Schweiz --- Tamedia SonntagsZeitung TagesAnzeiger Fernsehen / © Franz Gnaedinger 2003, fgn(a)bluemail.ch, fg(a)seshat.ch, www.seshat.ch

 

 

 

In den hiesigen Medien kann man immer wieder dieselbe Klage lesen: Unsere Intellektuellen schweigen. Allerdings gibt es keine Foren, in denen meinesgleichen zu Wort käme. In der SonntagsZeitung des Tamedia-Konzernes, dem auch das Flaggschiff TagesAnzeiger gehört, publizierte Roger de Weck, ehemaliger Chefredaktor des TagesAnzeigers, eine Kolumne, worin er von Verweigerung der Debatte in Bezug auf den Krieg im Irak sprach. Ich schrieb einen kurzen Leserbrief, der nicht erschien, hierauf einen langen, offenen, der damaligen Weltlage entsprechend emotionalen Brief, worin ich ein paar meiner Meinung nach wichtige Dinge sage. Ich könnte sie nocheinmal neu in weniger heftigem Ton sagen, aber sei’s drum. Im PS folgt übrigens ein Lob für den neuen TagesAnzeiger.

 

 

Offener Brief an Herrn Roger de Weck, c/o SonntagsZeitung, Tamedia, Zürich  (Web-Version)  /  Zürich, 23. April 03

 

Sehr geehrter Herr de Weck,

danke für Ihre Zeilen. Auch ich war immer gegen die "Lieferung von Waffen und anderen Hilfsmitteln des Todes an Saddam und die anderen", ohne dass ich mich deswegen als Gutmenschen lobe. Sie haben in der SonntagsZeitung von Verweigerung der Debatte gesprochen, aber selbstverständlich hatte mein Leserbrief keine Chance. Auch in Ihrem persönlichen Schreiben an mich gehen Sie mit keinem Wort auf meinen Leserbrief ein, der meine Antwort auf Ihre Kolumne war. Mir fällt auf, dass viele der sog. Gutmenschen zum serbischen Völkermord an 250'000 bosnischen Muslimen schwiegen, und erst ausriefen, als die Nato unter amerikanischer Führung einen weiteren serbischen Genozid an den kosovarischen Muslimen verhinderte. Gilt auch für die GSOA, was meinen Respekt für diese Gruppe schwinden liess. Der Tagesanzeiger unter Ihrer Leitung hat allerdings eine klare Stellung gegen die serbischen Greuel bezogen, was ich voll und ganz anerkenne, und habe Ihren nicht ganz freiwilligen Abschied vom Tagi sehr bedauert. Aber weiter im Text. Viele der sog. Friedensbewegten haben auch zum Bürgerkrieg in Afghanistan geschwiegen, der zwei Millionen Muslime das Leben kostete, ebenso zu Saddam Hussein, der eine Million toter iranischer Muslime und je nach irakischer Quelle einen halbe Million (182'000 Kurden im Norden, 300'000 Schiiten im Süden) bis eine Million irakischer Muslime auf dem Gewissen hätte wenn er denn eines hätte. Dieselben Leute schweigen zum Krieg in Tschetschenien, wo es wieder Muslime trifft. In Europa gibt es einen alten Hass auf die muslimische Welt, und es scheint mir, dass dieser noch lange nicht überwunden ist, sondern mit politischer Überkorrektheit kompensiert wird: man sagt kaum ein Wort zu den elenden Zuständen in der arabischen Welt (Folterregimes; Verstümmelung von zwei Millionen Mädchen und Frauen im Yemen und den islamischen Ländern Nordafrikas; Verwüstung reicher Länder und Landstriche). Gewisse Linke rechtfertigen alles und jedes, verleugnen die Aufklärung, die Errungenschaften von 1968, die Frauenbewegung etc. sobald es um die arabischen Länder geht. Dafür unterstützt man insgeheim diejenigen, welche am meisten Muslime erledigen bzw. den Islam per Fanatismus diskreditieren. Ich meine in der Friedensbewegung neben echter Liebe zum Frieden auch weniger edle und sogar bedenkliche bis gegenläufige Motive zu erkennen: man kann sich so leicht mit ein paar schönen Worten von allem distanzieren und absolvieren (90 Prozent des Öls vom persischen Golf fliessen nach Europa), die Gefahr von möglichen Anschlägen bei uns bannen, und vor allem den Islam unter dem Mantel der Friedensliebe bekämpfen, indem man de facto jene unterstützt, welche am grausamsten und effizientesten gegen die grösstmögliche Zahl von Muslimen vorgehen. Ich rede nicht von bösem Willen, schon gar nicht bei den vielen jungen Leuten, welche auf die Strasse gingen, aber von einem unbewussten Motiv: einer nie wirklich aufgelösten oder aktiv überwundenen Furcht vor dem Islam. Dies wollte ich mit meinem kurzen Leserbrief zu bedenken geben, aber natürlich erfolglos.

