Schweiz --- Schulen Drogen Lärm; Zürich (Teil 1) / © 2003-04 Franz Gnaedinger, fgn(a)bluemail.ch, fg(a)seshat.ch, www.seshat.ch

 

 

Schulen Drogen Lärm; Zürich (Teil 1) / Schulen Drogen Lärm; Zürich (Teil 2)

 

 

 

Schulen Drogen Lärm

 

Nachdem wir jahrelang Toleranz in der Nachbarschaft übten, hat der Nachtlärm in einem solchen Masse zugenommen, dass ich in Absprache mit weiteren Hausbewohnern einen Brief an die Liegenschaftenverwaltung schrieb. Danach hatten wir einen Monat Ruhe. Ich wollte ein paar wenige Auszüge aus dem Brief publizieren. Da inzwischen der Lärm wieder losging, zitiere ich fast den ganzen Brief. Es sind viele Passagen darin, welche die Schulen und Stadtentwicklung betreffen und deshalb von allgemeinem Interesse sein dürften.

 

 

 

Brief 1  (Web-Version)

 

Herrn …, Liegenschaftenverwaltung … / Kopien an die Stadtpolizei Zürich und das Zürcher Stadtpräsidium / Eingeschrieben / Betrifft: jahrelange Nachtruhestörung der Bar der Galerie ... im Hof der Ausstellungsstrasse … im oberen Kreis 5 – einem Schulquartier, das leider viele für ein Sucht- und Lärmquartier halten / Zürich, den 17. August 2003

 

Sehr geehrter Herr …, nachdem wir jahrelang den Nachtlärm der Bar der Galerie … im Hof der Ausstellungsstrasse … im oberen Kreis 5 erdulden mussten und alle persönlichen Vorsprachen bei der Wirtin der Nachtbar wie auch beim Inhaber der Galerie vergeblich waren, schreibe ich einen Brief, worin es auch um die Entwicklung des Quartiers und die Situation des Bildungswesens geht, und den ich der besseren Lesbarkeit halber in mehrere Kapitel gliedere.

 

 

Jahrelange massive Nachtruhestörung

 

Wenn ich mich recht erinnere fing es im Sommer 1997 an, als die Lockerung des Zürcher Wirtegesetzes absehbar war. Am Montagabend um zehn oder elf waren laute Stimmen vernehmbar, die in Grölen und kreischendes Gelächter übergingen. Der Lärm steigerte sich jeweils bis etwa um 4 Uhr am Morgen. Bald kam laute Musik hinzu, deren Pegel ebenfalls um 4 Uhr am Dienstagmorgen den Höhepunkt erreichte – bisweilen die Lautstärke einer Disco oder einer Technoparty. Erst wollte ich meinen Ohren nicht trauen, dann glaubte ich an ein vorübergehendes Phänomen, schloss mein Fenster und verstopfte meine Ohren. Dennoch hörte ich den Lärm und fand bisweilen bis am Morgen keinen Schlaf, obschon ich mit einem sehr gesunden Schlaf gesegnet bin. Nach mehreren Wochen ging ich einmal um Mitternacht in den Hof hinab und sah eine Gruppe jüngerer Leute vor dem Hintereingang der Galerie … sitzen und Bier trinken. Ich sagte ruhig und in freundlichem Ton, dass Mitternacht sei und wir ein Anrecht auf Nachtruhe hätten. Worauf sich ein junger Mann erhob, sich vor mir aufbaute und fragte, ob ich Schläge wolle? Er hatte eine Fahne. Die Wirtin, damals mit einer roten Perücke, und selber mit einer meterlangen Alkoholfahne, rief den jungen Mann zurück, worauf sich dieser auf alle Viere niederliess und mich anbellte. Ich sagte: Na ja, solange er nicht beisst … worauf die Wirtin meinte, wenigstens hätte ich Humor, und ob ich etwas trinken wolle? Ich sagte nein, ich würde gerne schlafen, wir hätten den Tag über sehr viel Lärm von der Sihlstrasse her, wie auch von den Werkstätten im Hof, und hätten ein Anrecht auf Nachtruhe. Sie appellierte an meine soziale Ader, und meinte ferner, dass ich selber schuld sei, wenn ich in einem solchen Quartier wohne. Womit sie offenbar sagen wollte, dass der obere Kreis 5 ein Sucht- und Lärmquartier sei, wofür ihn leider viele halten. In Wahrheit ist er jedoch ein Schulquartier, dem Vernehmen nach das dichteste Schulquartier der Schweiz, wenn nicht gar Europas. Im oberen Kreis 5 reihen sich die Schulen an den Strassen wie Perlen an Schnüren. Nur sind leider manche Schulen nicht als solche erkennbar. Die Grafikklasse des Vorkurses 1974/75, den ich besuchte, fand in einem Gebäude statt, welches noch heute mit BANANEN beschriftet ist … Am nächsten Montagabend hörte ich die Wirtin rufen, dass ihre Gäste ruhig sein sollen, denn es habe Leute, die hier wohnen und schlafen. Aber ihr Ausruf blieb unbeachtet. Der Lärm war so stark wie vorher, und es ging an den folgenden Montagen im gleichen Stil weiter, bis die Nächte kühle wurden.

 

Im Sommer des nächsten Jahres ging es wieder los, mit lauten Stimmen und lauter Musik bis morgens um 4 Uhr. Dann kamen weitere Nächte hinzu, bisweilen vom Donnerstag auf den Freitag und vom Samstag auf den Sonntag. Eine neuerliche Vorsprache von mir blieb erfolglos. Im Sommer des übernächsten Jahres wieder dasselbe Spiel. Noch mehr Lärm, noch lautere Musik, ein bis drei Nächte pro Sommerwoche. Ich ging wieder hinunter und sagte, dass wir Massnahmen gegen den Lärm ergreifen würden.

 

Die nächsten Jahre war es relativ ruhig, sei es, dass meine Vorsprachen Wirkung zeigten, oder sei es, weil mehrere Leute die Polizei gerufen haben, wie ich dieses Jahr vernahm. Eine Mieterin an der Hafnerstrasse …, welche inzwischen aus gesundheitlichen Gründen auszog, soll einmal Frau Emilie Lieberherr persönlich angerufen, den Telephonhörer aus dem Fenster gehalten und gesagt haben: Diesen Krach müssen wir erdulden.

 

Wie gesagt, es blieb ein paar Jahre ruhig, mit Ausnahmen. Ich ging pro Jahr einmal hinunter und sagte, dass wir es ernst meinen, falls der nächtliche Lärm wieder beginnen sollte.

 

Dieses Jahr begann er von neuem. Im Frühling war eine laute Filmvorführung. Die Hauswartin der Hafnerstrasse … ging in den Hof hinab, musste sich vorkämpfen, wurde unwillig angehört, hat aber doch erreicht, dass der Lärm um 10 Uhr ein Ende fand. Am Montag vor Pfingsten wieder laute Stimmen und das frühere Grölen und Kreischen bei stetig steigendem Pegel bis Dienstagmorgen um 4 Uhr. An Pfingsten war ich weg. Am Samstag nach Pfingsten wieder laute Stimmen, Grölen und Kreischen, dazu laute Musik wie früher, bis am Sonntagmorgen um vier. Ich hing einen Zettel an die Tür der Galerie … und mahnte Nachtruhe an: Bitte halten Sie sich an die Nachtruhe! Zuerst war es ruhig, aber dann begann es wieder mit dem Lärm, also ging ich in den Hof und sagte der Wirtin, dass wir es wirklich ernst meinen. In den folgenden Barnächten war es einmal ruhiger, einmal weniger ruhig.

 

Als ich gestern Samstag den 16. August nach zehn Uhr abends von einer Einladung heimkehrte, war Donnermusik hörbar. Die Galerie … gab eine Geburtstagparty. Ich ging in den Hof hinab, zog ein paar Stecker heraus und verschaffte mir Gehör. Ich bat um Nachtruhe. Es gäbe so viel Lärm bei uns im oberen Kreis 5, der ein Schulquartier sei, kein Lärm- und Suchtquartier, wie leider so viele meinen. …, Inhaber der Galerie …, kam auf mich zu und sagte mir: Du bist das grösste Stück Sch..... im Quartier! Er wiederholte seine Worte mehrmals, unter johlendem Applaus der 30 bis 40 Leute im Hof. Er zückte sein Natel und drohte mir mit der Polizei. Ich sagte ihm, er solle sie rufen. Hierauf streckte er mir das Natel entgegen und sagte, ich solle die Polizei rufen. Worauf ich sagte, dass ich mit den Leuten rede, bevor ich allenfalls an eine Behörde gelange. Er schien mir alkoholisiert. Eine halbe Stunde später kam er offensichtlich betrunken auf mich zu und entschuldigte sich für seine Beschimpfung. Andere Leute probierten an mir alle gängigen Schlötterlinge aus, in der Hoffnung, dass ich beim einen oder anderen einschnappe. Ich kenne diese Taktik von den Drogendealern, die ich seit zehn Jahren aus dem Schulquartier weise. Wieder andere junge Leute kamen auf mich zu, sagten mir, dass sie mich für meinen Mut bewunderten, wie ich die üble Beschimpfung des Veranstalters (Inhaber der Galerie) und die physische Drohung der beiden Muskelmänner (die offenbar zum Equipment einer wilden Party gehören) so ruhig hingenommen habe; als Kulturwissenschafter und mit meinem Engagement für die Schulen auch im oberen Kreis 5 würde ich am richtigen Ort wohnen; es wäre aber besser, wenn ich jetzt ginge, denn es könnte für mich gefährlich werden und schlecht ausgehen. Ich sagte dass ich bleibe (bin schon mehrmals von Drogendealern im Quartier und am See massiv bedroht worden und habe es auch überlebt; einmal gewährte mir ein tamilischer Kellner „Asyl“, zog mich im letzten Moment in sein Lokal hinein und beklagte sich über das Dealerpack). Ich führte mit mehreren jungen Leuten längere Gespräche, fragte sie jeweils, wo sie wohnen, und was sie arbeiten. Die meisten wohnen an ruhigen Orten, kamen zum erstenmal hierher, und sind nette junge Menschen, oft mit anspruchsvollen Berufen. Besonders ergiebig war das Gespräch mit einer jungen Deutschen, die seit neun Jahren an der Klingenstrasse wohne, im Theaterfach tätig war, da auch berufliche Chancen hatte, sich aber zur Primarlehrerin berufen fühlte, das Seminar Unterstrass absolviert, in ihrem Praktikum erfolgreiche Rollenspiele mit Albanerkindern inszenierte, und sich als Idealistin bezeichnete. Ich erklärte ihr, dass mir die Schweizer Schulen ein besonderes Anliegen sind. Wir mussten einander ins Ohr brüllen, so laut war die Musik. Sie wünschte mir viel Glück bei meinem Engagement, ich ihr für ihre Laufbahn als Primarlehrerin. Idealistische Lehrkräfte sind oft besonders wertvoll, aber leider in der Regel als erste vom burnout betroffen. Ein junger Mann nickte mir freundlich zu und wünschte mir gute Nacht, als er den Hof verliess; ein anderer gab mir die Hand, nachdem er mich vorher beschumpfen hatte. Die Donnermusik dauerte bis um halb zwölf oder länger an, noch um halb eins kamen neue Partygäste in den Hof, um eins gab es ein heftiges Gewitter, der Lärm dauerte bis gegen zwei Uhr am Sonntagmorgen, und wäre ohne meine Intervention vielleicht wie üblich bis um 4 Uhr weitergegangen.

