Madonna Leo X von Raphael – Vision einer neuen Kirche ?

provisorische Expertise in fünf Teilen

mit einem Nachtrag zu den beiden Versionen von Julius II in Frankfurt und London

sodann ein Schlüssel zum Verständnis der Transfiguration

© Franz Gnaedinger 2014

 

 

gia33.JPG  gia34.JPG  mlx1.jpg  mlx2.jpg  mlx3.jpg  gia35.JPG  gia36.JPG  gia75.JPG  gia72.JPG  gia73.JPG  gia74.JPG  gia37a.JPG

 

 

Erster Teil

 

1506 arbeitete Leonardo da Vinci an der Replik seiner Madonna in der Felsengrotte. In diesem Jahr, so glaube ich, erhielt er Besuch von Giorgione und Raphael. Die beiden wollten alles von ihm erfahren, bewunderten die erste Fassung der Madonna in der Felsengrotte (heute im Louvre, Paris), und fragten was das Bild bedeute? Leonardo machte eine Ausnahme und erklärte sein frühes Meisterwerk  gia33.JPG  Der kleine Johannes fand in eine geräumige Höhle, worin sich Maria, ihr kleiner Sohn und ein Engel aufhalten. Er wird von Maria ergriffen, mit einer ebenso kräftigen wie anmutigen Gebärde halb hergezogen halb in die Knie gedrückt, ihrem gesegneten und selber den kleinen Johannes segnenden Sohn zugehalten, während der Engel auf der Seite Jesu merkwürdigerweise auf den kleinen Johannes zeigt und auf uns blickt ... Leonardo als Maler sah sich in der Rolle des Johannes. Wie dieser einen grösseren verkündete, so preist er in seinen Werken die Natur, die Schöpfung Gottes, welche jedes menschliche Werk übertrifft. In Maria symbolisiert er die Schönheit und das lebendige Wirken der Natur, in Jesus das Wesen der Natur. Als junger Maler, eben Meister geworden, gab er sich als den kleinen Johannes. Von der Schönheit und dem Geheimnis der Natur ergriffen, fühlt er sich ihrem Wesen nahe, es wissend anschauend und gläubig anbetend. Während Maria die Schönheit und das lebendige Wirken der Natur verkörpert, so der Engel die Schönheit und Wirkung des Bildes. Er zeigt mit seiner Hand auf Johannes, den Stellvertreter des Malers welcher das Bild mit seiner Hand schuf – Hand zu Hand. Er blickt aus dem Bild hervor auf uns Betrachtende – Auge zu Auge. Wie Maria den kleinen Johannes in ihren Kreis aufnimmt, so möchte uns der Engel aufnehmen in den nach vorne in den Raum noch immer offenen Kreis der mit unserem verständigen Hinzutreten geschlossen werden soll.

 

Giorgione und Raphael liebten die Gespräche mit Leonardo und verewigten die Erinnerung daran in je eigenen Bildern, Giorgione mit seinen drei Philosophen: der sitzende junge Mann, den Eingang einer Höhle zeichnend, Giorgione selber; der jüngere stehende Mann Raphael, im Gespräch mit einem Greis, Leonardo  gia75.JPG  Und Raphael ehrte ihn als Plato in der Schule der Philosophen in Athen, die Bogengänge in der Mitte das Format der ersten Version der Madonna in der Felsengrotte übernehmend, die vorgestreckte Hand des Aristoteles an seiner Seite die Hand der Maria in der Felsengrotte nachahmend, und am rechten Rand zwei Jünglinge, einer davon – der junge Raphael selber – wie der Engel aus dem Bild hervorschauend, sehr ähnlich der Studie Leonardos zum Engel in der Felsengrotte  gia72.JPG  gia73.JPG  gia74.JPG

 

Leonardo erklärte seinen ‚Schülern’ auch die geometrischen Anlagen, auf denen seine Kompositionen basieren - zwar nicht zu sehen aber doch zu ahnen, wie die Gesetzmässigkeiten der Natur welche den Kosmos und das Leben bestimmen. Die erste Version der Madonna in der Felsengrotte  gia33.JPG  wird vom goldenen Verhältnis gegliedert, von allen Seiten her angewendet, jeweils mehrfach  gia34.JPG

 

In den Jahren 1506 und 1507 befasste sich Raphael ausgiebig mit der Figurengruppe der Maria und der beiden Knaben Jesus und Johannes. Im Mai 2014 ist ein neues Bild aus dieser Reihe bekannt geworden, eine sog. Madonna Leo X, meiner Meinung nach das Original von Raphael selber, da es – anders als die übrigen Versionen – auf einer genau eingehaltenen geometrischen Anlage basiert.