 

Meine Haltung in diesen Fragen ist eine andere. Wir sollten zur Aufklärung stehen und den arabischen Ländern in aller Klarheit sagen, was bei ihnen falsch läuft: es braucht den säkulären Staat, weil die Erfahrung lehrt, dass sich noch jeder Gottesstaat schwer versündigte; alle religiösen Bücher sind von Menschen geschrieben, auch die Bibel, auch der Koran, und alle religiösen Vorschriften sind von Menschen erlassen (wenn zum Beispiel der Papst gegen jegliche Vernunft den Gebrauch von Kondomen verbietet, so geht es weniger um Religion als um die Macht der Römischen Kirche: es sollen so viele katholische Seelen als immer möglich zur Welt kommen und der wachsenden islamischen Gemeinde zahlenmässig Paroli bieten - wie dann die vielen Menschen leben ist sekundär); es braucht gleiche Rechte für die Mädchen und Frauen, denn ihr Wohlergehen ist der Massstab für das Wohlergehen einer Nation, in Afrika leisten die Frauen rund 90 Prozent der Subsistenzwirtschaft, und Aufforstungsprojekte in Asien funktionieren nur, wenn man sie Frauen anvertraut; es braucht eine Demokratie auf realistischer Basis (man kann von ihr nichts Unmögliches verlangen; man stelle sich eine Abstimmung vor, an der man gefragt würde: Wollt Ihr ewig leben, in Glück, Frieden und Wohlstand, Ja oder Nein? da könnten 98 Prozent aller Stimmberechtigten Ja stimmen, aber man könnte das Ergebnis niemals einlösen). Mit anderen Worten: man sollte vernünftige Leute wie Bassam Tibi (derzeit an der Universität Göttingen) unterstützen. Wieso lebt eigentlich die ganze Elite der arabischen Welt im Westen? Gleichzeitig, und das ist mein persönlicher Beitrag in diesen Fragen, sollten wir endlich den Euro-Rassismus überwinden und die grossen Leistungen der Völker auch aus dem arabischen Raum anerkennen. Laut SonntagsZeitung haben die Araber die griechische Geometrie gestohlen - und dann über Jahrhunderte hinweg bewahrt, bis Europa zur Aufnahme des eigenen Erbes bereit war. Das Gegenteil ist richtig: die Griechen haben die Geometrie und Mathematik von den Völkern aus dem arabischen Raum übernommen. Alle Schulkinder lernen die sog. Formel des Pythagoras. Niemand bekommt je vom babylonischen Täfelchen Plimpton 322 zu hören, welches die Kenntnis der berühmten Formel weit mehr als tausend Jahre vor Pythagoras in der Region des heutigen Iraks beweist. Das Spektakel zur Eröffnungsfeier der Expo 02 begann mit dem Bau der Ziqqurat von Babylon (neunzig Kilometer südlich von Bagdad gelegen) und dem Fall der mesopotamischen Zivilisation infolge Hochmutes. Falsch. Das Reich von Ur zerfiel wegen der Versalzung der Böden (ein Schicksal, welches das Landwirtschaftsministerium der EU auch für unseren Kontinent anstrebt, mit viel Erfolg in Griechenland, Sizilien und Portugal). Die Versalzung der mesopotamischen Böden war eine Folge der ausgedehnten Bewässerungsanlagen, welche die vielgerühmten Anlagen der späteren Römer um ein Weites übertrafen. Wer hört je von diesen Wunderwerken? Das Spektakel zur Eröffnung der Expo ging weiter mit Prometheus, welcher Mann und Frau geschaffen haben soll, und mit der griechischen (!) Göttin Isis, welche als Griechin (!) das Pharaonenreich von Ägypten begründet habe. Isis war eine ägyptische Göttin, welche sich einem griechischen Liebhaber als Griechin ausgab, dann jedoch ihre wahre Identität offenbarte. Die Legende von der Erschaffung von Mensch und Frau aus Lehm stammt aus dem mesopotamischen Sagenkreis, ist also keine griechische Erfindung. Anlässlich einer Aussprache mit Martin Heller im August 2000 kam ich auf die geplante Eröffnungsfeier der Expo zu reden und gab meiner Befürchtung Ausdruck, dass einmal mehr der griechische Ursprung der Zivilisation gefeiert werden soll. Heller wies das Thema unwirsch ab. Die Eröffnungsfeier hat dann meine Befürchtung weit übertroffen: nicht allein die Zivilisation, nein, die ganze Menschheit einschliesslich Ägyptens war ein griechisches Werk. Kein Wort vom babylonischen Ursprung der mythischen Erschaffung der ersten Menschen, kein Hinweis auf die grossartigen Bewässerungsanlagen Mesopotamiens, kein Hinweis auf Aristoteles, welcher schrieb: peri Aigypton hai mathaematikai proton technai synestaesan (Metaphysik, Buch 1, Kapitel 1), keine Erwähnung von Herodot, welcher schrieb, dass die Geometrie aus dem Niltal nach Griechenland kam. Die ganze lästige Thematik von den zivilisatorischen Beiträgen aus dem arabischen Raum hat man einfach vom Tisch gefegt. Die Feier war ein teurer Flop, aber die Auffrischung des alten, in der Schule eingetrichterten Bildes vom griechischen Ursprung der Zivilisation ist gewiss angekommen.