 

Das Musik-Trio spielte übrigens zum erstenmal im Freien, und natürlich bei uns im oberen Kreis 5, dem seit dem Needle-Park unseligen Angedenkens weltberüchtigen Suchtquartier, das jetzt auch noch von einer Lärmwalze heimgesucht wird.

 

 

Lärm im oberen Kreis 5

 

An der Hafnerstrasse … im oberen Kreis 5 haben wir sehr viel Lärm, von der Sihlstrasse her, welche in der Kurve zum Bahnhof hin die Lärm-Grenzwerte überschreitet (Schwerverkehr während der Woche, Raser in der Nacht und am Wochenende), von den Werkstätten im Hof der Ausstellungsstrasse … her, beginnend am Morgen um 6 bis 7 Uhr, ohne Pause über den Mittag, und oft bis um 10 Uhr am Abend. Dazu kommen viele laute Veranstaltungen an Sonntagen im Park des Landesmuseums, die Sommerkonzerte live at sunset, weitere laute Konzerte im selben Park, Buschtrommeln beim Drahtschmidli und am unteren Ende des Platzspitzes, der Nachtlärm der Bar der Galerie …, die Technoparade im August, und dieses Jahr wilde Parties.

 

Einmal kam ich am Samstagabend von einer Einladung heim. Laute Donnermusik vom unteren Ende des Platzspitzes her. Eine Klasse von Grafikern und Grafikerinnen hatten ihre Lehre abgeschlossen und feierten. Sie seien eigens an einen Ort gekommen, wo sie niemanden stören. Wir sind offenbar niemand. Zwei junge Frauen versprachen mir, die Musik leiser zu drehen, worauf ich sagte, dass ich heimgehe, aber wenn ich nicht schlafen könne, würde ich die Polizei rufen, was ich bisher nie getan habe. Die Musik wurde für eine Viertelstunde etwas leiser, danach donnerte sie wieder los. Ich ging die Polizei anrufen und bekam den Bescheid, dass sie leider sehr viel zu tun habe (andere wilde Parties, wie ich annehme), aber man wolle vorbeischauen. Der Donnerlärm dauerte bis gegen drei Uhr am Sonntagmorgen.

 

An einem anderen Samstagabend kam ich ebenfalls von einer Einladung heim, diesmal laute Musik plus Film und Bar auf dem Dach der Parkgarage. Ich rief die Polizei an. Man verband mich mit der Kreiswache 5, ein netter Polizist gab mir Bescheid, dass Hundertschaften nötig wären, um eine wilde Party aufzulösen, und man möge doch bitte die Polizei früh anrufen, sobald man sehe, dass jemand die Boxen aufstelle. Der Donnerlärm dauerte auch diesmal bis in die Morgenstunden.

 

Alles zusammen haben wir enorm viel Lärm an der Hafnerstrasse …. In der Romandie wurde ein Verein namens oreille cassée gegründet, gegen den zunehmenden Lärm in den Innenstädten. Bei uns gibt es leider noch nichts Vergleichbares.

 

 

Mit den einen kann man reden, mit anderen nicht

 

Den Lärm der Werkstätten nehmen wir an Werktagen hin. Ich zum Beispiel bin stolz auf die Werkstätten und Ateliers im Hof der Ausstellungsstrasse 60. Sie gehören meiner Meinung nach zum Schulangebot des oberen Kreis 5, insbesondere die Lehrwerkstätte Holz und der Lehrlingstreff. Die günstigen Räume geben kreativen und auch randständigen Menschen eine Chance. Mit den Leuten vom Lehrlingstreff hatten wir nie Probleme, sie haben immer zeitig mit Musik aufgehört, oder die Türen geschlossen. Einzelne Leute von einzelnen Werkstätten glaubten, am Sonntag Lärm machen zu können, aber mit ihnen liess sich reden. Ich bin mehrmals hinuntergegangen und habe gesagt, dass wir ein Anrecht auf die Sonntagsruhe haben. Wenn die Leute an Sonntagen oder in der Nacht arbeiten wollen, so können sie das gerne tun, wenn sie leise Arbeiten vornehmen. Das sei eine gewisse Einschränkung, die aber nicht schade, sondern ein kluges Einteilen der Arbeit erfordere, und wer intelligent arbeite, habe im Berufsleben Vorteile. Die Leute haben dies eingesehen und hielten sich fortan an die Nacht- und Sonntagsruhe. Ich sagte ihnen auch, dass ich seit dem Mord an einer Drogendirne im Hof der Ausstellungsstrasse … vor Pfingsten 1991 (vernahm ihre Schreie und fragte mich was ist jetzt wieder los?) auf das Treiben im Hof achte und bisweilen schauen gehe, wenn sich dubiose Figuren herumtreiben oder wenn ich einen ungewöhnlichen Rauch bemerke, was mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen wurde.

 

Man kann mit allen Leuten im Hof reden, nur leider nicht mit der Wirtin der Nachtbar der Galerie ... Sie probiert es dieses Jahr wieder mit Lärmen wie früher. Wir sollen nicht so tun, wir seien selber schuld, dass wir in einen solchen Kreis gezogen seien, und überhaupt gäbe es viel anderen Lärm hier, zum Beispiel die Konzerte im Platzspitz (live at sunset usw.).

 

Ich nehme an, dass die Räume im Hof der Ausstellungsstrasse … als Ateliers und Werkstätten vermietet wurden. 1974/75 war der Raum der heutigen Galerie … eine Siebdruckerei, diese wurde bald nachher aufgegeben, aus dem Atelier eine Galerie. 1993 wollte … ausziehen, weil er die Drogenszene nicht länger ertrug. Ich hoffte, dass er bleiben würde. Er blieb. Dann hat er aber den Nebenraum einer Freundin für den Betrieb einer Nachtbar überlassen. In dem Raum mit rotem Schummerlicht findet sich ein Tresen mit Barhockern, ein hoher Kühlschrank, den die Wirtin jeweils randvoll mit Getränken füllt, vorwiegend alkoholischen, und vor der Tür im Hof stehen rund zwölf Stühle und Hocker, dazu kommen die Treppen und Dielen, die als weitere Sitzplätze dienen. Der Hofquerschnitt besteht ähnlich wie ein Basslautsprecher aus sich nach oben hin rasch erweiternden Volumina, welche den Schall verstärken (derselbe Effekt kommt bei einem Megaphon zum Tragen).

 

Müssen wir den Lärm im oberen Kreis 5, insbesondere die massiven Nachtruhestörungen der Bar der Galerie … auf ewig hinnehmen? Nachdem alle unsere Vorsprachen vergeblich waren, möchten wir die Liegenschaftenverwaltung um Hilfe bitten.

 

 

Mein persönliches Engagement

 

Als Dank für meine gute Ausbildung, für mehrere liebe Lehrerinnen und Lehrer, die meine Begabung früh erkannten und förderten, und für mehrere Freunde und Freundinnen, die mich und meine wissenschaftlichen Arbeiten jahre- und jahrzehntelang moralisch wie auch finanziell unterstützten, fördere ich selber nach Massgabe meiner Möglichkeiten mehrere junge Leute und einige mir wichtig scheinende Institutionen vorwiegend im schulischen Bereich.

 

Einem Lehrling der Werkstatt Holz im Hof der Ausstellungsstrasse 60 gab ich ein Jahr lang kostenlosen Unterricht in mehreren Fächern, insbesondere Geometrie und Mathematik. 1996, als meine finanziellen Aussichten besser waren als heute, wenngleich sehr unsicher, habe ich einer Jus-Studentin, von deren schwerem Los ich über eine Sozialarbeiterin und Mediatorin vom Unispital erfahren habe, das Weiterstudium ermöglicht. Anonym (soll sie glauben, ihr Gönner sei ein Millionär, so muss sie keine dummen Gefühle haben und kann sich ganz auf ihr Studium konzentrieren). Inzwischen hat sie ihr Lizenziat in Völkerrecht abgeschlossen und bekam eine Stelle als Assistentin an der Uni Zürich. In den Jahren 1996 und 97 habe ich einer jungen Frau und ihren zwei Kindern, die ebenfalls in einer schwierigen Lage steckten, dringend nötige Ferien ermöglicht, ebenfalls anonym, doch die Frau hat meine Adresse in Erfahrung gebracht und sich mehrmals schriftlich bei mir bedankt (siehe Dokument 1 in der Beilage); sie ist inzwischen selbständig, sie habe viel Arbeit und sei dabei sehr glücklich. Seit 1998 unterrichte ich als Freiwilliger 

 

----- An dieser Stelle meines Briefes berichte ich ausführlich von einem fleissigen jungen Mann, der eine anspruchsvolle Lehre absolviert, und dem ich seit vier Jahren im Auftrag eines Hilfswerkes Nachhilfestunden in mehreren Fächern erteile. Mit Erfolg, wie ich sagen darf. Die Beilage zu diesem Teil wäre ein Gesuch in der Form eines Geschichtleins, worin die Himmelsmächte ein kleines Projekt der Völkerverständigung lancieren. Aus Rücksicht auf die prekären Lebensumstände meines Schützlings verzichte ich vorläufig auf die Wiedergabe der beiden highlights aus meinem Brief -----

 

Ich war immer gut in Mathematik, aber sah viele meiner Schulkameraden leiden. Seit 1995 entwickle ich neue Methoden des elementaren mathematischen und geometrischen Unterrichtes auf der Basis meiner Arbeiten zur vorgriechischen Mathematik. Zufälligerweise bekam ich vor zwei Tagen einen Brief des Institutes für Didaktik der Mathematik der Uni Bielefeld mit einer Bestellung meines Buches Im Haus der Seschat (Dokument 3). Die fehlenden Lehrstellen für Junge machen mir Sorgen, auch der Umstand, dass viele Schulabgänger zu wenig wissen, um eine der anspruchsvollen Lehren antreten zu können. Pädagogische und didaktische Reformen auf wissenschaftlicher Basis sind meiner Meinung nach unbedingt erforderlich. Mehrere Lehrer aus der Schweiz und Deutschland haben mir recht gegeben und unterstützen meine diesbezüglichen Arbeiten (die ich ohne Lohn und ausserhalb des akademischen Betriebes in meiner kleinen Mansarde ausführe).