 

Erst einmal das Bild  mlx1.jpg  Wir sehen den kleinen Johannes auf der rechten Seite knien, zum kleinen Jesus hochschauen (oder vielleicht nach links hinüber? mehr später), während Maria, leise amüsiert aber auch wachend auf ihren kleinen Sohn hinabschaut. Er selber blickt nach rechts in die Höhe. Was er sehen mag? Vielleicht eine Gruppe kleiner Engel, einen Chor von Cherubinen die einen Psalm anstimmen, womöglich aus dem Psalter welchen Maria im Arm trägt und worauf ihr kleiner Sohn die ausgestreckte linke Hand legt?

 

Das liebenswürdige Bild wurde auf Leinen gemalt (zur Frage der Leinwand später, im Giorgione gewidmeten fünften Teil). Es dürfte 10 mal 7 Einheiten messen. Maria gibt mit ihrem linken Ellbogen (auf der rechten Seite) die halbe Höhe an, mit der Kuppe ihres grossen Zehs die halbe Breite (typisch für Leonardo, solche Markierungen erlauben die Rekonstruktion beschnittener Bilder). Der kleine Jesus-Knabe gibt mit der Kuppe seines rechten Zeigefingers die goldene Teilhöhe von oben und –breite von rechts her an. Teilt man das Bild viermal von oben her im goldenen Verhältnis, so gelangt man zum Auge des kleinen Johannes und der Kuppe des Zeigefingers Jesu, der Höhe der fernen Hügel, der Höhe der Augenwinkel und schliesslich der Kopfhöhe Marias  mlx2.jpg  Die von den unteren Ecken zur oberen Mitte ansteigende Pyramide hält die Gruppe zusammen, ganz im Sinne Leonardos. Der Stab des Johannes verläuft parallel zur linken Pyramidenseite, um 2/5 der Bildbreite nach rechts verschoben. Die linke Pyramidenseite und zwei goldene Linien kreuzen sich mathematisch genau im selben Punkt, neben dem äusseren Augenwinkel der Maria, einen goldenen Minor der Bildhöhe über der Kuppe des Zeigefingers Jesu und dem Auge des Johannes, beide selber einen goldenen Minor über dem unteren Bildrand. Blick und Augenachse des Johannesknaben führen zur Kopfhöhe Marias auf den rechten Bildrand übertragen. Kompliziert in Worten aber einfach zu sehen, darum nocheinmal die Zeichnung (erst auf Papier ausgeführt, anschliessend auf den Computer übertragen, massgeblich wären die Zeichnungen auf Papier)  mlx2.jpg

 

1507 malt Raphael die schöne Gärtnerin  gia35.JPG  im Bogenformat 3:2 – ein Quadrat überhöht von einem Halbkreis. Die Gliederung der Bildfläche besorgt ein goldenes Gitter, analog jenem in der ersten Fassung der Madonna in der Felsengrotte. Die verlängerte Augenachse Jesu, der blaue Überwurf und das linke (von uns aus gesehen rechte) Auge Marias wurden auf eine Teildiagonale des goldenen Gitters bezogen, welche die linke Pyramidenseite ersetzt, während der Stab des Johannes optisch parallel aber nicht wirklich parallel zur Teildiagonale verläuft  gia36.JPG

 

1507/8 malt Raphael die Hl. Familie Canigiani. Für Maria wählt er offenbar dieselbe junge Frau wie auf dem neuen Bild, während Anna auf der linken Seite, die Mutter des Johannesknaben, nach rechts in die Höhe schaut, zu den kleinen Engeln am Himmel (die bei der Entfernung der Übermalung zum Vorschein kamen). Maria hat ihren Psalter geöffnet, markiert eine Seite mit ihrem Finger, aber diesmal ist es vermutlich ein ernster Psalm dem halb erschrockenen Gesichtsausdruck der Anna nach zu schliessen. Unser Modell der Maria ist auch in der Abnahme vom Kreuz zu sehen. Raphael hat in seinen Darstellungen der Maria und des kleinen Jesus oft eine Andeutung auf sein Schicksal eingewoben, im neuen Bild den halb besorgten Blick Marias vom rechten (im Bild linken) Auge ausgehend.

