meine Ideen konzentriert und Experimente angestellt. Wenn immer es ging, modifizierte ich eine Aufgabe in meinem Sinne, und wenn mir dies ein Lehrer erlaubte, habe ich am Unterricht teilgenommen, andernfalls habe ich die Aufgabe ignoriert und an meinen eigenen Ideen gearbeitet, und wenn auch das nicht möglich war, habe ich die Schule geschwänzt und arbeitete zuhause, erst recht als ich auf’s Land zog und einen weiten Schulweg hatte. Meine arme Farblehrerin musste mich aus ihrer Stunde werfen. Wer immer Verständnis für mich hatte, war mein Klassenlehrer Herr Lüthi. Wenn er mit einem gewissen Funkeln in den Augen auf mich zukam und ein paar herausfordernde Worte sagte, konnte er sich auf eine Diskussion bis zur Pause und darüber hinaus bis zum Anfang der nächsten Schulstunde gefasst machen, und da er immer wieder mit seinem funkelnden Blick und einem Spruch auf mich zukam, darf ich annehmen, dass ihm die langen Gespräche und Diskussionen ebensoviel Spass bereiteten wie mir. Herr Lüthi liess mich gewähren, er begleitete meine Experimente mit klugen Worten und manch lustiger Geschichte. Er war mir ein wunderbarer Lehrer.

 

Anfang Juli dieses Jahres ging ich an die HGKZ und fragte nach dem Verantwortlichen für die Kampagne zu Gunsten des Vorkurses. Man verwies mich an Herrn Ruedi Wyss, den Leiter des Vorkurses. Nach 29 Jahren betrat ich wieder mal mein einstiges Schulhaus. Die Tür zu „meinem“ Klassenzimmer stand offen. Es war Mittag, niemand mehr anwesend. Aber ich hätte mich kaum gewundert, wenn ich die sonore Stimme Herrn Lüthis vernommen hätte, und das lustige wi schpeet? der lieben blonden kecken Jugoslawin, über das wir uns immer so amüsierten. Auf dem Gang stand ein junger Mann, sehr nett, bescheiden, schmal, dem Aussehen nach fleissig, und womöglich ebenso begabt wie einer meiner stillen Kameraden von damals, dem er auffallend glich. Er wies mir den Weg zum Sekretariat. Ich durfte sogleich bei Herrn Wyss vorsprechen, und sagte ihm, dass ich ein schwieriger Schüler war, aber einen wunderbaren Lehrer hatte, nämlich Herrn Peter Lüthi, und ob er noch Schule gäbe? Leider nein, er ging soeben in Pension. Dann sagte ich, dass mich die Pläne von der Abschaffung des Vorkurses schockiert hätten, weil ich den Vorkurs so gut finde, und ich möchte gerne etwas schreiben, vielleicht einen offenen Brief, an wen ich mich wenden solle? Worauf er mir ein paar Adressen gab. Ich wiederholte, dass ich ein schwieriger Schüler war, aber vielleicht am meisten vom Vorkurs profitierte, und meiner Art gemäss werde mein Brief etwas Spezielles sein, was ihn freute: Lässig. Der Geist von ehedem weht immer noch in diesem Haus.

 

Wozu der Vorkurs?

 

Herr Ruedi Wyss gab mir einige Papiere und sagte mir, dass der Vorkurs seit 125 Jahren bestehe und erfolgreich gewesen sei. Wenn man ihn abschaffe, so müsse man die Ausbildung gleichwohl vornehmen, an anderer Stelle leisten, Kosten könne man also nicht einsparen. Worauf ich meinte, dass wegen der Umstellung weitere Kosten hinzukämen und man damit lediglich die Bürokratie aufblähe, was er bejahte. Der Vorkurs solle an die Hochschule gehen, wenn ich es recht verstand. Aber Herr Wyss habe die volle Unterstützung der HGKZ für die Beibehaltung des Vorkurses am gegebenen Ort und in der altbewährten Form.

 

Mehrere bekannte Leute hätten ihre Unterschrift gegeben und würden sich in einem kleinen Film für die Beibehaltung des Vorkurses aussprechen.

 

Was kann einer wie ich beitragen, der wie gesagt ein schwieriger Schüler war?

 

Der Vorkurs war mein bestes Schuljahr. Er löste mein altes Dilemma, ob ich mich den Wissenschaften oder Künsten zuwenden soll? Ich fand einen Weg, der beides miteinander verbindet. An der Uni konnte ich meinen Zwiespalt nicht lösen, aber im Vorkurs, dank der genialen Idee dieser Schule --- gäbe es keinen Vorkurs, würde die Bildungsdirektion einen Wettbewerb ausschreiben, und würde jemand ein Projekt mit dem Konzept des Vorkurses eingeben, so bekäme es gewiss den ersten Preis und würde mit viel Geld realisiert … GUTE NACHCHRICHT AN DEN ZÜRCHER REGIERUNGSRAT: Sie können sich das Geld für einen Wettbewerb und für die Realisierung des prämierten Bildungsprojektes einschliesslich des Häuserkaufs sparen, denn es ist schon realisiert: im Vorkurs der HGKZ.

 

Einwand: Was macht es für einen Unterschied, ob der Vorkurs in dieser Form an der HGKZ oder in einer neuen Form an einer Hochschule gegeben wird? Da möchte ich ausholen und mit meiner Kulturtheorie aufwarten. Die Künste und Wissenschaften sind meiner Meinung nach zwei unerlässliche, bisweilen analoge, in anderer Hinsicht widersprüchliche, aber jeweils unverzichtbare und je in ihrem eigenen Recht wahrzunehmende und zu behandelnde polare und komplementäre Perspektiven auf die menschlichen Lebensmöglichkeiten. Im Folgenden möchte ich aufzeigen, wie die Wissenschaften und wie die Künste funktionieren, und zwar auf der Basis meiner Einsichten aus dem Vorkurs an der Kunstgewerbeschule Zürich:

 

Die Wissenschaften, im englisch/amerikanischen Sinn des Wortes die Naturwissenschaften (sciences), gehen von erfolgreichen Paradigmen aus, verallgemeinern diese, erweitern den Blick, machen das Unmögliche möglich, und zwar im technischen Sinne, zum Beispiel den alten Traum vom Fliegen, reduzieren aber auch alle Phänomene auf ihre Paradigmen hin, verkürzen und verengen die Welt, ignorieren systematisch was nicht in die aktuellen Schemata hineinpasst, und erst wenn man hundertmal vergeblich angerannt ist und eine winzig kleine aber lästige Anomalie wie zum Beispiel einen kuriosen Schlenker des Planeten Merkur einfach nicht länger ignorieren kann, erweitert man die Physik Newtons im Sinne Einsteins, oder analoger Weise irgendeine andere wissenschaftliche Theorie. Nehmen wir als Beispiel einer Reduzierung das mechanische Paradigma, das uns allerhand hilfreiche Maschinen bescherte, aber auch den Blick einengte: von ihm ausgehend erklärte man den Kosmos zu einem Uhrwerk und das Tier zum fühllosen Automaten. Das Schweizer Gesetz behandelte Tiere bis zum Frühling dieses Jahres als Sachen. Wir sind eben dabei, das mechanische Paradigma zu überwinden, und schon taucht ein neues auf, erklären doch gewisse Professoren das Gehirn zum Computer. Ihnen sei gesagt, dass es wohl Computer ist, aber gleichzeitig sehr viel mehr.