 

Im Weiteren habe ich eine Idee zur Förderung eines künstlerisch begabten Mädchens, plane ein Gesuch an die Jacobs-Stiftung zu Gunsten einer jungen Frau, die Ethnologie studieren und in die Entwicklungszusammenarbeit gehen möchte, sowie einen Empfehlungsbrief für ihre Schwester, die eine Lehrstelle im handwerklich-sozialen Bereich sucht (beide habe ich schon als Mädchen gekannt und öfter mit einer Freundin zusammen gehütet).

 

Ich bin sicher, dass im oberen Kreis 5 weitere Leute wohnen, die ähnlich denken wie ich, die Schulen überaus wichtig finden, und den Schulkreis erhalten möchten. Haben wir auch eine Stimme? Oder nur jene, welche die Knöpfe an ihren Boxen aufdrehen?

 

Stadtpräsident Elmar Ledergerber soll an der grossen Demo gegen die neue Flugschneise vorne mitgelaufen sein. Was meint er zum Donnerlärm der wilden Parties in seinem Zürich?

 

 

Die heutige Jugend

 

Wir haben eine gute Jugend. Es gibt so viele nette, herzige und fleissige junge Leute. Ich bewundere sie auch dafür, wie sie mit einer unheimlichen Bedrohung wie AIDS umgehen. Der Stoff der modernen Lehren wird immer grösser und anspruchsvoller, während es an Lehrstellen mangelt und die beruflichen Aussichten immer unsicherer werden. Die jungen Leute schaffen manchen Spagat, von dem meine Generation verschont blieb.

 

Es gibt aber auch Entwicklungen, die mir Sorge bereiten. Vor den Sommerferien sah ich im Eingangsbereich der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich HGKZ eine Gruppe von fünf oder sechs jungen Schülern beim Kiffen, und zwar in der 9-Uhr Pause. Ich sagte ihnen, dass ich es traurig fände, wenn sich junge Menschen in den schönsten Jahren ihres Lebens schon am Morgen zudröhnen müssten. Worauf einer flapste: Je früher desto besser. Am nächsten Morgen kurz nach acht Uhr zog ein älterer Schüler auf dem Weg zur HGKZ eine lange Haschischfahne hinter sich her. Auf der schönen Parkwiese mit dem Brunnen und den grossen Bäumen zwischen der HGKZ und dem Tram sah ich schon Händler einfahren und Gruppen von rund 15 jungen Schülern mit Haschisch versorgen, das gleich in der Pause geraucht wurde.

 

Die Drogengefahr im oberen Kreis 5 ist noch lange nicht gebannt. Nun kommt auch noch eine Lärmwalze über unser Quartier hereingebrochen, diesen Sommer so unerträglich wie noch nie. Die Party-Szene ist wie man weiss auch nicht frei von Drogen, nur hat das Bundesamt für Gesundheit vor den Partydrogen kapituliert.

 

Nach den neuen Hominidenfunden in Kenya wäre die Menschheit sechs Millionen Jahre alt. In den ganzen sechs Millionen Jahren gab es noch nie so eine freie und wohlhabende Gesellschaft wie die Schweiz unserer Jahre. Wieso genügt einem das Erreichte nie? Wieso will man immer noch mehr, noch mehr und noch mehr? Alle Drogen, rund um die Uhr? Neben den vielen Party-Lokalen noch wilde Parties neben Wohnhäusern mit Donnerlärm bis in die frühen Morgenstunden?

 

Gestern sagte ich einem Juristen im Hof der Ausstellungsstrasse 60, dass ich bisweilen an die Bäume denke, die vor ihrem Ende unmässig viele Sprösslinge und Blüten treiben. Lassen Sie mich das erklären. In der Schweiz glaubt man, dass die Gelder ewig und von selber fliessen, doch dieser Glaube wird nach den Milliardendebakeln der vergangenen Jahre – eines schwerer als das andere, kein Ende absehbar – langsam brüchig, und die besinnungslose Dauerparty mit allem Lärm und allen Drogen, Alkohol einbezogen, scheinen mir ein wenig den übermässigen Trieben und Blüten solcher Bäume zu gleichen. Die Schweiz war einmal sehr arm, den Wohlstand haben wir nicht garantiert, aber man will die Probleme kaum wahrhaben, sie noch nicht wirklich ins Auge fassen, also betäubt man sich nocheinmal und festet so laut und lange und oft wie nie zuvor. Sollte meine Interpretation richtig sein, so wären mehrere Jahre mutiger und geduldiger Gespräche und Briefe notwendig, bis an eine Besinnung zu denken ist. Ich bin bereit für diese Aufgabe, leben wir doch in einer Demokratie, einer Volksherrschaft (demos = Volk, kratein = herrschen), in welcher die mündigen Bürger und Bürgerinnen ihre Angelegenheiten so weit als möglich selber an die Hand nehmen dürfen und sollen, und in welcher die Obrigkeit echte Anliegen des Volkes unterstützt.

 

Mit freundlichen Grüssen und vielem Dank für Ihre Geduld beim Lesen meines langen Briefes / Franz Gnaedinger … Zürich / Beilagen erwähnt

 

 

 

Was heisst Kultur?

 

Der im obigen Brief erwähnte Jurist wollte immer wieder mit mir reden. Nachdem mich die beiden Muskelmänner mit ihren enormen Brustkästen und allerlei Schimpfworten aus dem Hof bugsiert hatten, und nachdem ich zum Eingang des Hofes zurückgekehrt war, meinte der Jurist zu mir, dass das Konzert im Hof doch auch Kultur sei, und ich als Kulturwissenschafter Verständnis für solche Anlässe haben sollte. Worauf ich sagte, dass Kultur meiner Meinung nach etwas anderes wäre. Er wollte unbedingt mehr hören, aber ich sagte, dass jetzt kaum ein günstiger Zeitpunkt für eine Kulturdiskussion wäre. Er liess nicht locker, also fasste ich mich kurz und gab das folgendes zum besten:

 

Kultur ist ein künstlich-natürlicher Lebenskreis. Das lateinische agricultura bezeichnet ein künstlich angelegtes, mit allerlei Geräten bestelltes Feld. Zum Zweiten sei Kultur eine künstlich-natürliche Lebensweise. Zum dritten eine Aufgabe. Diese erklärte ich mit einem Beispiel. Eine im Zorn verabreichte Ohrfeige hinterlässt eine surrende Backe, ein Messer zur Hand und derselbe Streit kann tödlich enden. Messer sind nützliche Werkzeuge, aber auch gefährlich, weshalb es zum Messer wie überhaupt zu allen von Menschen geschaffenen Dinge Gesetze brauche, die ihren Besitz und Gebrauch regeln. Joseph Beuys sagte: Wenn man sich geschnitten hat, soll man das Messer verbinden. Das tönt paradox, ist aber eine brillante Formulierung des Rechtes. Ziel aller kultureller Bestrebungen, wozu auch das Recht gehöre, sei eine menschgemässe, mithin nachhaltige Entwicklung der Zivilisation. Ferner sei die Kunst als Wahrerin des menschlichen Massstabes der Kern der Kultur, analog zur Mathematik als Kern der Technologie.

 

Der Jurist fasste meine Erklärungen in satirischer Form zusammen. Ich sagte ihm dies, und merkte an, dass in der Mediation beide Seiten zu Wort kommen dürfen. Seine Begleiterin, die sich als Neuropsychologin ausgab, fragte nach, ob ich Meditation meine? Ich sagte: nein, Mediation. Wenn die Umstände anders gewesen wären, so hätte ich dem jungen Juristen gesagt, dass diese Amerika zum Jus gehört, und der jungen Frau, dass die Fähigkeit zur Empathie schon bei den Primaten neurologisch verankert sei. Vielleicht wäre es besser, mal ein Buch mehr zu lesen und eine Party auszulassen?

 

1980 beschied mir der damals für Kultur zuständige Beamte im Vorzimmer des Zürcher Stadtpräsidenten: Kultur ist Luxus. Am 6. September fand zum zweitenmal die Lange Nacht der Zürcher Museen statt. Polizeichefin Esther Maurer wollte das Landesmuseum auf Nachtruhe verpflichten, aber Stadtpräsident Elmar Ledergerber bewilligte eine Technopartie im Hof des Landesmuseums. Wenn es um Kultur gehe, dürfe man nicht so sein. Das hiess für uns amtlich bewilligter: Donnerlärm bis am Morgen nach 5 Uhr. Was, bitte sehr, hat eine Donnerparty im Hof des Landesmuseums mit dem Museum oder mit Kultur zu schaffen? Im neuen Leitblid der Zürcher Kulturförderung, geschrieben 2003, gültig für die Jahre 2004 bis 2007, wird der Kulturbegriff der UNESCO von Paul Auster herangezogen, worin es bei der Kunst weniger um das Schaffen eines schönen Werkes als um Verstehen geht. In meiner kulturwissenschaftlichen Arbeit geht es um Verstehen – als Beispiel sei die obige knappe Zusammenfassung meines Kulturbegriffes genannt – aber meinesgleichen hat im Kulturbetrieb keine Chance.

 

Übrigens war mein Vergleich mit den übermässigen Blüten im obigen Brief gar nicht so falsch. Eine Basler Schlafforscherin spricht von einer manischen Gesellschaft. Man würde im Durchschnitt eine Stunde zu wenig schlafen, weil man immer mehr, noch mehr und noch mehr wolle. Noch mehr Aktivitäten und Erlebnisse. Manche Schüler würden einen Viertel ihrer Schulstunden dahindämmern, weil sie in der Nacht zu wenig schliefen.

 

 

 

Brief 2  (Web-Version)

 

Brief an den Zürcher Stadtpräsidenten, Kopien an das Landesmuseum Zürich und die Zürcher Stadtpolizei / Zürich, 8. September 2003

 

Sehr geehrter Herr Ledergerber,

im Tagesanzeiger von heute ist zu lesen, dass keine Klagen zum Lärm in der Museumsnacht eingegangen seien. Ich möchte anmerken, dass das erste Thema beim Stimmenzählen am Sonntagmorgen der Lärm in der Museumsnacht war: die Donnernacht im Hof des Landesmuseum, das Kreischen der alten Trams, der unmässige Verkehr, die offene Hardbrücke. Ein Vorgesetzter sagte: Wir müssen uns wehren, sonst kommen wir im Kreis 5 noch ganz unter die Räder! Ich möchte Sie bitten, das Ausbleiben von Klagen als Zeichen von Toleranz zu verstehen, und nicht als Freipass für noch mehr Lärm im nächsten Jahr.