 

Raphael habe seine Malerei wissenschaftlich betrieben, sei dabei aber volkstümlich geblieben, was seine grosse Beliebtheit erkläre. Die Wissenschaft zeigt sich in der Geometrie, das Volkstümliche in der Wahl seiner Modelle, in seiner Liebe zu realen Menschen die ihn umgaben.

 

Der kleine Johannes im neuen Bild geht über das Volkstümliche hinaus. Fast möchte ich glauben, dass Leonardo seine Hand im Spiel hatte  mlx3.jpg

 

Als Leonardo 1506 die Replik seiner Madonna in der Felsengrotte (London) malte, konnte er sich nicht länger als ein Kind zeigen. Bei weitem die schönste Figur in der Replik ist der Engel auf der rechten Seite. Er schaut nicht mehr aus dem Bild hervor sondern zum kleinen Johannes hinüber – mit einem Blick aus Distanz, kritisch, aber doch mit stillem Wohlgefallen  gia37a.JPG  So ähnlich mag Leonardo in jenen Jahren auf sich selbst als jungen Meister zurückgeschaut haben.

 

Der kleine Johannes im neuen Bild sieht zu Jesus hoch aber auch nach links hinüber (im Bild der schönen Gärtnerin eindeutig nach links hinüber). Sollte Leonardo beim Malen des Johannesknaben geholfen haben so hätte er mit den Augen eines Jüngeren auf seine eigene Geschichte zurückgesehen – möglicherweise auf eine Felsengrotte links in der Flusslandschaft?

 

1513 hätte Raphael den Saum des blauen Überwurfs der Maria im neuen Bild nachträglich mit einer Widmung an den frisch gekürten Papst Leo X versehen, daher der Name Madonna Leo X, wobei er entweder den leicht abnehmbaren Essenzfirnis teilweise löste, seine Widmung an Papst Leo X und seinen eigenen Namen aufmalte und an den betroffenen Stellen einen neuen Firnis strich, oder das Bild blieb unvollendet, worauf er Widmung, Namen und den Firnis des ganzen Bildes im Jahr 1513 applizierte.

 

Meiner Meinung nach wollte der junge Raphael ein vergleichbares jugendliches Meisterwerk schaffen wie es Leonardo mit der ersten Version seiner Madonna in der Felsengrotte gelang. Dies würde erklären, weshalb er so viele Versionen des Motivs erarbeitete. Sein Wunsch ging in Erfüllung mit der schönen Gärtnerin. Die sog. Madonna Leo X kann als gemalte Vorstudie gelten. Sollte das Bild im Mai 1506 geschaffen worden sein so könnte Leonardo da Vinci dazu beigetragen haben – das Gesicht des Johannesknaben gefällt mir ausserordentlich  mlx3.jpg 

 

Eine hohe Pyramide von ähnlicher Bedeutung wie jener im neuen Bild findet sich in der geometrischen Anlage der Taufe Jesu von Piero della Francesca aus den Jahren 1448 bis 1450, einem wichtigen Werk der frühen Renaissance. Die Zeichnungen mögen sich selbst erklären  gia19.JPG  gia20.GIF  gia21.JPG  gia22.JPG

 

 

 

Zweiter Teil     (eine Fabel)   dragon0.jpg  dragon1.jpg  dragon2.jpg

 

John Shearman glaubt, Raphael habe während seiner Florentiner Jahre Rom besucht.

 

Nehmen wir an, der junge Maler sei im Frühsommer 1505 in Rom gewesen, habe sich mit Bramante befreundet, welcher an den Plänen für den Neubau des Petersdoms arbeitete, und streife mit ihm durch das Forum Romanum. Es ist Mittag. Die sprichwörtlichen ‚tausend Glocken Roms’ läuten, hörbar vor allem jene der nahen Glockentürme der Campidelli  dragon0.jpg  Die Campidelli waren eine der vierzehn Rioni oder Bezirke Roms. Das Emblem der Campidelli war ein Drachenkopf  dragon1.jpg  Raphael erzählt Bramante eine Episode aus seiner Kindheit in Urbino. Er liebte die Psalmen, die jeweils in seiner Kirche gesungen wurden, doch bei Psalm 148 Zeile 7 musste er sich immer beherrschen, und seine Mutter gab Acht auf ihn, obschon auch sie bei dieser Stelle schmunzelte: Sonne, Mond und alle Lebewesen sind aufgerufen, den Herrn zu preisen, der die Welt mit seinem Wort erschuf – auch die Drachen und anderen Geschöpfe der Tiefe ...  dragon2.jpg  Als Knabe habe er sich vorgestellt, wie sich die Drachen zum Lobe des Herrn versammeln, und habe sich wirklich sehr beherrschen müssen, nicht offen herauszulachen!  (Mehr zur Bedeutung von Hebräisch tanninim später, im vierten Teil mit Bildvergleichen.)