 

Die Wissenschaften pflegen einen Tunnelblick, wenn ich so sagen darf, die Künste einen Panoramablick. Wo sind all die wissenschaftlichen Gesetze, welche man in hundert Jahren, in fünfhundert Jahren, in zwei Millionen Jahren entdecken wird? Treten sie erst in Kraft, wenn sie jemand formuliert? Gab es die Schwerkraft erst, als Newton einen Apfel fallen sah? Nein, es gab sie schon lange, seit einer frühen Phase der kosmischen Evolution, und in ähnlicher Weise sind die künftigen wissenschaftlichen Gesetze schon heute wirksam. Die Wissenschaften blenden sie aus, da sie die Welt auf ihre aktuellen Paradigmen reduzieren, wogegen die Künste frei sind, alle Phänomene zu erfassen. Die Künste spüren denn auch viele den Naturwissenschaften vorderhand verschlossene Phänomene auf, halten sie auf ihre Weise fest – und sind den Wissenschaften hochwillkommen, wenn der Wechsel von einem alten zu einem neuen Paradigma ansteht. Nehmen Sie als Beispiel den Übergang von der klassischen zur fraktalen Geometrie. Benoît Mendelbrot, ein Begründer der fraktalen Geometrie, verweist auf eine mittelalterliche Darstellung des Weltenschöpfers, die Sintflut-Zeichnungen Leonardo da Vincis, und die Welle Hokusais. Gegenwärtig steht ein Wechsel von der klassischen Logik zur Quantenlogik an. In der neuen Logik überlagern sich mehrere Zustände, was in der klassischen Logik unmöglich war. Die Quantencomputer werden sehr viel mehr leisten als die heutigen Maschinen, und wenn sie erst einmal realisiert sein werden, so wird man meiner Voraussage nach das künstlerische Denken mehr schätzen als heute, da präzise Überlagerungen zu den elementaren künstlerischen Denkformen gehören, von Lascaux bis Picasso.

 

Als Beispiel einer solchen Überlagerung möchte ich das ägyptischen Lebenssymbol Ank anführen. Es vereinigt meiner Meinung nach a) die aus der Erde aufsteigende Himmelsgöttin: (Körper – fruchtbarer Boden, ausgebreitete Arme – Erdoberfläche, Rundform – Himmel; im dynastischen Ägypten Nut), b) den um Kopf, Hals oder Bauch getragenen Heiligen Knoten (Nephtys und ihr alter ego Seschat), und c) eine umgekehrte Sirius-Kalebasse mit Wasserstrahl (Isis; noch im christlichen Mittelalter verehrt, bei Athanasius Kirchner eine über die Felder gehende, sie bewässernde Göttin).

 

Die mathematische Formel a = a dient als Basis der technischen Logik, während wir Goethe eine andere Formel verdanken: Alles ist gleich, alles ungleich. Die Wissenschaften pflegen eine sachliche Logik als Wegbereiterin der Technologie, die Künste hegen eine lebendige Logik, welche das Eingliedern der neuen technischen Errungenschaften ins menschliche Leben vorbereitet, erleichtert und ermöglicht. Die Wissenschaften verwenden Geräte, die Künste einen menschlichen Massstab. Nach Goethe sei der Körper das feinste und genaueste physikalische Messgerät. Mit unserem Körper werden wir zwar keine Neutronen wägen können, dazu braucht es höchst aufwendige technische Versuchsanlagen, aber mit unserer sinnlichen Wahrnehmung werden wir neue Einsichten aus der Flut an Naturgesetzen fischen, die dereinst in den Wissenschaften Anwendung finden. Edward Witten und seine Kollegen, welche die string theory und M-theory entwickeln, sind entzückt von der alten indischen Lehre, wonach die Welt als Klang hervorging. In Leonardos Abendmahl wie auch im Hintergrund seiner Mona Lisa finden sich komplementäre Perspektiven. Die Komplementarität gelangt in der Quantenphysik zur Anwendung, indem sie Licht und Materie als Teilchen wie auch als Welle erklärt. Joseph Beuys: Ich denke mit den Knien. Titel eines Artikels über die künstliche Intelligenz in der Hamburger ZEIT vom 11. Juli 2003, rund dreissig Jahre nach Beuys: Der KnieQ (ein Wortspiel aus Knie und Intelligenz-Quotient IQ). Die Forschung in Sachen künstliche Intelligenz hat eingesehen, dass es keine Intelligenz ohne Körper gibt. Und ebenso gäbe es ohne die von den Künsten gepflegte sinnliche Erfahrung bzw. exakte sinnliche Phantasie (Goethe) keine Wissenschaft.

 

Der Vorkurs in seiner gegenwärtigen Form ist eine Vorbereitung auf den künstlerischen Beruf, während ein neuer Vorkurs an einer akademisch ausgerichteten Hochschule meiner Befürchtung nach den bestehenden Vorkurs in Richtung auf das obige Paradigmendenken umformen und damit seiner wahren Substanz berauben würde. Ich darf nocheinmal auf mein Jahr Uni verweisen und meinen Satz Bilder sind farbig, nicht lateinisch zitieren. Wer zeichnen lernt muss erst einmal sein Wissen vergessen und SEHEN lernen. Solange man zeichnet was man weiss bleiben es kümmerliche Blätter. Erst wer das angelernte Wissen beiseite schiebt, kann zeichnen und malen, und jene Seiten unseres Lebens einfangen, welche von den herrschenden Paradigmen ausgeklammert werden, aber gleichwohl existieren und über kurz oder lang auch in den Wissenschaften zu ihrem Recht kommen.