 

Generell sollten die Museen gute Ausstellungen bieten. Donnerlärm auf Kosten der AnwohnerInnen ist auf die Länge kein taugliches Mittel gegen museale Langeweile. Dass man es auch ganz anders machen kann als das Zürcher Landesmuseum zeigt z.B. das wunderbare Laténium in Hauterive bei Neuchâtel unter der Leitung von Herrn Professor Michel Egloff, das sehr zu Recht den Europäischen Museumspreis 2003 bekam.

 

Ein herzlicher Dank an die Polizeipräsidentin Esther Maurer, die als ehemalige Lehrerin und Prorektorin der Kantonsschule Wetzikon Verständnis für die Anliegen des Schulquartiers Oberer Kreis 5 beweist. Bei anderen SP-Politikern finden die Lärmer Gehör, während die leisen kulturellen Anliegen untergehen. Die Schulen erodieren, die Lärm- und Drogenwelle rollt. Aber mit dieser Entwicklung sind nicht alle einverstanden.

 

Freundliche Grüsse  FG

 

Soweit mein Brief, der unbeantwortet blieb. Von wegen keine Klagen: Eine Kulturschaffende rief zum erstenmal in ihrem Leben die Polizei, nachdem sie und ihre Familie von Donnerlärm und Dezibel-Gekreisch geweckt worden waren.

 

 

 

Landesmuseum Zürich

 

An dieser Stelle möchte ich ein paar Worte zum Landesmuseum sagen. Es wurde vor hundert Jahren gebaut, ist eine Mischung aus falscher Gotik und Pseudo-Renaissance, überragt von einem hohen, efeubehangenen Turm. Ein einheimisches Team gewann den internationaler Wettbewerb zum Ausbau bzw. des Landesmuseums. Das Projekt sieht einen modernen Anbau im Hof vor. Damit würde allerdings das Stilgewirr noch schlimmer. Meiner Meinung nach würde man das baufällige Museum besser abreissen und einen mutigen Neubau hinstellen (bin weder der erste noch einzige der dies sagt). Das Hauptgebäude sollte sich in den Park einfügen, zusätzlich wären Depots in der Umgebung denkbar. Zudem sollte das neue Landesmuseum von seiner Lage her den Brückenkopf zum Schulquartier Oberer Kreis 5 markieren und dieses stärken.

 

Zu den Ausstellungen im Landesmuseum wäre auch noch einiges zu sagen. Als Kind zog mich die urgeschichtliche Abteilung an, insbesondere der lange Einbaum. Die übrigen Abteilungen sagen mir wenig. Mir fehlt ein geschichtlicher Atem, welcher die Exponate verbindet und erklärt. Zum Beispiel sieht man die Stuben und Kammern der Patrizier, aber wie wohnte das einfache Volk? Die wichtige Zeit der Gründung der modernen Schweiz ist mit staubigen Klamotten und Polstermöbeln zugegen; was die Menschen damals umtrieb, ist schwer zu erraten. Im Untergeschoss machte man den Versuch einer modernen Darstellung der Urgeschichte, was zum Teil sehr schön gelungen ist, ich denke an den grossen Fächer der Töpferwaren, aber auch zu seltsamen Ergebnissen führt, so im Fall der langen Sandvitrine, welche gewissermassen den Strand der Zeit symbolisiert. Der Löwenmann von Vogelherd markiert die Epoche um 30'000 BC, ein Kieferknochen mit eingefügter und mit Peck verklebter Steinklinge jene um 2'500 BC; später folgen die Helvetia, Silberbesteck und Sackmesser. Wenn das eine Schweizer Vitrine sein soll, was macht dann der Löwenmann aus dem deutschen Vogelherd in der Vitrine? Weshalb nur eine männliche Figur, wo doch die weit überwiegende Mehrheit der paläolithischen Figuren weiblich war? Es gibt auch solche in der Schweiz, etwa die rund 13'000 Jahre alten (sehr kleinen) Frauenfigürchen aus Neuchatel. Die Zeit um 2'500 BC war die Epoche des ägyptischen Pyramidenbaus. Da waren andere Völker sehr viel weiter als wir in der Schweiz. Und wenn man den Löwenmann aus Vogelherd in einer Replik vorstellt, so könnte man auch sagen, dass die Einwanderer von Vogelherd ursprünglich aus Anatolien kamen.

 

Meine Briefe an das Landesmuseum waren alle vergeblich, auch als ich mich wegen der Leonardo-Ausstellung meldete. Bei der Pro Helvetia sagte man mir jahrelang, dass man nur Arbeiten zu einheimischen Künstlern fördere, dass Leonardo leider kein Schweizer sei, und dass ich deshalb am falschen Ort wäre. Aber dann fühlte sich ausgerechnet das Landesmuseum zur Übernahme einer Leonardo-Ausstellung bemüssigt. Welche mit grossen Worten angekündet worden war, deshalb viele Leute anzog, aber auch enttäuschte. Die Buchhandlung Bachmann, damals noch eigenständig, richtete einen eigenen Tisch mit Leonardo-Büchern ein: für all jene, die auch von der Leonardo-Ausstellung im Landesmuseum enttäuscht seien. Die Ausstellung wiederholte alle gängigen Klischees, neue Ideen fanden kein Gehör.

 

Die Menhire von Lutry sind lediglich mit einer relativ kleinen in eine Ecke verbannten Photographie zugegen, die Menhire von Yverdon fehlen ganz.

 

Allerdings darf ich die archäologische Bibliothek des Landesmuseums Zürich im Haus Orion an der Hardturmstrasse im unteren Kreis 5 loben: sie wird von sehr freundlichen und hilfsbereiten Leuten geführt, und man findet praktisch alles.

 

 

 

Brief 3  (Web-Version)

 

An die Liegenschaftenverwaltung …, zu Handen von Herrn …, Zürich / Kopie an die Zürcher Stadtpolizei / eingeschrieben / betrifft: neuerliche Nachruhestörung der Galerie … an der Ausstellungsstrasse … im oberen Kreis 5 / Zürich, 21. September 2003

 

Sehr geehrter Herr …,

am 17. August schrieb ich einen ausführlichen Brief wegen der jahrelangen Nachruhestörung der Galerie …, mitunterzeichnet von zwei Leuten aus dem Haus Hafnerstrasse .... Am 26. August schrieb mir die Liegenschaftenverwaltung, dass man keine Kenntnis von einem Barbetrieb an der Ausstellungsstrasse … habe, dass man die Umstände abklären und, falls zutreffend, die nötigen Schritte gegen solche Nachtruhestörungen einleiten wolle. Am 28. August schrieb mir die Vorsteherin des Polizeidepartementes Frau Esther Maurer, dass sie die Sachverhalte auch aus polizeilicher Sicht prüfen lassen werde.

 

Seit dem 17. August war es ruhig im Hof. Gestern abend fing es wieder an. Als ich von einer Einladung heimkehrte, war der Hof voller Leute. In der Galerie … war Disco mit Techno-Musik, wie üblich mit Barbetrieb im Nebenraum und Hof. Um 1 Uhr weckten mich die lauten Stimmen im Hof, trotz geschlossenem Fenster und meinem gesunden Schlaf. Ich ging hinab: die Ausstellungsstrasse wummerte, vor der Galerie … zahlreiche Velos und zwei Leute die am Boden sassen, das Hoftor geschlossen, der Hof dunkel, aber voller Leute, erkennbar an glimmenden Zigaretten. Ich ging zu einer offenen Kabine die Nummer 117 anrufen und fragte, ob die Galerie … eine Bewilligung für eine Technoparty habe? Man sagte mir, dass man vorbeischauen gehe. Als ich in mein Zimmer zurückkehrte, war es ruhig – sei es, dass die Leute vor der Galerie und im Hof, die mich gesehen haben, die Wirtin warnten, oder sei es, dass ein Streifenwagen in der Nähe war und rasch vorbeikam. Nach 2 Uhr lautes Gepolter im Hof, begleitet von einer ebenso lauten Frauenstimme: NEIN NEIN NEIN. Ich ging wieder hinab. Die Disco lief weiter, aber die Musik war ungewöhnlich leise, und auch die Leute im Hof waren leise. Offenbar war die Polizei vorbeigekommen.

 

Müssen wir jedesmal die Polizei rufen, wenn wir unser Recht auf Nachtruhe geltend machen wollen?

 

In der Galerie … fand schon manche Disco statt (neben all den anderen Anlässen wie Party, Kino, Bazar), in Kombination mit einem Barbetrieb im hinteren Raum und im Hof. Die Musik wird im Lauf der Nacht immer lauter und erreicht die grösste Lautstärke jeweils gegen 4 Uhr. Eine Technodisco ging einmal bis um 6 Uhr am Morgen und erreichte dann die volle Donner-Lautstärke. Je lauter die Musik in der Galerie, desto lauter die Stimmen im Hof, wo die Leute rauchen und trinken, versorgt von der Nachtbar der Galerie ...

 

Waren wir zu lange tolerant? Hätten wir früher einschreiten sollen? Müssen wir jedesmal die Polizei rufen? Wenn man jahrelang Toleranz übt, wie wir es getan haben, nehmen sich die Lärmer ein Gewohnheitsrecht heraus, und sagen einem, dass man selber schuld sei, wenn man es so weit habe kommen lassen. Was können wir unternehmen?

 

Mit freundlichen Grüssen  Franz Gnaedinger, Zürich

 

 

 

Brief 4  (Web-Version)

 

An Herrn …, Liegenschaftenverwaltung / Kopie an Herrn …, Kommissariat Polizeibewilligungen, Fachgruppe Lärmbekämpfung / einschreiben / Zürich, 8. Oktober 2003

 

Sehr geehrter Herr …,

danke für das Schreiben vom 7. Oktober. Ich verstehe, dass der Galerist … ein gutes Einvernehmen wünscht, hat er doch ein grosses Wohnatelier mit eigener Galerie, sicher zu günstigen Konditionen. Andere wären mehr als froh um solche Räumlichkeiten.

 

Nachdem mich … im August in einer Weise beschimpfte, welche Partygänger im Hof als übel bezeichneten, ist mir der Wunsch nach einem weiteren Gespräch mit ihm vergangen.