 

Bramante freut sich über den heiteren und sehr begabten, auch ehrgeizigen jungen Mann, und macht ihm einen Vorschlag: Für nächsten Sommer, 1506, planen wir die Grundsteinlegung des neuen Petersdoms. Wie wäre es, wenn Du ein Bild für den Anlass malen würdest? Könnte Dir manche Tür in Rom öffnen.

 

Raphael nimmt gerne an, und hat auch schon eine Idee für ein Bild. Es soll eine neue Version der Madonna in der Felsengrotte von Leonardo werden, ein Bild das er sehr bewundert. Maria, der kleine Jesus und der kleine Johannes wären im Freien zu sehen, auf der ehemaligen Wiese des Petersdoms, vor einer Felsenbank, welche Petrus repräsentiert – Petrus den Fels worauf Jesus baute –, während Maria eine neue beziehungsweise erneuerte Kirche darstellen soll. Maria und die beiden Knaben lauschen dem Gesang einer Gruppe kleiner aber im Bild nicht sichtbarer Engel rechts oben, welche Psalm 148 zum Besten geben, sowie den tausend Glocken Roms, vertreten von ein paar Glockentürmen der Campidelli ...

 

An einem frühen Sommermorgen zeichnet Raphael ein Panorama Roms vom Belvedere aus. Er wird die Zeichnung für den Hintergrund seines Bildes verwenden.

 

Zurück in Florenz besucht er zusammen mit Giorgione Meister Leonardo in seinem Atelier, wie eingangs erzählt. Leonardo hilft dem jungen Raphael bei der Ausarbeitung seines Bildes. Wenn Maria eine neue Kirche symbolisieren soll, dann könne doch der Johannesknabe die Kunst verkörpern welche den Dom schmücken und den Schöpfer preisen werde? ebenso wie Johannes einen grösseren als er selbst verkündete?

 

Raphael malt sein Bild auf Leinen, hoffend dass die Farben noch rechtzeitig trocknen. (Dies wäre auf Anraten von Giorgione geschehen, wie im fünften Teil erklärt werden soll.)

 

Die Grundsteinlegung für den neuen Petersdom war für den Sommer 1506 geplant, findet aber früher statt (meine Hypothese). Am 18. April steigt Leo II in einen mehr als acht Meter tiefen Schacht hinab und segnet den Fels. Raphael ist zu spät, aber auch ein wenig erleichtert: Wer weiss was Leo II, ein Soldatenpapst, mit meiner Vision einer neuen Kirche im Geiste Marias anfangen kann?

 

Nun hat er Zeit für eine neue Version des Bildes auf einer Holztafel. Gott erschuf die Welt mit seinem Wort, wie es in Psalm 148 heisst, und Jesus versprach er sei zugegen, wo immer sich ein paar Leute in seinem Namen versammeln, also könnte man doch sagen, die Kirche sei überall, irgendwo auf der Erde überwölbt vom Himmel? Ich male Maria mit den Buben im Freien auf einer Blumenwiese, welche die Schöpfung Gottes preisen soll, und kann dabei meine Komposition ein wenig weiter entwickeln. Maria soll den Kopf leicht neigen; Jesus weiterhin nach rechts oben schauen, zum Chor der kleinen aber unsichtbaren Engel, doch die Verlängerung der Augenachse soll zum linken Auge Marias führen, auf eine Diagonale des goldenen Gitters bezogen, welche die linke Pyramidenseite in der Geometrie der ersten Version ersetzt. Johannes soll den Kopf leicht Maria zuneigen. Die Füsse der drei Figuren sollen sich neu auf das nach unten erweiterte goldene Gitter beziehen. Das Format soll ein Rundbogen sein – ein Quadrat für die Erde und ein Halbkreis darüber für den Himmel, zusammen ein Symbol der geistigen Kirche. Der Hintergrund soll auf der linken Seite eine stimmungsvolle Flusslandschaft mit einigen Bauten zeigen, auf der rechten Seite eine reiche Kirchenstadt, französisch anmutend, so den Übergang vom Heidentum (links) zum Christentum (rechts) symbolisieren, an welchem auch Frankreich seinen Anteil hat ... Das Bild wurde als schöne Gärtnerin bekannt, La Belle Jardinière, und war von Anfang an sehr beliebt.