 

Bei den Wissenschaften und Künsten handelt es sich um zwei unterschiedliche Perspektiven, die sich nie ganz vereinigen lassen, immer in der einen oder anderen Hinsicht widersprüchlich bleiben. Mit solchen Widersprüchen müssen wir leben. Sie sind die beiden Pole der Batterie, welche das Lämplein zum Leuchten bringen. Es sind komplementäre Teile unseres Lebens, und beide sollen je für sich gepflegt werden. Der Vorkurs erlaubt und fördert das künstlerische Denken. Ich würde es sehr bedauern, wenn er an eine Hochschule verschoben und dem akademischen Paradigmendenken unterworfen würde.

 

 

Tätiger Dank

 

Wie gesagt, war der Vorkurs 74/75 mein bestes Schuljahr, ich fand meinen Weg, der mir noch genug Schwierigkeiten bereiten sollte, aber ich lernte, dass ich meinen Augen und meinem Verstand trauen darf. Der Vorkurs ist ein Jahr geschützte Kreativität, in welchem man etwas aus dem Inneren entwickeln darf, und die keimenden Ideen aus der Jugend halten oft ein ganzes Leben an.

 

Ich schreibe diesen Brief aus Dankbarkeit gegenüber dem Vorkurs und meinem Klassenlehrer Peter Lüthi. Auch als Entschuldigung für meine damalige Unbotmässigkeit. Nach dem Vorkurs habe ich Herrn Lüthi noch ein paarmal gesehen. Er klagte mir, dass seine neue Klasse nur einfach dasitze, ihn anschaue und auf eine Aufgabe warte; es gäbe niemanden, der von sich aus tätig würde wie ich damals ... Später vernahm ich, dass sich der Vorkurs in meinem Sinne wandelte, hin zu mehr Experimenten (natürlich auch unter dem Einfluss der aus der Kunstgewerbeschule hervorgegangenen F&F).

 

Der Vorkurs half mir zu einem neuen Approach in der Kunstgeschichte. Dieser wurde im Jahr 1994 mit einem Preis der Uni Zürich belohnt, verliehen am dies academicus, für mein Buch: AMPHITRITE UND POSEIDON IM SALON DER VILLA FARNESINA, oder „Alles ist gleich, alles ungleich“ (Vorarbeiten für ein elektronisches Buch, 1974-1994-????). Aus der Laudatio: Kunstgeschichte, verstanden als Kunst des Möglichen, in deren virtuellen Räumen sich Assoziationen, Fiktionen und Fakten treffen, findet in dieser ideenreichen Arbeit eine originelle literarische Form.

 

Von diesem Preis abgesehen bekam und bekomme ich lauter Absagen. So wurde mir einmal beschieden, dass meine Arbeit sehr interessant wäre - nur würde sich leider niemand dafür interessieren, weil nach Meinung der gesamten Redaktion über die Mona Lisa schon alles gesagt sei … Inzwischen publizierte Margaret Livingstone, Neurobiologin in Harvard, dieselbe Erklärung für das Lächeln der Mona Lisa, wie ich sie damals im Vorkurs 74/75 gefunden habe. Es gäbe also Neues über Leonardos Bild zu sagen, nur kommt man leider in der Schweiz mit neuen Einsichten kaum an.

 

Gilt auch für meine geometrischen Bildanalysen, die meine Interpretationen stützen, manche kunstgeschichtliche Frage klären, die Rekonstruktion beschnittener Formate und ganzer Bildprogramme erlauben, und dem Schweizer Kunsthandel einen Wettbewerbsvorteil verschaffen würden. Alle meine diesbezüglichen Eingaben seit 24 Jahren sind vergeblich.

 

Gilt ebenso für meine mathematikhistorischen Arbeiten, in denen ich unter anderem zeige, dass die Ägypter lange vor Archimedes eine systematische Form der Kreisberechnung kannten, und zwar auf der Basis des Heiligen Dreieckes 3-4-5. Ich bin der Meinung, dass eine prosperierende globale Gesellschaft eine faire Kulturgeschichte erfordert, welche die Leistungen auch der vorgriechischen und aussereuropäischen Zivilisationen anerkennt, bleibe damit aber ziemlich allein. Doch eben, das gute Jahr Vorkurs bei Herrn Lüthi gab mir Mut und Vertrauen. Und sagen nicht alle Bundespräsidenten seit Arnold Koller, dass es in der Schweiz mehr Mut brauche?

 

Wäre noch eines anzufügen. Im Vorkurs habe ich gesehen, dass andere viel besser zeichnen und malen als ich, und erst recht einer wie Leonardo da Vinci, aber ich verfüge über ein bildnerisches Einfühlungsvermögen, womit ich ein Bild neu beleben und wieder aktuell machen kann. Aus diesem Grund habe ich aufgehört zu zeichnen, es sei denn für meine wissenschaftlichen Arbeiten, und bin im Vorkurs lieber von einem zur anderen gegangen, habe mir die Blätter angeschaut, habe viel Schönes gesehen und darauf hingewiesen. Herr Lüthi liess mich freundlicherweise auch darin gewähren, desgleichen meine Kameraden. Die Angewohnheit ist mir geblieben. Ich habe seit 1975 manche Leute getroffen, die in der einen oder anderen Weise künstlerisch tätig sind, und habe sie mit meinem Einfühlungsvermögen bestärkt. Wer so viel Wertvolles lernte wie am Vorkurs gibt es gerne weiter, teilt seine Freude mit anderen.

 

An dieser Stelle möchte ich auf ein künstlerisch begabtes Mädchen namens Muda hinweisen. Ihre Mutter hat wenig Geld und wird kaum eine besondere Ausbildung vermögen. Darum habe ich eine Idee: wenn Herr Ruedi Wyss einverstanden sein sollte, würde ich gerne hin und wieder Arbeiten des Vorkurses anschauen, das eine oder andere Blatt herauspicken und es so beschreiben und interpretieren wie ein Bild im Museum, einfach sagen was ich darin sehe, und das Honorar Muda zuhanden einer späteren Ausbildung zukommen lassen.

 

Wieviel haben die besseren Schüler und Schülerinnen aus meiner Klasse vom Vorkurs profitiert und inzwischen dem Staat, ihrer Gemeinde, ihrem Bekanntenkreis, ihrer Familie gegeben oder zurückgegeben? Das könnte nur ein himmlischer Buchhalter ausrechnen. Aber ich glaube, dass die Bilanz positiv für den Vorkurs ausfiele und keine Auflösung sondern im Gegenteil einen Ausbau der begehrten Schule rechtfertigte (900 Anmeldungen pro Jahr, nur 250 können aufgenommen werden).