 

In seiner Stellungnahme Ihnen gegenüber schreibt er, dass ich ihn "notorisch" mit Klagen eindecken würde. Das möchte ich klarstellen. Ich ging pro Jahr einmal wegen des Nachtlärms im Hof intervenieren. Unsere Hauswartin sagte mir: Das tun Sie nicht für sich allein - meine Vorsprachen kämen auch anderen zugute. Ich habe bei den Leuten selber vorgesprochen; desgleichen die Hauswartin. Wir haben weder bei der Polizei angerufen noch die Liegenschaftenverwaltung angeschrieben. Als dieses Jahr der Nachtlärm im Hof wieder Ausmasse annahm wie in den Jahren 1997, 98 und 99, habe ich in Absprache mit der Hauswartin einen Brief vorbereitet und ging die Wirtin der Nachtbar dreimal warnen: wenn es wieder losgehe wie früher würden wir intervenieren und eine Klage einreichen - an die Liegenschaftenverwaltung, mit Kopie an die Stadtpolizei. Dies war die erste Klage. Die zweite erfolgte nach der Technoparty gut einen Monat später: Anruf bei der Polizei und Brief an die Liegenschaftenverwaltung mit Kopie an die Stadtpolizei. Wir haben in 6 1/2 (sechseinhalb) Jahren nur zweimal geklagt. Von einem notorischen Eindecken mit Klagen kann also keine Rede sein.

 

Herr … von der Fachgruppe Lärmbekämpfung schreibt mir in seinem Brief vom 6. Oktober, dass die Galerie seit Erhalt meines Briefes sporadisch an Wochenenden kontrolliert werde. Möglicherweise glaubt der Galerist, dass jeder solchen Polizeikontrolle ein Anruf von mir vorausgegangen sei. Wenn er das glauben sollte, wäre mir sein Vorwurf "notorischer" Klagen verständlich. Es ist aber nicht der Fall. Wir haben nur zweimal geklagt: einmal im August und einmal im September, nach sechseinhalb Jahren persönlicher Vorsprachen und - letzten Endes vergeblicher - Versuche, die Angelegenheit gütlich zu regeln.

 

Hätten wir gleich von Anfang an die Polizei rufen sollen? Müssen wir um unsere Glaubwürdigkeit fürchten, weil wir es nicht getan haben und weil deshalb keine Berichte über den Lärm in den Jahren 1997-99 vorliegen?

 

Jetzt weiss ich auch, weshalb mit Ausnahme der Technoparty im September (mit Wache vor der Galerie) Ruhe war: weil die Polizei Kontrollen durchführt. Was wird sein, wenn diese ausbleiben?

 

Ich fragte am Schluss meines Briefes vom September, was wir unternehmen können, weil das Einreichen von Klagen wirklich nur das letzte Mittel sein kann. Herr … gibt mir keine Antwort auf diese Frage. Er bittet mich bei weiteren Nachtruhestörungen durch den Betrieb der Galerie im Hof die Polizei unter Tel. ....... zu avisieren. Das werden wir tun. Sollte Ruhe einkehren, so wäre uns das sehr lieb; andernfalls werden wir eben die Anweisung der Stadtpolizei befolgen.

 

Ich werde aber auch in anderer Weise tätig werden. Als 1993 die Drogenkatastrophe über unser Quartier hereinbrach, habe ich mich als Freiwilliger beim Quartierverein gemeldet. Jetzt werde ich es wieder tun: wegen des Lärms und der Missachtung des Schulquartiers Oberer Kreis 5. Ich werde mich überdies entschiedener in die laufende Kulturdiskussion einmischen:

 

Das Wort Kultur wird leider immer mehr als Vorwand missbraucht. Meiner Meinung nach wäre Kultur eine Aufgabe. Diese besteht im menschlichen Gestalten und Einrichten unserer selbst geschaffenen Verhältnisse. Diese Aufgabe hat viele Aspekte und ist keineswegs auf die Künste beschränkt. So leisten Lehrer und Lehrerinnen, welche einen zunehmend technischen Stoff in menschlich fassbarer Weise vermitteln, eine unschätzbare kulturelle Arbeit - welche aber leider immer weniger gilt, wogegen Leute, die sich als Kulturschaffende brüsten, alle Freiheiten herausnehmen und Rechte anderer missachten.

 

Mit freundlichen Grüssen  FG

 

 

 

Brief 5  (Web-Version)

 

Herrn …, Beauftragter für Bevölkerungsanliegen, Stadthaus Zürich / Kopien an Stadtpräsident Elmar Ledergerber und Polizeichefin Esther Maurer / Zürich, 3. Dezember 2003

 

Sehr geehrter Herr …,

Sie haben mir am 25. September geschrieben: Im Namen von Stadtpräsident Ledergerber bedanke ich mich für Ihre Zuschrift betreffend Lärm in der Museumsnacht. Es wäre sehr bedauerlich, sollte es in der Nacht zu übermässigen Beeinträchtigungen gekommen sein. Ein Fest in Ehren, aber ein Freipass zu einer Lärmorgie war mit der kurzfristig erteilten Bewilligung natürlich nicht beabsichtigt. Ich habe mich über Ihren Brief gewundert. Wer eine Technoparty im Hof des Landesmuseums, also im Freien, bis morgens um 5 Uhr bewilligt, weiss was das bedeutet, nämlich eine Lärmorgie, wie Sie treffend sagen. Inzwischen habe ich aus dem Stadthaus vernommen, dass man Ihre Stelle für einen "Witz" hält. Elmar Ledergerber habe Sie aus dem Baudepartement abgezogen und habe Ihnen ein jährliches Honorar von 160'000 Franken zugesprochen, damit Sie derlei Briefe schreiben [Falsch, ein Missverständnis von meiner Seite her, wird im nächsten Brief berichtigt.] Wenn Sie einen solchen Lohn beziehen, darf man mehr von Ihnen erwarten. Ich habe nicht nur wegen der Lärmnacht geschrieben, sondern auch wegen der Schulen. Der obere Kreis 5 ist ein Schulquartier, das leider die meisten für ein Lärm- und Drogenquartier halten. Mit kräftiger Nachhilfe des sozialdemokratischen Stadtpräsidiums, das weniger Lärm verspricht aber mehr und mehr lärmige Anlässe bewilligt. BUM BUM BUM BUM im Hof des Landesmuseums bis um Mitternacht, an einem gewöhnlichen Dienstag im Dezember. Was als beschauliches Eislaufen vor Weihnachten begann, entwickelt sich zu einer weiteren besinnungslosen Lärmerei, die wir bis Anfang  Januar erdulden müssen. Was wird in der Silvesternacht sein? BUM BUM BUM BUM BUM BUM BUM BUM BUM BUM BUM BUM bis 5 Uhr morgens, garniert mit einem Brieflein von Ihnen? Als ich am Sonntagmorgen zum Stimmenzählen ging, war der obere Kreis 5 wieder mal eine latrine et littrine, wie die Welschen sagen. Derweilen zieht die Sozialdemokratin Regine Aeppli das Spar-Programm an den Schulen durch und lässt verlauten, dass es die Qualität unserer Schulen nicht gefährde; ihr eigener Sohn geht indes auf eine Privatschule. Der Rektor einer Hochschule schrieb mir, dass ihn der ständige Zwang zur Mittelbeschaffung an den Rand der Erschöpfung treibe. Das sind gegenteilige Aussagen! Kaum wird es dunkel, rasen die Drogendealer per Velo auf den Trottoirs im oberen Kreis 5 herum. Am Limmatplatz markieren afrikanische Dealer den warlord. Aus dem linken Sozialmilieu vernahm ich diesen Vorschlag: Zürich ist eine Drogenstadt. Gut so. Drogenhandel ohne Waffenhandel ist die Zukunft der Schweiz. Im vollen Ernst, ohne Ironie. So langsam frage ich mich, ob dies nicht nur eine quere Aussenseitermeinung ist sondern vielleicht die unausgesprochene Handlungsmaxime der SP? Lärm, Drogen und grosse Worte - das wäre eine traurige Bilanz von 13 Jahren sozialdemokratischer Regierung der Stadt Zürich. / Mit vergeblichen Grüssen  FG

 

 

 

Brief 6  (Web-Version)  Elmar Ledergerbers grosse Chance

 

 

Offener Brief an den Zürcher Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber / Kopie an die Vorsteherin des Polizeidepartementes Esther Maurer / Thema: ELMAR LEDERGERBERS GROSSE CHANCE / Zürich, 23. Dezember 2003

 

Sehr geehrter Herr Ledergerber,

danke für Ihren Brief, der gestern morgen eintraf. Ich habe mich für ein Missverständnis von meiner Seite her zu entschuldigen. Mein Informant erwähnte wirklich Ihren Stabchef, den ich irrtümlicherweise mit dem Beauftragten für Bevölkerungsanliegen verwechselte. Dafür entschuldige ich mich in aller Form bei allen Beteiligten.

 

Sie, Herr Ledergerber, haben ganz recht mit Ihrer Aussage: "Wenn man an der Spitze einer Organisation mit rund 20'000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und fast 7 Milliarden Umsatz steht, ist der Support eines Stabchefs unumgänglich." Das kann ich voll und ganz anerkennen und werde es auch gerne weitersagen. Ich wundere mich allerdings, weshalb Ihre Leute von einem "Witz" reden können. Da lief offenbar etwas schief in Sachen Kommunikation. Nehmen Sie bitte meine Rückmeldung als Anlass, Ihren Entscheid nocheinmal zu begründen. So wären die Umtriebe nicht ganz vergeblich gewesen.

 

Sie schreiben mir "der guten Ordnung halber" und beenden Ihren Brief so: "Von Ihren weiteren Ausführungen habe ich Kenntnis genommen." Will sagen: mein Brief hat Sie geärgert, Sie geben widerwillig Antwort, berichtigen einzig meinen Fehler aber gehen auf keines meiner Anliegen ein.

 

So will ich die Sache umdrehen und von Ihren Chancen reden.

 

Sie, Herr Ledergerber, habe meiner Meinung nach eine grosse, vielleicht einmalige Chance als Stadtpräsident von Zürich. Die ehemalige Stadträtin und Baudirektorin Ursula Koch wird oft mit dem Ausspruch kolportiert: Zürich ist gebaut. Man macht sich gern darüber lustig und verkennt darob seine Wahrheit. Solche Merksprüche sind immer einfach formuliert, und in ihrer Einfachheit bisweilen paradox, wie im chinesischen Tao-te-King, oder auch im Zen. Man kann sie nicht wörtlich nehmen, man fühlt sich provoziert und beginnt im besseren Fall nachzudenken. Selbstverständlich kann und muss man in Zürich bauen, doch in der Innenstadt bitte in angemessener Form, und grosse Neubauten in den Aussenquartieren --- oder jetzt, neue Perspektive, in Zürich West.