 

1513 wird Giovanni de Medici, ein Freund Raphaels, zum neuen Papst gekürt: Leo X. Raphael kann von ihm mehr Verständnis für sein Anliegen einer neuen Römischen Kirche im Geiste Marias erhoffen, also widmet er ihm die erste Version auf Leinen, und weil er seinen Freund als humorvollen Menschen kennt, erzählt er ihm von den Drachen in Psalm 148 und wie er sich als Knabe über Zeile 7 amüsierte ...

 

Von heute aus gesehen mag die Madonna Leo X als Vorstudie zur Belle Jardinière erscheinen, sollte sich aber die Entstehung des Bildes so ähnlich wie in meiner Fabel zugetragen haben wäre es ein eigenständiges Werk, aus historischem Anlass entstanden, und erst recht bedeutsam wenn man von den Wirren der Kirche in der damaligen Zeit Kenntnis hat.

 

 

 

Dritter Teil     (ein freundliches Kindermädchen)

 

Wir befinden uns auf einer Blumenwiese des Vatikans mit Blick auf das Rom der Renaissance, viel kleiner als das heutige Rom. Auf wundersame Weise öffnet sich das Panorama zwischen dem Palazzo Ricci und den Glockentürmen der Campidelli für die Vision einer Madonna mit Jesus und Johannes als Buben. Es ist ein früher Morgen um die Sommer-Sonnwende, zweite Junihälfte, wenn die Tage am längsten sind. Links vorne sieht man eine Akelei welche von Mai bis Juli blüht, auf einer Wiese deren Grün oxidierte und nun rötlich erscheint. Die Sonne ging eben auf – weit links, ausserhalb des Bildes. Die ersten Glocken erklingen und erweisen dem Titel ‚Rom der tausend Glocken’ Ehre. Maria hält einen Psalter im Arm, das Buch der 150 Psalmen von David. Weit hinten steckt offenbar ein Buchzeichen, denn man sieht einen dünnen Spalt zwischen den Blättern. Jesus legt seine Hand auf den Psalter, schaut nach rechts oben, und mag dem Gesang einer Gruppe Cherubine lauschen, welche möglicherweise Psalm 148 zum Besten geben, vielleicht gerade Zeile 7, hier in der Fassung der Englischen King’s Bible

 

    Praise the LORD from the earth, ye dragons and all deeps

 

    Lobet den HERRN von der Erde aus, ihr Drachen und alle Tiefen

 

Diese Zeile amüsiert den kleinen Jesus, ebenso wie möglicherweise einst den kleinen Raphael – kann ich die Drachen singen hören wenn ich fest lausche? Das Ohr Jesu ist eigenartig tief angebracht, als wäre es am Unterkiefer angewachsen. Erst schien es mir ein Fehler zu sein, aber im Zusammenhang mit den Drachen und allen Tiefen würde es Sinn machen: eine hübsche Anekdote aus der Kindheit Raphaels, für ein Bild verwendet. Maria schaut auf Jesus hinab, leise schmunzelnd wie mir scheint. Offenbar weiss sie, wie ihr Sohn auf die Zeile im Psalm reagiert und freut sich an dessen Vergnügen.

 

Chinesische Drachen gelten als weise und sollen Glück bringen. Im alten Rom verkörperten Drachen die Weisheit der Erde. Das Christentum sah sie dagegen als Verkörperung des Bösen, jedoch konnte ein erlegter Drache zu einem nie versiegenden Born heilender Wasser werden, wie in einer der beiden umbrischen Drachenlegenden. Raphael kam aus Urbino im nördlichen Umbrien. Von 1504 bis 1506 malte er drei Drachenbilder (zwei weitere folgten 1518). Das christliche Rom sprach von Satan als dem ‚roten Drachen’. Um 1100 herrschten drei verfeindete Familien über Rom, das in Anarchie versank. Raub und Mord waren an der Tagesordnung. Hochrangige Besucher kehrten um bevor sie Rom betraten, erschrocken über die dortigen Zustände. Der heilige Bernhard von Clairvaux nannte die Römer eine gewalttätige, unlenkbare Rasse. Die herrschenden Familien stellten Päpste und Gegenpäpste, einander wechselseitig bezichtigend mit dem ‚roten Drachen’ im Bund zu stehen. In der Mitte des zwölften Jahrhunderts kamen sie zur Einsicht und begannen Glockentürme zu bauen welche die Stadt in Frieden und Gebet einen sollten, von daher das Epithet ‚Rom der tausend Glocken’. Zwei grosse und ein kleinerer Glockenturm des Rione Campidelli sind rechts neben Maria zu sehen  dragon0.jpg  Das Campidelli-Emblem war ein Drachenkopf mit offenem Maul und dreifacher Feuerzunge. In der mir vorliegenden älteren Version sieht er aus als ob er singe oder es zumindest versuche und so etwas wie ein Jaulen von sich gebe  dragon1.jpg  Der versteckte Hinweis auf den Drachen wäre zum einen eine amüsante Kindheits-Erinnerung Raphaels und hätte zum anderen einen ernsten politischen Hintergrund, nämlich die noch immer nicht ganz überwundene Spaltung Roms und der Kirche (die 1517 mit Luther wieder neu aufbrechen sollte).