 

 

Was haben die Hochschulen im Sinn?

 

Dem Schweizer Volk ist es nicht entgangen, dass seit fünf Jahren ein Milliardendebakel dem anderen folgt, eines schwerer als das vorherige, kein Ende absehbar. Das Beispiel der Swissair ist hinlänglich bekannt, und leider hat die Nachfolgerin Swiss wenig oder nichts gelernt, ausgerüstet mit zwei Milliarden Franken vom Staat, aber ohne tauglichen Businessplan (wogegen die spin-off Firmen der ETH bücherdicke Businesspläne abliefern müssen und wenig oder kein Geld bekommen). Noch vor zehn Jahren war die Schweizer Luftsicherheit europäische Spitze, die technischen Dienste waren hervorragend, Piloten und Kabinen- und Bodenpersonal hochmotiviert. Aber leider hat man diese Werte einer megalomanen Expansion geopfert. Die Swissair kaufte allerlei Fluggesellschaften zusammen, arbeitete indes mit einem veralteten Computersystem, das eigenmächtig Flüge annullierte Der Flughafen Kloten musste sich in Unique (= einzigartig) umbenennen und die Genfer Verbindungen an sich reissen. Was hat er davon? Leere Hallen, enorme Abschreiber infolge einer verfehlten Strategie, und kaum lösbare Probleme wegen des massierten Fluglärms.

 

Ich glaube ein Muster in vielen Debakeln zu erkennen: man ersetzt fehlende Innovation mit expansiven Strategien, opfert ihnen bestandene Werte, und muss natürlich scheitern.

 

Im Fall des Vorkurses befürchte ich Ähnliches. Lassen Sie mich dies erläutern.

 

Im Sommer 2001 liess die ETH verlauten, dass sie mit Harvard gleichziehen wolle. Ich schrieb einen Brief an die ETH Zürich, gab zu bedenken, dass ein solcher Anspruch eine neue Offenheit erfordere, und schlug eine Lehrwerkstatt vor, in welcher ich ein Semester lang einen neuen Mathematik-Unterricht auf der Basis meiner Arbeiten zur vorgriechischen und aussereuropäischen Mathematik und Geometrie erarbeiten und erproben möchte, wenn möglich in Zusammenarbeit mit Primarlehrern und -lehrerinnen. Ich wartete lange auf die Absage, einen knurriger Zweizeiler. In derselben Woche, als die Absage eintraf, fand an der ETH ein Vortrag im Rahmen des Latsis-Kolloqiums statt: Wie Europa seinen wissenschaftlichen Nachwuchs vernachlässigt. Diesen Frühling konnte man an der Uni Zürch eine Vortragsreihe zum Thema Sehen besuchen. Titel eines Vortrages (aus dem Gedächtnis zitiert): Gehört Wissen zum Sehen? Ich schickte eine CD hin, worauf sich unter anderem meine Arbeit Mona Lisa, an Allegory of Seeing befindet, und schrieb, dass ich die Frage 1974/75 im Vorkurs der Kunstgewerbeschule mit einem klaren Ja entscheiden konnte. Erhielt aber keine Antwort. Diesen Sommer konnte man lesen, dass die ETH auf dem Hönggerberg eine Science City in Form eines amerikanischen Campus aufbauen und mit Boston (Harvard), Cambridge und Delft gleichziehen wolle. Werde wieder einen Brief hinschreiben und eine Laufgalerie (Gangvitrinen) mit Wechselausstellungen in Sachen mathematische Visualisierungen vorschlagen, und dann sehen, ob sich etwas in mentaler Offenheit getan hat. Bislang habe ich wenig vernommen, was in diese Richtung weisen würde, und so befürchte ich, dass unsere Hochschulen, die bekanntlich immer mehr ins Mittelmass absinken, die verhängnisvolle Strategie der Swissair und anderer Schweizer Firmen nachahmen: Innovationen versäumen, mit expansiven Strategien ersetzen, und ihnen bestandene Werte opfern. Wie zum Beispiel den Vorkurs, der in guter alter Schweizer Manier seinen bescheidenen Namen beibehielt, wogegen die Kunstgewerbeschule Zürich, deren graphische Abteilung einst Weltruf genoss, zur Hochschule für Gestaltung und Kunst mutierte und sich für meinen Begriff zu sehr in Richtung einer akademischen Hochschule entwickelt.

 

Statt den Vorkurs in eine Hochschule einzugliedern sollte man umgekehrt vorgehen und die Studierenden der Hochschulen in den Vorkurs bringen!

 

In meiner Verzweiflung über das akademische Paradigmendenken habe ich manchmal gesagt, dass die kunsthistorischen Seminare „Blindenschulen“ seien: Die jungen Leute gehen sehend hinein und kommen blind heraus … Ich meine, es wäre unbedingt ein Vorteil, wenn die angehenden Kunsthistoriker und –historikerinnen ein Jahr lang sagen wir einen oder zwei halbe Tage pro Woche im Vorkurs verbringen und selbst erfahren, was man alles mit einem Stift oder Pinsel auf einem Papier sagen kann. Den Vorkurs in seiner gegeben Form bewahren und auszubauen (unter anderem im Hinblick auf Kurse für Akademiker) scheint mir der bessere Weg zu sein als ein Wechsel an eine Hochschule - sei es die Uni oder ETH, oder sei es die HGKZ selber, die sich mehr und mehr am universitären Vorbild ausrichtet.

 

Für den Vorkurs braucht es keine Professoren, sondern pädagogisch begabte Künstler und Künstlerinnen, deren Philosophie aus einer innigen Liebe zu ihrem künstlerischen Handwerk hervorgeht.

 

 

Am richtigen Ort sparen

 

In der Schweiz glaubt man, dass die Gelder ewig und von selber fliessen. Man hat vergessen, dass unser Land noch vor fünf bis zehn Generationen bitter arm war, hält unseren Wohlstand für garantiert, und begegnet Krisen mit Beschwörungsformeln:

 

Eine Swissair kann nicht untergehen! Mit ihrer Nachfolgerin Swiss steht alles zum Besten! Die Renten sind sicher! Der Aufschwung kommt! Die Bundesfinanzen sind geregelt, für 2003 ist ein kleiner Überschuss zu erwarten!

 

Schöne Worte sind Flügel aus buntem Seidenpapier: sie tragen ein Spielzeug aber keinen Airbus.