 

Seit September 2001 habe ich Fernsehen, Tagesanzeiger, Magazin, SonntagsZeitung und Weltwoche immer wieder auf die Thematik hingewiesen; von ein paar erschienenen kurzen und oft noch gekürzten Lsrbrfchn abgesehen völlig vergeblich. Das Fernsehen bot Erich von Däniken eine Dauer-Werbe-Plattform für seinen Mystery-Park. EvD schrieb in seinem Buch über die Cheops-Pyramide, dass der ausserirdische Erbauer dieses Meisterwerks in einer verborgenen Kammer schlafe. EvD und seine grosse Leserschaft halten es für völlig undenkbar, dass die primitiven damaligen Ägypter einen solchen Bau errichten konnten. In der SonntagsZeitung gab Michael Hagman jede mögliche These und Theorie zu den ägyptischen Pyramiden zum Besten, versteckte Hinweise auf moderne Spinner-Theorien in der Nachfolge der Pseudo-Archaeologie der Nazis eingeschlossen, nur eines hat er um jeden Preis vermieden: die Erwägung, dass die Ägypter über ein mathematisches Wissen verfügten, das den Bau eines Wunderwerkes wie der Cheops-Pyramide ermöglichte. Keine griechische Geometrie, aber einfache Methoden, die Erstaunliches leisten, bis hin zur systematischen Berechnung des Kreisumfanges und der Kreisfläche (s. meine Web-Seite www.seshat.ch).

 

Wenn ich ältere Mathematik-Geschichten lese, wie jene von David Eugene Smith (Erstausgabe Ginn and Company 1925), so finde ich eine offene Haltung gegenüber den mathematischen Leistungen der aussereuropäischen Völker. Die ganz und gar verschlossene Haltung, wie sie leider auch die Tamedia pflegt (Beispiele auf Anfrage), scheint mir eine Folge des Zweiten Weltkrieges zu sein, in welchem die abendländische Zivilisation auf fürchterliche Weise einbrach. Diese Katastrophe haben wir noch immer nicht wirklich überwunden. Wir retten uns mit einem zweifelhaften Argument: Wenn wir Europäer die Zivilisation an sich geschaffen haben, so war der Zweite Weltkrieg nur ein relativer Einbruch, denn was sind all die Greuel dieses gewiss schrecklichen Krieges gegenüber der insgesamt doch unendlich viel grösseren Tat der Erschaffung der Zivilisation? Dies ist meiner Meinung nach der wahre Grund für die Härte, mit welcher der von mir bewusst so genannte Euro-Rassismus in den hiesigen Medien, Schulen, Lehrmittelverlagen, Stiftungen und weiteren einschlägigen Institutionen millionenfach verbreitet wird, wogegen Hinweise auf die Errungenschaften der aussereuropäischen Völker selten oder nie Erwähnung finden. Und dieses Dogma wird von ganz rechts bis ganz links propagiert. Kurz vor dem Irak-Krieg zum Beispiel in der christlichen Sternstunde Philosophie am Schweizer Fernsehen. Da sagte Klaus Theweleit, dass die Griechen um 800 v.Chr. das Alphabet erfunden hätten; aus dessen Linearität sei die Linie hervorgegangen, und mit der Linie sei die Geometrie in die Welt gekommen. Da müssen wir uns also von einem dezidiert linken Theoretiker sagen lassen, dass die Geometrie von den Griechen stamme. Und kein Wort vom phönizischen (libanesischen) Ursprung des Alphabetes. Griechen Griechen über alles. Ist auch das Motto von Adolf Muschg, dem ehemaligen Leiter des Collegiums Helveticum.

 

Gegenwärtig arbeite ich an der folgenden Schrift: Vom Niedergang der Schweiz und Versagen Europas. [Ein grimmiger Arbeitstitel, den ich inzwischen aufgab.] Das grosse Problem der Schweiz besteht meiner Meinung nach im Glauben, dass die Gelder ewig und von selber fliessen. Ich werde auch die Tamedia ausführlich erwähnen, denn sie treibt seit Jahren ein Spiel, das ich zunehmend als zynisch empfinde: man beklagt das angebliche Schweigen der Intellektuellen, bietet aber keine Foren an, wo neue Ideen und Einsichten zur Sprache kommen dürfen.