 

Links neben Maria sieht man den Palazzo Ricci und dann, über dem linken Auge Jesu, das Pantheon dessen Inneres eine wundervolle Kuppel formt. Während die meisten römischen Tempel in christlicher Zeit abgebrochen worden waren, blieb das Pantheon glücklicherweise stehen, und zwar deshalb weil es Papst Bonifaz IV im Jahr 609 zu einer Kirche weihte – zu einer Marienkirche. Bramante soll über sein Projekt für den neuen Petersdom gesagt haben, er wolle gleichsam das Pantheon auf die Konstantinische Basilika türmen. Vitruvius lehrte dass ein Gebäude die menschliche Gestalt überhöhe. Also kann umgekehrt eine menschliche Figur ein Gebäude symbolisieren oder personifizieren ... Die Madonna Leo X wäre meiner Meinung nach Raphaels Vision und Personifikation einer im Geiste Marias erneuerten Kirche. Ihr weissliches Inkarnat erinnert an Marmor, so könnte sie auch Madonna Vatikan heissen. Bramante plante einen Zentralbau mit einer grossen Kuppel in der Mitte. In der Bildmitte sehen wir den Schoss Marias. Italienisch la chiesa und Deutsch die Kirche sind weiblich. Sprach man nicht sogar vom Schoss der Kirche? Raphael wohnte in der Nähe des Pantheons. Kurz vor seinem viel zu frühen Tod schrieb er sein Testament worin er wünschte im Pantheon bestattet zu werden, während über dem Sarkophag eine von seinem Gehilfen Lorenzetto geschaffene Statue der Maria mit Kind wachen soll. Wie es denn auch geschah.

 

DIE WELT nannte in einem Artikel vom 12. Mai 2014 die neue Madonna „ein freundliches Kindermädchen“. Goldrichtig. So soll die Kirche sein. Sich im Geiste Marias erneuern, das Leben feiern, die Gläubigen als Kinder Gottes behüten wie ein freundliches Kindermädchen.

 

Das neue Bild unterscheidet sich von anderen Werken in seiner Schlichtheit. Während Raphael gewöhnlich die Bildfläche mit malerischen Kontrasten füllt und den Blick tanzen lässt, nimmt er sich für einmal zurück, indem er die Aufmerksamkeit mit sparsam verteilten klaren und feingliedrigen Kontrasten lenkt, was er am Beispiel der Mona Lisa gelernt haben mochte. Andere Bilder sind ein Fest für die Augen, hier wohnen wir einer Andacht bei.

 

Raphael lernte auch Ideen per Geometrie zu vermitteln. Wie gesagt gibt die Kuppe des Zeigefingers Jesu auf dem Knie der Maria eine wichtige Stelle an. Sie teilt sowohl die Höhe des Bildes von oben als auch die Breite von rechts her im goldenen Verhältnis. Jesus tippt auf das Knie, was den bekannten Reflex auslösen soll. Er fordert Maria auf, sie möge sich erheben. Der grosse Zeh ihres linken Fusses markiert die vertikale Bildachse, während die waagrechte Achse die Höhen ihrer rechten Armbeuge (links im Bild) und des linken Ellbogens (rechts im Bild) vorgibt. Knie, Fuss, Armbeuge und Ellbogen deuten an, dass Maria aufstehen und die Arme öffnen wird. Möge sich die Idee einer im Geiste Marias erneuerten Kirche bewähren und ausbreiten ... All dies wird man nicht erfassen wenn man vor dem Bild steht aber man wird es auf irgendeine Weise spüren. Es verleiht der Komposition Sicherheit und Festigkeit und eine wie ich finde sehr schöne Plastizität.