 

Die Swissair gibt es nicht mehr. Ihre Nachfolgerin Swiss macht pro Tag zwei Millionen Franken Schulden, im Oktober soll ihr das Geld ausgehen. In den Pensionskassen klaffen Milliardenlöcher, die AHV steht auf wackligen Beinen, die IV macht jedes Jahr über eine Milliarde Franken Schulden. Der von der Konjunkturstelle der ETH seit Jahren versprochene Aufschwung kam nicht, seit Juni sind wir in einer neuen Rezession. Schon im Januar tat sich ein Milliardenloch in den Bundesfinanzen auf, inzwischen sind wir bei einem Minus von fünf Milliarden.

 

Wenn die Beschwörungsformeln versagen, kommt es zu Sparmassnahmen, die man als konzeptlos bezeichnen muss, insbesondere in den sensiblen Bereichen Bildung und Forschung. Wenn man hier sparen will, so bitte an der Bürokratie. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Artikel Wo versickern die Forschungsmilliarden? meines einstigen Klassenkameraden Urs Paul Engeler in der WELTWOCHE vom 12. Juni 2003 verweisen.

 

Manche Professoren sollen nur noch Gesuche schreiben und die Forschungsarbeit ihren Assistenten überlassen. (Und meinesgleichen kommt sich vor wie der Landvermesser K. vor dem Schloss.)

 

Eine Bildungspolitik, der es wirklich um die geistigen Ressourcen des Landes ginge, würde eine Triage-Stelle schaffen, bei welcher man Skizzen zu Gesuchen einreichen könnte, und wenn einige Aussicht auf Erfolg bestehen sollte, könnte man die eigentlichen Gesuche ausarbeiten. Stattdessen muss man im Vornherein bücherdicke Formulare ausfüllen, bis anderthalb Jahre auf Bescheid warten, und sich dann mit einer formalistischen Absage zufriedengeben. Ich weiss, wovon ich rede. Ein Beispiel von vielen. Im Jahr 2001 schrieb die Eidgenössische Kommission für Menschenrechte und gegen Rassismus einen Wettbewerb für Projekte im Bereich Bildung aus. Ich reichte zwei zusammenhängende Projekte ein: Für eine faire Kulturgeschichte in den Zürcher Schulbüchern, und Für einen neuen Mathematik-Unterricht auf der Basis meiner Arbeiten zur vorgriechischen Geometrie und Algebra. Angelika Kaufmann und Michele Galizio beschieden mir (ausnahmsweise nach wenigen Wochen), dass ich meine Projekte bei der falschen Ausschreibung eingereicht hätte, ignorierten mein Anliegen, und schickten mir ein Formular für die Teilnahme an der Ausschreibung Sport! Angelika Kauffmann verliess das EDI, dem Vernehmen nach mit einer hohen Abfindung. Bleibt anzufügen, dass die Eidgenössische Kommission für Menschen-rechte und gegen Rassismus die dicksten Formulare verschickt, die ich je zum Ausfüllen bekommen habe, und dass Bundesrätin Micheline Calmy-Rey eine Kommission für Menschenrechte gründen will. Mit Verlaub: es gibt schon eine solche Kommission. Eine zweite Kommission für Menschenrechte wäre eine Aufblähung der Bürokratie. Wenn schon mehr Bürokratie, dann soll man bitte das Personal zur Bekämpfung der Geldwäscherei und Wirtschaftskriminalität aufstocken. In diesen Bereichen haben wir gute Gesetze, aber viel zu wenig Personal. Die Geldwäscherei kostet uns Ansehen, die Wirtschaftskriminalität jährlich fünf Milliarden Franken. Dagegen kostet der Vorkurs der HGKZ eine relativ bescheidene Summe von jährlich vier Millionen Franken (weniger als die 6,5 Millionen für das Museum der HGKZ, welches leider auch geschlossen werden soll).

 

Vor rund zwanzig Jahren schrieb der ehemalige Zürcher Stadtpräsident und damalige Nationalrat Sigmund Widmer in einer Kolumne zum neuen Jahr: Die Schweiz kann nur überleben, wenn aus dem Werkplatz Schweiz ein Denkplatz wird.

 

Wer hat seinen Aufruf ernst genommen?

 

Jährlich verlassen 700 junge Wissenschafter die Schweiz (TAGESANZEIGER), beziehungsweise 400 bis 500 brillante junge Wissenschafter (SONNTAGSZEITUNG).

 

Wie viele junge Leute aus dem bildnerischen Bereich folgen ihnen? Eine Pipilotti Rist wäre früher an die Kunstgewerbeschule berufen worden, heute lehrt sie in Kalifornien.

 

Der LCD (liquid-crystal display) wurde in der damaligen Brown Boveri in der Schweiz erfunden aber von den Managern verkannt und für ein „Butterbrot“ von 10'000 Franken nach Japan vergeben. Unsere Manager sind grosszügig im Abräumen, besonders bei der ABB, in welcher die Brown Boveri aufging, aber kleinlich in Sachen Venture-Kapital, und was die entscheidende seed phase betrifft, so ist die Schweiz noch dreimal knausriger als Europa. In den letzten zehn Jahren gingen 400'000 EU-Forscher nach Übersee; allein im Jahr 2'000 waren es 85'700 EU-Forscher (TAGESANZEIGER vom 7. August 2003). Die EU will mit einer Investition von 17,5 Milliarden Euro zur stärksten und wettbewerbsfähigsten Wissensmacht der Welt aufsteigen. Aber erstens fehlt es in Europa wie auch in der Schweiz an Offenheit für neue Ideen, und zweitens wird das meiste Geld in der Forschungsbürokratie versickern. So will man in der Schweiz als Reaktion auf die dramatische Abwanderung eine neue Stiftung für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses gründen. Wir haben schon genug solche Stiftungen, aber sie sollten richtig arbeiten, sich am wissenschaftlichen Nachwuchs orientieren statt sich als bürokratische Selbstläufer zu gefallen. Wobei ich anmerken möchte, dass ich in den 29 Jahre meiner Arbeit vielen verständigen Beamten begegnete, die ein offenes Ohr für meine Anliegen hatten, Humor bewiesen, und mich oft auf ihre freundliche Weise und nach Massgabe ihrer Möglichkeiten förderten. Meine Kritik richtet sich einzig und allein an die Bürokratie in den Bereichen Bildung und Forschung.

 

Während des Balkankrieges gab der Zürcher Psychoanalytiker Paul Parin ein pessimistisches Interview. Am Ende wurde er gefragt, ob er nichts Positives sähe? Worauf er sagte: Wir können nur hoffen, dass wir anständige Lehrer haben. Die haben wir, glücklicherweise. Aber wie lange noch? bei einer Bildungspolitik, welche einen sicheren Wert wie den Zürcher Vorkurs opfern will, den Lehrern und Lehrerinnen immer grössere Klassen, mehr Aufgaben und bürokratische Pflichten aufbürdet, Begabungen verkennt und Scharen heller junger Leute aus der Schweiz vertreibt?