 

Ursula Koch erwies Zürich einen grossen Gefallen, indem sie das unsägliche Euro-Gate verhindern half. Ebenso hat die Linke der Züspa (Messe Zürich) einen grossen Gefallen erwiesen, indem sie den damaligen Neubau verhinderte; ich habe das Modell ausgiebig studiert, es wäre eine logistische Katastrophe gewesen. Daraufhin plante die Messe Zürich einen völlig anderen Neubau mit einer genialen Logistik. Ursula Koch trug diese Lösung mit und half sie speditiv zu realisieren. Sie hat sich überdies im sozialen Wohnungsbau engagiert und war meines Erachtens eine gute Baudirektorin. Und sie hat Ihnen, Herr Ledergerber, zu einer hervorragenden Ausgangslage als neuer, vergleichsweise junger und dynamischer Stadtpräsident von Zürich verholfen: Sie haben die einmalige Chance, das moderne Zürich der nächsten hundert Jahre vorzugeben. Lassen Sie die Innenstadt in Ruhe, gemäss dem obigen Motto von Ursula Koch, und planen Sie grosszügig und weitsichtig nach Westen hin. Es braucht keine Wolkenkratzer beim Hauptbahnhof, wo sie nur logistische Probleme schaffen, aber eine Reihe eleganter Türme im Limmattal, entlang der Linda Magos (grosse Schlange, alter Name der Limmat) nähme sich wunderbar aus. Ein neuer Personen-, Güter- und Busbahnhof hätte auch Platz und würden das Gebiet in nachhaltiger Weise erschliessen. Für ein neues Landesmuseum wird sich im Limmattal ebenso Platz finden, irgendwo an der Bahnlinie. Die archäologische Bibliothek des Landesmuseums befindet sich jetzt schon im Haus Orion an der Hardturmstrasse in Zürich West (ein Lob für die grosszügige und reich bestückte Bibliothek mit dem hilfsbereiten, freundlichen Personal).

 

Das wäre Ihre grosse Chance, von meiner Warte aus gesehen, die Sie leider meiner Meinung nach verkennen. Kürzlich wurde der neue Anbau an der Hofseite des Landesmuseums bewilligt, welcher das Potpourri aus falscher Gotik, Renaissance und Rübezahl um Hightech ergänzt und völlig ungeniessbar macht. So wie das aus X Stilen zusammengebastelte Kongresshaus, das zu Recht abgerissen wird. Lassen Sie das alte Landesmuseum in der gegebenen Form stehen, immerhin bietet die Hofseite ein erholsames Bild. Oder haben Sie den Mut und lassen Sie den baufälligen Kitsch abreissen und ein neues, modernes Gebäude in ungefähr denselben Dimensionen hinstellen, das dann einen bewussten Brückenkopf zum oberen Kreis 5 bilden und auf dessen Eigenschaft als Schulquartier hinweisen und vorbereiten soll.

 

Jetzt bin ich wieder beim neuralgischen Punkt, beim oberen Kreis 5. Er ist ein Schulquartier. An den Strassen reihen sich Schulhäuser wie Perlen an Schnüren. 1993 kamen pro Werktag rund 30'000 bis 40'000 Schüler und Schülerinnen hierher; inzwischen dürften es mehr sein, und mit der im Bau begriffenen technischen Berufsschule werden es ganz sicher mehr. Da hat es für mich eine symbolische Bedeutung, was bei uns geschieht. Es ist mir absolut unverständlich, weshalb die SP, welche die Stadt Zürich seit 13 oder 14 Jahren regiert, den offenen Drogenhandel im ganzen oberen Kreis 5 toleriert, und die Umwandlung des Schulquartieres in eine Lärmzone nicht nur duldet sondern fördert. Am Sonntagmorgen ist das Schulquartier jeweils eine latrine et littrine. In der Langen Nacht der Museen wollte die Polizeichefin Esther Maurer den Lärm im Hof des Landesmuseums begrenzen. Sie, Herr Ledergerber, haben Frau Maurer desavouiert und eine Donnernacht im Freien bewilligt, weil, wo es um Kultur gehe, dürfe man nicht so sein. Was hat das mit Kultur zu schaffen? Jeder Aargauer kann das Gaspedal durchdrücken, jeder Zürcher einen Subwoofer aufdrehen. Aus Ärger über diese amtlich bewilligte Lärmnacht zu all den vorausgegangenen wilden Partynächten habe ich bei den Wahlen am Morgen nach der Langen Nacht der Museen leer eingelegt.

 

Ihre Politik, Herr Ledergerber, verstehe ich immer weniger. Sie nahmen an der grossen Demo gegen den Fluglärm teil, aber bewilligen einen lärmigen Anlass nach dem anderen. Wollen Sie Stimmen holen? erst am Zürichberg, dann beim Partyvolk?

 

Vor der Abstimmung über das zusätzliche Geld für das Schauspielhaus bzw. die Marthalers wurde uns versprochen, dass es ganz gewiss bei der damaligen Summe bleiben werde. Weil dann jedoch die Marthaler-Lobby den Aufstand, probte sprach der Kanton dem Schau-spielhaus eine weitere Million Franken zu, die selbstverständlich anderen Kulturprojekten abgehen. Christoph Marthalers Hotel Angst kam zwanzig Jahre zu spät. Er nimmt die sog. Füdlibürger von damals aufs Korn, nicht aber seine Kreise, die linken Füdlibürger von heute, welche für den Frieden kiffen saufen lärmen Party Party Party machen grosse Sprüche klopfen die Schweiz mit Abfall übersäen hunderttonnenweise Petflaschen aus reinem Erdöl wegschmeissen aber keinen Zusammenhang zwischen der völlig ausser Rand und Band geratenen Konsumwut und den traurigen Zuständen anderswo auf der Welt sehen wollen. Christoph Marthaler möge bitte mal einer nigerianischen Theatergruppe erklären, wieso man mit dreissig Millionen Franke im Jahr kein Theater machen könne. Dann war da noch die Geschichte mit den beiden Schnöseln, die Geld im Helmhaus verstecken und die gierigen Leute beim Geldsuchen filmen wollten, wie man solches im spanischen Fernsehen und anderswo zur Genüge vorgeführt bekommt, und für ihre mehr als zweifelhafte Aktion hundertfünfzigtausend Franken heischten. Ich freute mich, als Sie, kaum im Präsidium, das Geld verweigerten, wunderte mich aber sehr, als Sie den beiden auf das Medienecho hin zwanzigtausend Franken anboten - einen solchen Beitrag erhielt man früher, wenn und falls man fünfzig Jahre allgemeiner und speziell kulturpolitischer Verachtung überlebt haben sollen dürfen gewesen sein vielleicht ja eben. Und jetzt kommen zwei Flegel daher, bekommen ein solches Geld angeboten und können es auch noch voller Zorn ablehnen. Da habe ich mich schon gewundert. Ich habe im Lauf meiner bald dreissigjährigen kulturwissenschaftlichen Arbeit zwei Gesuche bei der Kulturabteilung im Stadthaus eingegeben und bat jeweils um kleine Beträge von 200 oder 300 Franken und habe natürlich Absagen garniert, mit gesalbten Sprüchen von Urs Hoby.

 

Vor zwanzig Jahren gab es einen Architektur-Wettbewerb zum Ausbau des Winterthurer Museums von Rittmeyer & Furrer aus der Zeit um 1920. Weil mir das Museum wegen der gleichsam in Licht schwimmenden Säle sehr gefällt nahm ich mir die Pläne vor und fand in der Anlage des Gebäudes eine raffinierte Proportionierung, welche von den nach und nach verfeinerten Rasterplänen 4x4, 12x12, 36x36, 144x144 ausgeht. Ich habe mir auch noch das in der Nähe stehende Rathaus vom Semper vorgenommen und darin klare musikalische Proportionen gefunden, auf welche das Museum von R&F Bezug nimmt. Zwei Studenten erarbeiteten ein Wettbewerbs-Projekt auf der Basis meiner Analyse, allerdings leider ohne mich beizuziehen, weshalb sie einige grobe Fehler machten, die ich ihnen hätte ausreden können; aber sie sagten mir nachher, dass die Arbeit mit meinen Vorgaben sehr einfach gewesen sei, alles wäre wie magisch aufgegangen. An dem Wettbewerb nahmen 283 zumeist renommierte und sehr renommierte Architekturbüros teil. Die Eingabe der beiden Studenten kam in die erste von zehn Kategorien, zählte zu den 30 besten Arbeiten und hängte die Eingaben von gut 250 renommierten Büros ab. Den Wettbewerb gewann das Projekt Long John, das den teilweisen Abbruch des Museums und eine Verbreiterung und Verlängerung des Hauptgebäudes in der Form eines Parisers vorsah, deshalb der Name Long John. Ich fand den Teilabbruch schade, schrieb dem Museumsdirektor, legte meine einfachen aber prägnanten Pläne bei und erklärte, dass der bestehende Bau ein in sich geschlossenes Gebäude von hohem baukünstlerischem Wert darstelle und meines Erachtens integral erhalten werden solle. Der Museumsdirektor schrieb mir, dass er meine Pläne dem Stadtarchitekten übergeben habe. Long John wurde nicht realisiert, und auch keines der vielen anderen Projekte. Später kam ein modernes, ebenso einfaches wie raffiniertes Gebäude auf den ehemaligen Parkplatz zu stehen, unter Wahrung des Museums von Rittmeyer & Furrer. Also ganz im Sinne meines Briefes an den Direktor des Museums. Ich habe diesen für meine zwar unverlangte aber doch brauchbare Arbeit von vier Wochen um einen freiwilligen Betrag von 100 (hundert) Franken an meine wissenschaftlichen Arbeiten gebeten - ich könne mit wenig Geld viel leisten -, habe es aber nicht bekommen, dafür einen Katalog den ich nicht brauchen konnte. Anschliessend bat ich die Kulturabteilung der Stadt Zürich um einen Betrag von 200 oder 300 Franken an meine kulturwissenschaftlichen Arbeiten, wobei ich u.a. meine Analysen des Museums von R&F und des Rathauses von Semper beilegte. Ich bekam eine Absage mit der Begründung dass derlei in keinem Budget vorgesehen sei und viel Glück auf Ihrem Lebensweg. Selbst-verständlich haben auch allen anderen in Frage kommenden hiesigen Institutionen meine Gesuche abgelehnt. Was sollen mathematische Studie im Bereich der Kultur oder Kunst? Aber seit ein paar Monaten wird gross gefeiert, an der ETH wie auch an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich HGKZ. Dank Sempers Bau soll Zürich den Schritt von einer Provinzstadt zur Metropole vollzogen haben (Polykum / ETH life, 19. Dezember 2003). Was ist der Anlass für diese grossen Worte? Ein Kunsthistoriker an der ETH stellte mathematische Studien zu den Oberflächenstrukturen der Steine an Sempers Gebäuden an, und seine Ergebnisse gelten als Offenbarung. Wenn ein Herr Professor mit viel Aufwand, Mitteln und einer immensen Infrastruktur ein architektonisches Detail aufklärt, gilt es als grosse feiernswerte Leistung; als ich zwanzig Jahre vor ihm die Grossformen eines Semperbaues und anlehnenden Museums aufklärte war das keine hundert Fränkli wert, und selbstverständlich kann ich meine damaligen Einsichten bis heute nicht publizieren.