 

Leonardos Mona Lisa darf man als ein Gleichnis des Sehens bezeichnen. Raphael versuchte sich an einer Allegorie des Hörens. Marias Ohr ist nach vorn gerichtet, als ob sie, Verkörperung der neuen Kirche, auf die Bitten und Anliegen der Gläubigen höre. Jesus lauscht dem Psalm der Cherubine rechts oben, ausserhalb des Bildes, überdies, mit seinem tief angesetzten Ohr, dem allfälligen Gesang der Drachen in den Tiefen der Erde. Johannes beugt sich vor in Erwartung der Worte Jesu. Dazu glauben wir die Glocken Roms zu vernehmen, von denen die ersten ihr Morgenläuten anstimmen ...

 

Leonardo sah eine Verwandtschaft zwischen Malerei und Musik. Beide verwenden Proportionen. Im Mailänder Abendmahl formulierte er eine musikalische Theorie. Thomas Brachert fand den Gitterplan 6 mal 12, zudem musikalische Proportionen in den seitlichen Behängen. Diese evozieren den Prospekt einer Orgel. Die hintere Wand misst 4 mal 4 Einheiten, die Fläche über der Tafel 3 mal 4 Einheiten. Meine Studien ergaben dass die Oberlinien der Fensteröffnungen die Bildhöhe von unten her in 3 plus 2 gleiche Teile gliedern. Für die hintere Wand bleiben 1,4 mal 4 Einheiten. Das wäre ein Rechteck von 7 mal 20 kleinen Einheiten (fünf kleine Einheiten für eine grosse). Versteht man Diagonale und Länge als Saiten und stimmt man die Diagonale auf den Ton f so ergäbe die Länge ein e in unserer Tonleiter. Der Fehler wäre unhörbar klein, und zwar über mehrere Oktaven, ja den ganzen menschlichen Hörbereich (1,059481... zu 1 statt 1,059463... zu 1 für den Halbton). Leonardo könnte die von Andreas Werckmeister um 1537 eingeführte gleichmässige Stimmung vorweggenommen haben. Interessanterweise finden wir dieselben Zahlen in der Madonna Leo X. Das Komposition basiert auf dem Gitterplan 10 mal 7 (der beispielsweise den linken Turm und rechten Wohnturm erfasst, ferner die rechte Seite des Kopfes der Maria und Höhe ihres Kinns, auch die Position ihrer Füsse). Die Seiten der Pyramide stehen zur Höhe wie e und f und wären damit ein weiterer Aspekt in der Allegorie des Hörens.

 

Raphael könnte sein Bild unvollendet gelassen und für sieben Jahre bei sich behalten haben, möglicherweise auch deshalb weil es die Lektionen des grossen Meisters bewahrte – wenn er das Bild anschaute mochte er (so können wir uns vorstellen) die Stimme Leonardos vernehmen der ihm bei der Arbeit half ... In Rom verdiente Raphael 1'000 Dukaten im Monat, Leonardo nur 33. Doch mehrere zum Teil versteckte Hinweise auf Leonardo in den Werken Raphaels und seiner Schule machen mich glauben dass er eine Freundschaft zu seinem informellen Lehrer pflegte und ihm auch finanziell beistand. 1513 könnte er den Schleier Jesu auf das unfertige Bild der Madonna Leo X gemalt haben, dazu seine Widmung an den neuen Papst im oberen und seinen eigenen Namen im unteren Saum des blauen Gewandes, worauf er das Bild mit Essenzfirnis überzogen hätte. Als Farbe und Firnis trocken waren, hätte er das Bild Papst Leo X überreicht. Mehrere Kopien bezeugen seine Beliebtheit. Von allen Versionen basiert einzig die neue auf der genau eingehaltenen geometrischen Anlage, weshalb ich sie für das Original erachte. Das Gemälde ist in ausgezeichnetem Zustand. Die Eigentümer trugen ihm Sorge und haben alles getan was ihnen möglich war.