 

 

Kiffen an der HGKZ

 

Wir haben eine gute Jugend. Es gibt so viele nette, herzige und fleissige junge Leute. Ich bewundere sie auch dafür, wie sie mit der Bedrohung AIDS klarkommen. Im Auftrag eines Hilfswerkes erteile ich einem Lehrling Nachhilfestunden in Elektromechanik (freiwillig, ohne Lohn, als Dank für die gute Ausbildung, die ich bekommen habe) und staune, wie viel die jungen Leute in den Kopf beigen müssen: der Stoff dieser Lehre ist siebenmal so gross wie noch vor einer Generation! Die jungen Leute müssen immer mehr lernen, während ihre beruflichen Perspektiven immer unsicherer werden, aber sie meistern auch diesen Spagat.

 

Allerdings gibt es Tendenzen, die mir bedenklich scheinen. Vor einigen Wochen traf ich beim Haupteingang der HGKZ eine Gruppe Schüler in der 9-Uhr-Pause beim Kiffen, und sagte ihnen, dass ich es traurig fände, wenn sich junge Leute in den schönsten Jahren ihres Lebens schon am frühen Morgen zudröhnen müssen. Worauf einer flapste: Je früher desto besser. Am nächsten Morgen nach 8 Uhr zog ein älterer Schüler auf dem Weg zur HGKZ eine lange Haschfahne hinter sich her. Stehen die Schüler der HGKZ unter einem solchen Druck? Vielleicht einem Zwang zur Kreativität? Kippte die Schule zu sehr in Richtung Experimente? Jenen, die sich überfordert fühlen, sei eine Rückkehr zum soliden graphischen Handwerk empfohlen. Im Übrigen ist Kreativität nicht über Drogenkonsum zu haben, sondern kommt meiner Meinung nach aus dem Aushalten der Widersprüche, denen wir im persönlichen wie auch im gesellschaftlichen Leben begegnen. (An dieser Stelle sei nocheinmal auf den Widerspruch des künstlerischen und des wissenschaftlichen Approaches hingewiesen. Auch diesen gilt es auszuhalten, und er ist eine Quelle von Kreativität, wogegen, meiner Befürchtung nach, ein universitäres Einebnen des Vorkurses und der HGKZ diesen Quell versiegen lassen würde.) Zudem ist der Konsum von Drogen, wozu auch Alkohohl gehört, auf die Länge Selbstbetrug, weil der von aussen her mit Drogen überschwemmte Organismus die Produktion der körpereigenen Endorphine einstellt und danach die regelmässige Zufuhr eines teuren Stoffes verlangt, den er gratis und in reinster Qualität selber produzieren könnte.

 

Gemäss neuen Hominidenfunden in Kenya sei die Menschheit sechs Millionen Jahre alt. In diesem Zeitraum gab es noch nie so eine wohlhabende und freie Gesellschaft wie die Schweiz unserer Jahre. Aber es genügt offenbar nicht. Man will immer noch mehr. Noch mehr Drogen, noch mehr Lärm. Dieses Jahr hat der Lärm in den Sommernächten im oberen Kreis 5 ein unerträgliches Mass angenommen. Wilde Partys, Donnerlärm bis 3 oder 4 Uhr morgens. Die Polizei sagt, sie würde Hundertschaften brauchen, um diese Anlässe aufzulösen, und die Veranstalter geben einem zu bedenken, dass man selber schuld sei, wenn man in einem solchen Quartier wohne. Will heissen: in einem Sucht- und Lärmquartier. Der obere Kreis 5 ist allerdings ein Schulquartier, wohl das dichteste in der Schweiz, wenn nicht gar in Europa. Hier reihen sich die Schulhäuser an den Strassen wie Perlen an Schnüren. Nur sind manche nicht als Schulen erkennbar. So fand die Grafikstunde meines Vorkurses 74/75 in einem Haus statt, welches noch immer mit BANANEN beschriftet ist … Wenn die jungen Leute so viel Geld für ihre Dauerparty ausgeben (den öffentlichen Raum usurpieren, die Städte belärmen und die Schweiz mit Abfall übersäen), darf man von ihnen wohl auch grössere Beiträge an ihre Ausbildung fordern. In diesem Sinne bin ich mit dem geplanten Abbau von Stipendien einverstanden, meine aber, dass begabte junge Menschen aus weniger bemittelten Familien Unterstützung verdienen. Im Weiteren hoffe ich, das der Stadtrat von Zürich den oberen Kreis 5 als Schulquartier ernst nimmt und ihn weder den Drogen noch dem Partylärm ausliefert.

 

Eines meiner Lieblingsworte zur Schweiz stammt von der polnischen Schriftstellerin Zhuzhanna Gahse, die ein halbes Jahr als Stadtschreiberin von Zug tätig war: Die Schweiz ist sehr gross, nur so raumsparend verpackt. Sie hat recht. Unser Land ist von der Fläche her klein aber sehr vielfältig und fein gegliedert. Die früher oft beklagte helvetische Enge hat auch ihr Gutes: sie erfordert intelligente Lösungen des Zusammenlebens und –arbeitens. Intelligenz offenbart sich in funktionaler Organisation und feiner Differenzierung auf der Basis elementarer Werte. Intelligente Menschen haben einen Sinn für das Wesentliche, sind differenziert, und können funktionale Zusammenhänge herstellen. Wenn die Schweiz ihre intelligente Politik weiterführen will, so sollte sie von den gegebenen Werten ausgehen ---zum Beispiel den Vorkurs erhalten und vorsichtig ausbauen, seine Organisation stärken und ein förderliches Umfeld erhalten, im oberen Kreis 5 Leute ansiedeln, welche den schulischen Charakters des Quartieres schätzen und sich dafür engagieren.