 

Ich verstehe, weshalb jedes Jahr 700 junge Wissenschafter die Schweiz verlassen (Tages-Anzeiger) beziehungsweise „400 bis 500 brillante junge Wissenschafter“ (Sonntags-Zeitung). Mir selber bleibt nur das virtuelle Exil in amerikanische Archive.

 

Inzwischen hat Zürich ein neues Kulturleitbild verabschiedet, welchem ein paradigmatisches Zitat von Paul Auster voransteht: bei der Kunst gehe es weniger um das Schaffen von schönen Werken als um's Verstehen. Was mich betrifft, so habe ich vor dreissig Jahren meine eigenen künstlerischen Versuche aufgegeben, weil mir aufging, dass andere meine noch vagen Ideen und Einsichten lange vor mir viel besser realisiert hatten. Was soll ich zur ständig wachsenden Flut von Kunstwerken beitragen? es ist besser, wenn ich von meinen Experimenten ausgehend ein neues Verständnis früherer Werke anstrebe und darüber die alten Bilder gleichsam neu male und frisch auferstehen lasse. Mit dieser auf Verstehen ausgerichteten künstlerischen Haltung bin ich allerdings immer aufgelaufen, zwischen Stuhl und Bank gefallen, und bald 30 Jahre mit Sprüchen und offener Verachtung eingedeckt worden. Jetzt steht das Verständnis im Kulturleitbild der Stadt Zürich, aber ich finde keine Kategorie, unter welcher ich ein Gesuch für meine verstehenden kulturwissenschaftlichen Arbeiten aus bald 30 Jahren einreichen könnte (nächsten Herbst werden es volle dreissig Jahre sein).

 

Ich kehre zu Ihrer städtebaulichen Politik zurück. Das Stadion ist bewilligt, aber die vor der Abstimmung mündlich versprochene Tramlinie soll zurückgestellt werden, wie es die Kritiker voraussagten. Auch das neue Justiz-Zentrum kam über die Abstimmung. Es tut sich was in Zürich West. Aber der Verzicht auf die Tramlinie (Kritiker sprechen von Verrat) lassen mich befürchten, dass keine wirkliche grossräumige und weitsichtige Planung von Zürich West vorliegt.

 

Sie, Herr Ledergerber, sind immer noch relativ neu in Ihrem Amt, und selbstverständlich darf man am Anfang Fehler machen. Es braucht ja erst mal ein Gefühl für die Steuerung so einer grossen Organisation, und das bekommt man nur, wenn man es ausprobiert, das Steuer mal auf diese und mal auf jene Seite dreht. Aber im nächsten Jahr erwarte ich eine Politik, die eine klare Linie erkennen lässt.

 

Ihnen, Zürich, und dem geplagten Schulquartier Oberer Kreis 5 wünsche ich ein gutes neues Jahr, und selbstverständlich auch der Polizeichefin Esther Maurer, die ein undankbares Amt übernahm

 

Franz Gnädinger   8005 Zürich

 

 

 

Brief 7  (Web-Version, mit einer Korrekturen)

 

An den Zürcher Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber; Kopie ins Web; Zürich, 7. Februar 2004

 

Sehr lärmbewilligungsfreudiger Herr Ledergerber:

in Ihrem Brief vom 19. Dezember 2004, abgestempelt am 19. Januar, wohl auch dann geschrieben, geben Sie sich entsetzt (Ihr Wort) über die Lärmorgie (Zitat ……. ......) in der Langen Nacht der Museen im vergangenen Oktober. Sie hatten jene Techno-Party im Freien an der Polizeichefin vorbei bewilligt und haben sicher gewusst, was es für uns bedeutet. Eben jetzt, während ich diesen Brief schreibe, läuft eine neue Lärmorgie im unteren Teil des Platzspitzes, wie schon vor zwei Tagen: lautes Gitarrengeheul und Schlagzeug, im Freien, einfach so, Anfang Februar, als dröhnender, jaulender und hämmernder Auftakt für ein neues Lärmjahr im oberen Kreis 5. Die Polizei sagt mir, es sei ein bewilligter Anlass und laufe unter dem Begriff Kultur. Schon wieder Kultur. Im obigen Brief haben Sie mir geschrieben: Ich versichere Ihnen, dass wir die Entwicklungen im Kreis 5 genau verfolgen und unsere Strategie zur Erhaltung der Lebensqualität für die ganze Bevölkerung immer wieder überprüfen und laufend den aktuellen Gegebenheiten anpassen. Ja, ich höre es am Gejaul da draussen.

 

Christoph Blocher sagte vor rund zwei Jahren in der Fernseh-Sendung Arena mit Blick auf die SP-Reihen, dass ihm niemand mehr Paroli bieten könne. Doch, einer kann es, der Schreiber dieser Zeilen. Ich sage ihm die Meinung auf einem Weg, den er kaum erwartet, nämlich über ein Bild von Albert Anker. Die neue Missachtung des Schulquartiers Oberer Kreis 5 gibt mir Anlass, in meiner Entgegnung auf Christoph Blocher auch auf die SP einzugehen. Je lauter und länger das Gejaul dieses neuen Anlasses, den Sie uns bescheren, desto klarer meine Worte. Online in ein bis zwei Wochen: www.seshat.ch/home/anker.htm

 

Von wegen Ihres Stabschefs: Ihr Argument vom Dezember hatte mir eingeleuchtet, also habe ich es weitergegeben --- und erntete Gelächter: Doch, diese Stelle sei ein Witz. …. ……. sei ein lieber Mensch, aber er habe keine Funktion. Die einzige Tätigkeit, womit er in Erscheinung getreten sei, wäre die Anschaffung einer Kaffee-Maschine gewesen, für welche er den Angestellten 20 Franken pro Monat vom Lohn heuschen wolle, auch wenn diese keinen Kaffee trinken, wogegen reiche Besucher des Stadthauses gratis Kaffee beziehen. In dieser Angelegenheit habe er einen langen Brief geschrieben und an die Angestellten verteilen lassen. Der Gemeinderat sei gegen die Schaffung seiner Stelle gewesen. Inzwischen werde sein Jahresgehalt von 150'000 Franken auf fünf Departements verteilt, damit es weniger auffalle.

 

Was soll ich jetzt glauben?

 

Franz Gnaedinger  8005 Zürich

 

 

PS vom 8. Februar (Fingerübung für meinen Blocher-Text)

 

…. ……. könnte sich neben seiner Kaffee-Maschine auch mal Ihrer Zeit-Maschine annehmen: Ihren ersten Brief datierten Sie auf den 22. Dezember 2003, gestempelt wurde er am 19. Dezember, und eingetroffen war er am 22.Dezember. Den neuen Brief datierten Sie auf den 19. Dezember 2004, der Stempel ist vom 19. Januar 2004, und der Brief kam vor zwei Wochen an. Ihre Briefdaten wären mir an sich egal, aber ich hoffe, dass die Daten und Zahlen der Buchhaltung stimmen. Besonders beim Hang der SP zu aufgeblähter Bürokratie.

 

Glauben Sie, dass Ihre Einsprachen gegen die Südanflüge beim Bund Gehör finden, wenn Sie dermassen viel Krach bewilligen? In Zürich, wo Sie das Sagen haben? Wer findet denn bei Ihnen Gehör, wenn es um Ruhe geht? Claudia Honegger [hoffe, dass ich mich richtig an den Namen erinnere] schrieb letztes Jahr einen Brief an den TagesAnzeiger und fragte, ob Sie, Herr Ledergerber, die Bevölkerung vertreiben wollen? Arme Claudia Honegger. Zeichnet Insekten. Wunderschön, aber leise. Wenn ihre Stifte je nach Farbton 90 bis 120 Dezibel von sich gäben, ja dann würde sie ernst genommen. Aber so? keine Chance.

 

Heute vernahm ich beim Stimmenzählen, dass 30 Mieter des chicen Steinfels-Areals ihre Wohnung aufgaben: Lärm Lärm Lärm. Das sind In-People, die dort einzogen, keine Bünzli.

 

Die Zeit vor Weihnachten war ein besinnungsloses Treiben. Im Dezember gab es keine Sonntage mehr. Die Laden blieben alle sieben Wochentage offen; an Werktagen und Samstagen länger als üblich. Wer kam? Leute aus der Agglo. Wir hatten massenhaft Verkehr, Dröhnen bis in die Nacht hinein. Die Leute schlenderten in den Läden umher und kauften wenig, aber das Ladenpersonal musste noch viel länger als sonst auf den Beinen stehen. An Sylvester lag ich mit einer schweren Grippe im Bett. Der Feuerwerkskrach begann nach 7 Uhr und dauerte bis um 3 am Morgen. Lüften war nicht möglich, so viel Pulverrauch wie anno 1799 als die Russen in Zürich auf das Heer Napoleons trafen. Und natürlich ging die Kracherei in den folgenden Nächten wieder los. Und jetzt starten Sie den open-air-Krach im Februar, einmal mehr im Namen der Kultur.

 

1980 sagte mir der für Kultur zuständige Sekretär des damaligen Stadtpräsidenten: Kultur ist Luxus. Heute herrscht offenbar eine neue Devise: Je Lärm desto Kultur (vor allem wenn er Geld oder Stimmen oder beides einbringt).

 

Meiner Meinung nach bezeichnet das Wort Kultur einen künstlich-natürlichen Lebenskreis, eine ebensolche Lebensweise, und eine Aufgabe. Diese besteht im Einbinden der künstlich geschaffenen Dinge ins menschliche Leben und die natürlichen Kreisläufe; im Entwickeln geeigneter Lebensformen, und im Schaffen eines Rechtes, welches den Nutzen der künstlichen Mittel maximiert, ihren Schaden minimiert.