 

Mit freundlichen Grüssen, in Erinnerung an den Tagesanzeiger von ehedem  /  Franz Gnaedinger, Zürich

 

 

PS vom 21. September 2003: Die diesjährige Streetparade hinterliess hundert Tonnen Abfall, ein grosser Teil davon PVC-Flaschen. PVC besteht zu hundert Prozent aus Erdöl. Aber wir haben ja Öl zum Verschwenden. In Liberia tobt seit langem einer der grässlichsten Bürgerkriege, aber die Friedensbewegung schweigt, ebenso zum Krieg im Kongo, der schon zwei Millionen Menschenleben forderte, und dem drohenden Völkermord in der nordkongolesischen Provinz Iturien. In der Schweiz läuft eine Dauerparty. Adolf Muschg erklärt: Europa ist nicht rassistisch. Man schaue sich bitte einmal die Schulbücher an, insbesondere die Zeilen zur Mathematikgeschichte. Wieso begann am Collegium Helveticum unter der Leitung von Prof. Adolf Muschg immer alles mit den Griechen? Wieso kam z.B. Indien nur als Spiegel Europas vor? Die Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich HGKZ spricht vom postkolonialen Zeitalter. Man lese unsere Schulbücher, insbesondere die schon erwähnten Zeilen und Kapitel zur Mathematikgeschichte. Ferner generiert jeder Franken in die Entwicklungshilfe zwei Franken für uns. Europa sendet gerade mal 1'200 Soldaten in den Kongo. Nie genug, um den Frieden zu sichern. Die Schweizer Medien schreiben vom Versagen Amerikas. Ich möchte im Hinblick auf den Irak und andere Länder vom Versagen Europas reden. Jean-Martin Büttner schreibt im TagesAnzeiger, dass heute alles publiziert werden könne. Wer allerdings gegen die überquellende Schweizer Selbstgerechtigkeit anschreibt, und gegen den Glauben, dass die Gelder ewig und von selber fliessen, weshalb man neue Ideen und Einsichten ignorieren und Scharen heller junger Leute ins Ausland ziehen lassen könne, hat bei unseren Medien das Nachsehen. Aber immerhin stehen im Tagesanzeiger unter der Leitung des neuen Chefredaktors Hartmeier keine mathematikgeschichtlichen Rassismen mehr, wie sie früher gang und gäbe waren. Kürzlich erschien gar ein Artikel, in dem explizit von den babylonischen Einsichten die Rede war. Freute mich, auch wenn die ägyptischen Leistungen in Geometrie und Algebra nicht zu Sprache kamen. Unter dem Eindruck des Irak-Krieges erklärten Berliner Pädagogen, eine Erziehung zum Frieden einführen zu wollen. Wie wäre es mit einer fairen Kulturgeschichte? Zum Beispiel mit einem Hinweis, dass die sog. Formel des Pythagoras lange vor dem Aufblühen der klassischen griechischen Zivilisation in Mesopotamien geläufig war, wie das Tontäfelchen Plimpton 322 beweist? Gerechtigkeit und Frieden erfordern mehr als schöne Worte. Ebenso können militärische Aktionen allein den Terrorismus nie wirklich besiegen. Dazu braucht es zivile Bemühungen, wie zum Beispiel eine faire Kulturgeschichte, über die wir gute Menschen auf allen Kontinenten ermutigen und so für den Aufbau einer prosperierenden globalen Gesellschaft gewinnen, bzw. für das Lösen der anstehenden globalen Probleme. Herr de Weck schrieb mir, dass er einige meiner Ideen in seine Meinungsbildung einfliessen lassen werde. In der BaslerZeitung vom 22.August 03 erschien ein Artikel, worin Anton Wasserfallen von der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaft SATW auf den Rassismus der Grundhaltung Erich von Dänikens hinweist, wie sie im Mystery Park Interlaken zum Ausdruck kommen: „Was man dort sieht, stellt die Grundsätze der modernen Wissenschaft und Technik in Frage“, sagte Wasserfallen. Der Park verbreite auch eine rassistische Botschaft: Danach hätten die nichtwestlichen Völker der Antike ihre Wunderwerke nur mit Hilfe von Ausserirdischen bewerkstelligen können. In der SonntagsZeitung von heute ein halbseitiger Artikel, worin allein die Finanzen des Mystery Parks Erwähnung finden. Es seien mehr Besucher gekommen als erwartet, weshalb die Aktie gestiegen sei. Die Migros wolle sich allerdings nicht am Mystery Park beteiligen. Danke, Migros

 

 

 

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