 

An die jungen Leute, die nie genug bekommen: Wie wär’s mit einer Aufgabe? Einem Engagement? Mit weniger Konsum aber ehrlichem Wohlstand, der dann auch besser schmeckt? Wie war das nocheinmal mit den Parolen von Frieden und Gerechtigkeit im Frühling dieses Jahres? Solche Ziele verlangen mehr als Worte. An die Lärmer: Es ist auch schön, wenn man einfach mal an einem Abend zuhört, wie es dunkel wird. An den Zürcher Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber: Wie glaubwürdig ist Ihr Kampf gegen den Fluglärm, wenn Sie einen lärmigen Anlass nach dem anderen bewilligen? An das Landesmuseum Zürich: Donnerlärm im Hof ist kein Rezept gegen Trübsal in den Hallen, sie würden besser Ihr Verständnis der Kulturgeschichte auffrischen (ich denke an die sonderbare Synopsis der langen Sandvitrine im Untergeschoss). An Polizeipräsidentin Esther Maurer, ehemalige Lehrerin und Prorektorin der Kantonsschule Wetzikon: Vielen Dank für Ihr Verständnis für den lärmgeplagten oberen Kreis 5.

 

 

Was heisst Kultur?

 

Nachdem ich in meinem offenen Brief an den Zürcher Regierungsrat mehrere theoretische Fragen angeschnitten habe, möchte ich eine weitere Frage erwähnen, die sowohl für die HGKZ als auch für die Politik von Bedeutung sein könnte: Was heisst Kultur?

 

Im Vorkurs 74/75 habe ich mehrere Aspekte dieser Frage beleuchtet und konnte sie um 1980 folgendermassen beantworten: das Wort Kultur bezeichnet a) einen natürlich-künstlichen Lebenskreis, b) eine ebensolche Lebensweise, und c) eine Aufgabe.

 

Das lateinische agricultura heisst Ackerbau. Dabei geht es um das Anlegen von Feldern, das Säen, Hegen, Pflegen, Bewässern, Ernten und Züchten von Pflanzen, was mithilfe von allerlei Werkzeugen, Geräten und Maschinen geschieht. Im archäologischen Sinne spricht man zum Beispiel von der Steinbeilkultur oder von der Glockenbecherkultur. Kultur im Sinne von Lebensweise hat zum Beispiel wer mit Essbesteck umzugehen versteht. Worum geht es bei der Aufgabe? Diese besteht im Einfügen der künstlichen Dinge ins menschliche Leben und die natürlichen Lebensräume, im Entwickeln geeigneter Lebensformen, im Ausarbeiten von Regeln und Gesetzen, welche diese Dinge auf die beste Weise nützen und ihre schädlichen Auswirkungen minimieren. Die Bedeutung der Kultur im Sinne einer Aufgabe wird ermessen, wer etwa an die Gentechnologie denkt.

 

Kulturelle Anlässe wie zum Beispiel Opern, Schauspiele, Konzerte, oder Institutionen wie Museen, enthalten einen künstlerischen Kern, der gleichsam das menschliche Mass vorgibt, so wie eine mathematische Formel als technologische Vorgabe dient. Bei den kulturellen Anlässen geht es um eine Vermittlung des menschlichen Masses im Hinblick auf die bestmögliche Gestaltung der natürlich-künstlichen Menschenwelt. Meiner Meinung nach ist zum Beispiel der öffentliche Raum eine kulturelle Errungenschaft, während der zunehmende Lärm in den Innenstädten, Donnermusik bis in den Morgen hinein, verstellte Plätze, quer auf den Trottoirs geparkte Velos und Motorräder, Scherben und andere Abfälle, immer mehr Plakattafeln auf den Trottoirs, einen Verlust an öffentlichem Raum und also an Kultur darstellen. Es kommt nicht darauf an, möglichst viele Anlässe zu organisieren und die ganze Stadt mit „Kunstwerken“ vollzustopfen, es kommt vielmehr auf eine vernünftige Einrichtung an, die uns das Leben erleichtert.

 

Ich möchte nocheinmal auf die produktive Komplementarität von Naturwissenschaften und Künsten hinweisen: jene stellen die Technologien zur Verfügung, diese gliedern sie ins Leben ein. Beim Vorkurs an der HGKZ geht es im Prinzip um das Entwickeln eines menschlichen Massstabes, welcher eine förderliche Entwicklung der künstlichen Umwelt erlaubt. Eine grosse, ja enorme Aufgabe, welche eine Universität nicht leisten kann, welche aber der Vorkurs im besten Sinne erfüllt.

 

Joseph Beuys: Wer sich geschnitten hat, soll das Messer verbinden. Das tönt absurd, ist aber meiner Meinung nach eine brillante Formulierung des Rechtes. Messer sind nützliche Werkzeuge, aber auch gefährlich. Eine im Zorn verabreichte Ohrfeige hinterlässt eine surrende Backe, wogegen ein Messerstich tödlich enden kann. Mit einem Messer kann man mehr Schaden anrichten als von blosser Hand. Deswegen braucht es Gesetze, welche den Besitz von Messern regeln und ihren Gebrauch einschränken. Mit der Gentechnologie können wir feiner schneiden als mit jedem Messer; Gene separieren und neu kombinieren; spezifische Medikamente synthetisieren; Krankheiten vorbeugen, sie vielleicht auch einmal heilen, und wer weiss, in absehbarer Zeit den Mars beleben, und möglicherweise einmal Proteine im Labor oder in der Fabrik herstellen, womit wir auf Tierfabriken verzichten können. Auf der anderen Seite fürchten wir den gläsernen Menschen, neue, unabsichtlich produzierte oder evozierte Krankheiten, und alle möglichen Missbräuche der neuen Technologie. Ihr Einbinden ins menschliche Leben ist eine kulturelle Aufgabe, die wir in keiner Weise überschätzen können.

 

Kultur ist der Schlüssel zu einer menschgemässen, nachhaltigen Entwicklung der Zivilisation. Wer vernünftige Gesetze ausarbeitet, leistet einen grossen kulturellen Beitrag; ebenso, wer brauchbare Computerprogramme schreibt. Die Künste sind der Kern der Kultur. Für ihre Entwicklung braucht es genuin künstlerische Keimzellen wie zum Beispiel den Vorkurs der HGKZ in seiner gegebenen Form. Kein verschämtes Anhängsel einer Hochschule wie die geisteswissenschaftliche Abteilung der ETH Zürich, welche vor zwei Jahren gestärkt werden sollte aber jetzt leider schon wieder unter die Räder kommt.