 

Sie plädieren im neuen Kultur-Leitfaden für's Verstehen, aber verstehende Kulturarbeit im meinem Sinne erhält weder im Stadthaus noch in den angeschlossenen akademischen Institutionen eine Chance. Die hiesigen Geisteswissenschaften sind ohnehin 30 Jahre in Verzug.

 

Die Expo, von der SP gepusht, im Namen der Kultur abgezogen, hat keine Perspektiven für unser Land aufgezeigt. Martin Heller konnte mir im August 2000 kein besseres Motto nennen als Über die Verhältnisse leben. Franz Steinegger bekam im Vorfeld der Bundesratswahlen im letzten Jahr die Quittung für seine Expo-Führung. Bei jeder neuen Forderung versprach er, dass es ganz gewiss die letzte sei, während die nächste schon in der Pipeline war. Steinegger wurde regelrecht abserviert, und mit ihm das Mitte-Links-Bündnis der letzten rund zehn Jahre. Die SP konnte es nicht konsolidieren. Lärm Drogen grosse SPrüche. Kiffen Saufen Lärmen für den Frieden. Reorganisieren um der Reorganisation willen. Ein Nationalpark für Bürokraten, finanziert von den Geldern für Bildung und Forschung. Je SP desto dicker die Formulare und kafkaesker die Absagen. Die innovativen Leute gehen leer aus. Weiterhin. Sowohl in der Schweiz als auch im sozialdemokratischen Ausland.

 

Sie schreiben mir, dass ich auch die schönen Seiten von Zürich sehe möge. Den Medien sagen Sie allerdings, dass Zürich der Wind ins Gesicht blase, und dass es in der Wirtschaft und Politik Innovationen brauche, wenn wir unseren Wohlstand wahren möchten. Genau. Deshalb schauen die innovativen Leute ein, und deswegen zerstört SP-Regierungsrätin Regine Aeppli zielsicher den innovativen Kern der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich HGKZ, nämlich den bewährten Vorkurs.

 

Meiner Meinung nach ist die SP schuld am Kippen der FDP, mithin am Ergebnis der Bundesratswahlen vom vergangenen Dezember. Auch wegen der Europa-Frage. Würde die SP eine offene Diskussion führen, so hielten mehr Leute zu ihr. Aber die Genossen träumen von Macht und Grösse: ein JA in die Urne eingelegt, und schon sind wir aus der engen kleinräumigen vilichd-echli-esbizzeli Schweiz raus und ein Teil der neuen Weltmacht Europas, dem Vernehmen nach der stärksten Wirtschaftsmacht und bald auch Wissensmacht der Welt. Irrtum. Das ist Amerika. Der amerikanische Vorsprung in den Wissenschaften ist nicht mehr einzuholen. Die aufregenden Projekte laufen in Amerika. Pro Jahr verlassen 700 junge Wissenschafter die Schweiz (TagesAnzeiger), beziehungsweise 400 bis 500 brillante junge Wissenschafter (SonntagsZeitung). In Europa sind es jährlich rund 83'000 junge Wissenschafter [In den letzten zehn Jahren gingen 400'000 EU-Forscher nach Übersee; allein im Jahr 2'000 waren es 85'700 EU-Forscher; TAGESANZEIGER vom 7. August 2003]. Aber nicht nur die Jungen gehen nach Übersee. Amerika sammelt auch emeritierte Professoren ein, welche ihre kühnsten Ideen, die sie im kleinlich kleinkarierten Europa wohlweislich eine Laufbahn lang verschwiegen haben, mit 65 Jahren an den aufgeschlossenen amerikanischen Nachwuchs weitergeben. Google stellt 200 Leute an, die tun können was sie wollen. So kommt man zu Innovationen. In der Schweiz müssten dieselben Leute ein Leben lang Formulare ausfüllen. Die Mars-Sonden der ESA und NASA zeigen einmal mehr, wie es um Europa und Amerika steht. Die unbewegliche Esa-Sonde versagte, der am Fernsehen immerzu wiederholte Propaganda-Film zeigte eine langweilige Alte-Welt Geometrie, und der Satellit "entdeckte" lediglich was die Amerikaner vor zwei Jahren herausfanden: es gibt Wasser auf dem Mars. Die beweglichen amerikanischen Roboter funktionieren. Die Anschnitte der Sonnensegel auf den Bildern zeigen eine aufregend moderne Geometrie. Beim Vergleich kann einem Europa leid tun: ein ähnlicher Unterschied wie damals zwischen Apollo und Sojus. Man mag zur Raumfahrt stehen wie man will, aber sie ist auf jeden Fall ein besserer Motor der Entwicklung als Kriege. Die atemberaubenden Bilder von der kleinen farbigen Erdkugel mit ihrer hauchdünnen Biosphäre im absolut schwarzen Himmel, aufgenommen von den Apollo-Astronauten, weckten das globale Bewusstsein und gaben dem Umweltschutz wie auch der neuen, auf Symbiose und Kooperation basierenden Biologie von James Lovelock, Lynn Margulis und anderen Auftrieb. Gleichzeitig begann in den Andrews Wäldern Oregons die wissenschaftliche Erforschung des überaus komplexen Lebenssystems Wald. Sogar der Umweltschutz, auf den wir Europäer so stolz sind, kommt von Amerika, und wenn ausnahmsweise mal etwas wirklich von Europa kommt, wird es ganz sicher von den hiesigen Institutionen verschlafen bzw. verhindert. Inklusive und manchmal vor allem von der SP.

 

 

 

Brief 8  (Web-Version)

 

Herrn …, Lärmbekämpfung, Postfach, Zürich / Zürich, 9. Februar 2004

 

Sehr geehrter Herr …,

vielen Dank für Ihren Brief vom vergangenen Oktober und Ihren Anruf heute morgen. Anbei die Kopie des zweiten Briefes, den mir Stadpräsident Elmar Ledergerber aus der Zukunft schickte, geschrieben am 19. Dezember 2004 (sein erster Brief ging 3 Tage vor, der zweite elf Monate), gefolgt von der versprochenen Kopie meines neuen Briefes an ihn. Der Lärm im Oberen Kreis 5 wird jedes Jahr schlimmer. Ich wehre mich auch für andere. Es braucht bisweilen Mut, gegen die Lärmlobby vorzugehen. Die Bodyguards, welche die wilden Parties beschützen, haben dieselben Sprüche drauf wie Drogendealer und werden auch mal handgreiflich, wenn man sich von ihren Worten nicht beeindrucken lässt. Sogar die Polizei musste am Escherwyss einstecken und ist seither nicht mehr ausgerückt, weil es für solche Einsätze "Hundertschaften" bräuchte. Die Lärmszene hat natürlich die Signale unseres Stadtpräsidenten mitbekommen: man muss lediglich von "Kultur" reden, dann kann man so viel Lärm machen wie man will. Die Jungen haben allein in Zürich 486 (fast 500) Klubs, in denen sie lärmen und die Nächte durchdonnern können, die Rote Fabrik, das Jugendhaus, aber alle ihre vielen Lokale und Rechte und der ganze Wohlstand sind ihnen offenbar schal geworden. Das einzige was ihnen schmecken würde, sind unsere Rechte. Vor allem unser Recht auf Nachtruhe. Das möchten sie gerne. Das sollen wir hergeben. Und jetzt, in diesem Jahr, beginnt der Sommerkrach im Freien schon Anfang Februar, bewilligt von unserem Lärmpräsidenten, welcher beim Bund wegen Fluglärms klagt. Wird man ihn ernst nehmen, wo er in seinem eigenen Revier derart viele lärmige Anlässe bewilligt?

 

Mit freundlichen Grüssen  Franz Gnaedinger  8005 Zürich

 

 

Der Stadpräsident hatte mir geschrieben, dass er vom Lärm jener Donnernacht im Hof des Landesmuseums, die er selber an der Polizeichefin vorbei bewilligt hatte, „entsetzt“ war, die Veranstalter hätten sich nicht an die Auflagen gehalten und seien verzeigt worden. Der Herr vom Büro für Lärmbekämfung rief mich an und sagte mir, dass auch der Heuler vom Platzspitz verzeigt werde, weil er die Auflagen missachtet habe. Mit dieser Lärmerei könne es nicht so weitergehen wie letzten Sommer. Vielen Dank. Aber der Sommer steht uns erst bevor. Dieses Jahr begann der Lärm schon im Februar. Das hochsubventionierte Schauspielhaus beschäftigt einen ausländischen Provokateur. Nach der Premiere eines neuen zweifelhaften Stückes gab er am Escherwyss eine Lärmparty. Als die Polizei am Sonntagmorgen um 3 Uhr eingriff, kam es zu einem Gerangel. Danach liess der gutbezahlte Provokateur, den ich für eine taube Nuss halte, in der Süddeutschen Zeitung verlauten, dass er von den Zürcher „Bullen“ zusammengeschlagen worden sei. Ich glaube der Polizei. Letztes Jahr haben nämlich die Lärmer die Polizei verdroschen. So geht es in Zürich zu und her. Die sog. Kulturszene, welche den Kulturbegriff usurpierte, glaubt sie könne sich alles leisten. – Letzten Frühling hatte ein Nachbar über einen Monat lang die Musik so laut laufen lassen, dass die Mauern vibrierten und man einen Druck in den Ohren verspürte wie beim raschen Aufstieg in einer Seilbahn. Der Hauswart konnte nicht mal mehr die Fernsehnachrichten in seiner eigenen Stube verstehen, so laut lief die Musik im oberen Stock. Nachdem wir intervenierten, gab es Ruhe. Dieses Jahr fing es wieder an, schon im Februar. Wir intervenierten sogleich. Der junge Mann fand, es gäbe zu wenig Leben im Haus, darum die laute Musik. Dieser junge Mann hat eine nette Freundin, einen Sonnenschein von Töchterchen, eine grosse Wohnung, er arbeitet für ein Theater, gehört also der Kulturszene an, und lebt mitten in Zürich, das im Wohlstand schwimmt, wo es Anlässe aller Art gibt, und welches eben wieder zur lebenswertesten Stadt der Welt erklärt wurde, diesmal zusammen mit Genf. All das reicht nicht, um sich lebendig zu fühlen? Was fehlt diesen jungen Menschen? Wurden sie als Kinder zu wenig im Arm gehalten und müssen jetzt die verpassten Berührungen und Zärtlichkeiten von damals mit Vibrationen über die Luft nachholen?

 

 

 

 

Schulen Drogen Lärm; Zürich (Teil 2)

 

 

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