 

 

Schweiz – Finnland

 

Im Vorkurs 74/75 skizzierte ich eine Theorie der kulturellen Evolution auf der Basis relativer technologischer Sättigungsgrade. Je kühler, kälter, oder im Gegenteil heisser, extremer, schwerer zugänglich, weniger gut erschlossen, dünner besiedelt, unwirtlicher ein Land, desto höher sein technologischer Sättigungsgrad. Die kulturelle Evolution erschliesst Regionen immer höherer technologischer Sättigungsgrade. Die Flüsse Nil, Euphrat und Tigris, Indus, und Jangtse waren die Lebensadern und Verbindungswege der ersten Nationen. Auf dem Nil ist einfach segeln, wogegen Kreuzfahrten im griechischen Archipel bessere Schiffe, mutige Männer, geschickte Lotsen und vielseitig ausgebildete Navigatoren erforderten. Ich sehe Parallelen zwischen einer Nilfahrt entlang Palmhainen, Feldern, Dörfern, Tempeln und Bergen und der klassischen ägyptischen Reihendarstellung seitlich gehender Menschen einerseits, den Seewegen zwischen den griechischen Inseln und der hellenischen Rundplastik andererseits. Das Klima Italiens unterscheidet sich kaum von jenem Griechenlands. So haben die Römer ihre von den Griechen übernommene Technologie kaum viel weiter entwickelt, aber in die Welt hinausgetragen, und haben im Kontakt und Konflikt mit anderen Völkern das Recht ausgebaut: die im Wesentlichen noch heute gültige lex Romana. Nach und nach verschoben sich die europäischen Machtzentren vom warmen Süden in den kalten Norden. Leonardo da Vinci machte viele seiner wegweisenden Erfindungen im nebligen Mailand. Er hatte alle Elemente einer Dampfmaschine beisammen, diese wurde aber von Huygens nördlich der Alpen realisiert. Amerika bot sich zahlreichen europäischen Auswanderern als neue Heimat an, und nach den beiden von Europa verschuldeten Weltkriegen stiegen die USA zur neuen führenden Macht auf. 1968 landeten die ersten Amerikaner auf dem Mond. Gemäss der Schätzung von Biologen soll das terraforming des Planeten Mars in einem relativ kurzen Zeitraum von tausend Jahren möglich sein …

 

Der immer noch relativ dünn besiedelte nordamerikanische Kontinent lockt Scharen innovativer Menschen an. Der technologische Sättigungsgrad Nordamerikas (USA mit Alaska, Kanada) ist höher als derjenige des kleinräumigen, völlig erschlossenen, überaus dicht besiedelten Europas. Europa sollte seine Lage realistisch einschätzen, die führende Rolle Amerikas anerkennen, und eine flexible föderalistische Organisation und Verfassung anstreben. Europa verdankt seine Sicherheit Amerika, desgleichen den leichten Zugang zu wichtigen Ressourcen wie Öl. Wir sollten uns dankbar erweisen und unseren Vorteil mit einem echten Engagement für die ärmeren Kontinente begleichen, das über schöne Worte hinausgeht.

 

Die beispiellose Hitzewelle in diesem Sommer ist ein weiteres Indiz für die Klimaerwärmung. Sollte diese anhalten, so wird die Schweiz noch mehr an Innovationskraft verlieren, während das kühlere bzw. kalte und dünn besiedelte Finnland unserem Land schon heute in vielem den Rang abläuft – bessere Schulen, sauberes Wasser, erfolgreiche Firmen. Für die Schweiz sehe ich im Rahmen meiner obigen Kulturtheorie zwei Möglichkeiten: a) wir nehmen die vom Volk beschlossene Alpenkonvention ernst, betrachten unsere schönen Berge als technisch-kulturelle Herausforderung, halten die klugen Köpfe im Land, erkennen und pflegen bestehende Werte wie zum Beispiel den Vorkurs der HGKZ, orientieren uns ebenso an Amerika wie an Europa, und nehmen zum Dank für unsere vorteilhafte Nischenrolle ein echtes Engagement für die armen Kontinente wahr, oder b) wir kooperieren mit Finnland, übergeben die Swiss der Finair, unsere Schulen den finnischen Bildungsräten, unsere Wasseranlagen dem finnischen Umweltministerium, die serbelnde Ascom der florierenden Nokia.

 

(Die Idee zu diesem Kapitel kam mir beim Schwimmen im Türlersee, in diesem ganz ungewöhnlich heissen Sommer.)

 

 

Kiitoksia poljan! Näkemiin

 

Franz Gnaedinger

 

PS  Keine Antwort auf meinen Brief, aber am 23. September ging die Swiss eine Allianz mit One World ein, der von einem Finnen geleitet wird, und welcher neben American Airlines und British Airways die Finair angehört. Nun möchte ich vorschlagen, dass ein paar Finnen im Management und Verwaltungsrat der Swiss Einzug halten. Danach in der Zürcher Bildungsdirektion.

 

PPS  Am selben Tag, als mein PS online ging, bekam ich eine allerknappste Empfangsbestätigung für meinen offenen Brief im Auftrag von Regierungsrätin Regine Aeppli. Am Radio vernahm man von den Rekord-Defiziten der Expo-Kantone Vaud und Neuchâtel. Die Expo machte Schulden über Schulden im Namen der Kultur, sie hat keine Perspektiven für unser Land aufgezeigt, Martin Heller hatte kein besseres Motto als Über die Verhältnisse leben. Aushänge der Zeitungen reden von der Generation Schwips und vom Schlaf der Sozialdemokraten: SP – Schlaf der Gerechten. Ein Lehrer – ein guter, der sich wirklich um das Wohl seiner Schüler und Schülerinnen kümmert – findet meinen Brief schön und lesenswert. Eine in die Schweiz verschickte Kopie reiste weiter nach Nairobi, wurde da gelesen, und bekam das folgende Gütesiegel: voller Liebe, Leidenschaft und Erinnerungen … hat mich sehr berührt. Ich erfahre auch, dass die Leiter von hiesigen Schulen wegen des ständigen Zwangs zum Beschaffen von Mitteln an den Rand der Erschöpfung geraten. Unsere Bildungspolitiker treiben ein gefährliches Spiel. Was bleibt von den schönen Reden von der Wichtigkeit der Bildung für die Schweiz? Finnland steht in Sachen internationale Wettbewerbsfähigkeit wieder auf Platz 1. während die Schweiz von Rang 5 auf Rang 7 zurückfiel. Peter Lüthi dankt für meinen engagierten, couragierten Brief, er schickt mir einen Malerbrief unter Verwendung von altem Schulmaterial, weil es eben Spass macht  Luethi  Die Schweiz eröffnet nach Boston ein zweites Haus der Wissenschaft in San Francisco, von Offenheit für neue Ideen in der Schweiz aber keine Bohne, weshalb der brain drain aus der Schweiz unvermindert anhält.

 

Besprechung zweier Diplomarbeiten der Hochschule für Gestaltung+Kunst Luzern  Diplom 03

 

 

 

 

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