 

 

 

Vierter Teil     (Bildvergleiche) 

 

Madonna del Cardellino   1506

 

Ähnlich wie in der Felsengrotte hält Maria den kleinen Johannes ihrem Söhnlein zu. Johannes offeriert Jesus einen Stieglitz, auf Italienisch cardellino. Der bunt gefärbte Vogel gehört zur Gattung der Finken. Stieglitze waren damals beliebte Käfigvögel. Wenn Leonardo über den Markt ging, kaufte er bisweilen einen Singvogel, befreite ihn und liess ihn fliegen. „Kinder hören gern die Geschichte, dass die Art deshalb so viele Gefiederfarben habe, weil sie bei der Farbverteilung durch den lieben Gott zu spät erschien und von allen Farben nur noch die Reste bekam“ (Kosmos-Naturführer). Leonardo sagte, er befasse sich mit dem was andere nicht beachteten, übergingen, übrig liessen. Er kleidete sich elegant und dürfte manchem Florentiner als ‚bunter Vogel’ gegolten haben. Vielleicht bekam er sogar den Spitznamen Cardellino? Sie merken wohl was ich sagen will. Raphaels Bild könnte eine Hommage an Leonardo sein. Maria hält einen offenen Psalter. Das Büchlein ist ziemlich weit vorne aufgeschlagen. Womöglich bei Psalm 31 ? Zeile 5 lautet

 

  Into thine hand I commit my spirit:

  Thou hast redeemed me, O LORD GOD of truth.

 

  In Deine Hand lege ich meinen Geist:

  Du hast mich erlöst, Oh Gott, Herr der Wahrheit.

 

Wenn der Heilige Geist als Taube dargestellt werden kann, wieso nicht auch der Geist eines Malers und begabten Lautenspielers als ein bunter Singvogel? Analog der Symbolik der ersten Version der Madonna in der Felsengrotte wäre Johannes Leonardo und Jesus die Natur. Merkwürdigerweise ist Jesus als Kleinkind dargestellt aber mit greisem Gesicht, was mich an die Aussage einer jungen Mutter denken lässt: ihr Töchterlein habe bei der Geburt weise ausgesehen, weise und uralt ... Raphael könnte sich auf eine ähnliche Erfahrung bezogen und Jesus als Verkörperung der Natur ein weises altes Gesicht auf einem jungen Körper verliehen haben. Im rechten Hintergrund erscheint eine Kirche mit grosser Kuppel ähnlich dem Dom von Florenz mit seiner Kuppel von Brunelleschi bei deren Bau der junge Leonardo zugegen war.

 

La Belle Jardinière   1507

 

Leonardo verliess Florenz im Mai 1506 und zog nach Mailand welches von den Franzosen eingenommen worden war. Es wäre denkbar dass er Raphael den Vorschlag machte, ihm später nachzufolgen. Raphael könnte die schöne Gärtnerin ursprünglich für den französischen König gemalt haben, als enge Variante des neuen Bildes, eine allgemeinere Darstellung oder Personifikation der Kirche welche sich nicht länger auf Rom und den Vatikan beschränkt sondern auch die französische Kirche einbezieht. Es wäre nicht ganz fertig geworden. Teile des blauen Gewandes und einige andere Partien wären unvollendet geblieben (Vasari). Michelangelo empfahl den jungen Raphael nach Rom, wohin dieser 1508 ging. Die schöne Gärtnerin wäre von Ridolfo Ghirlandaio vollendet und an Filippo Sergardi und ‚einige Herren von Siena’ verkauft worden (Vasari). 1531 wäre das Bild als Hochzeitsgeschenk an François I von Frankreich übergeben worden und hätte so nach langer Zeit doch noch seinen ursprünglichen Adressaten erreicht.

 

Hl. Familie Canigiani   1507

 

Viele offensichtliche Parallelen zum neuen Bild, Maria dieselbe junge Frau?

 

Pala Baglioni (Grablegung)   1507   magd1.jpg   magd2.jpg

 

Maria Magdalena links der Bildmitte beklagt den Tod Christi und hält dessen linke Hand ähnlich wie Maria im neuen Bild die linke Hand des kleinen Jesus. Maria Magdalena sowie drei junge Frauen auf der rechten Seite welche die in Ohnmacht gefallene Mutter Jesu auffangen gleichen der Maria im neuen Bild. Besonders ähnlich erscheint mir Maria Magdalena in der Vorstudie der Beweinung Christi im Louvre  magd1.jpg  magd2.jpg  Sie erinnern sich wohl an die Allegorie des Hörens. Nun haben wir die klagende Maria Magdalena links von der Mitte und die in Ohnmacht gefallene Maria, Mutter Jesu, nahe dem rechten Bildrand – jene wehklagend, diese in Schweigen versunken, beide im rechten Winkel zueinander, also ein bewusster Gegensatz in einer ehrgeizigen Komposition des jungen Malers die für ihren Reichtum an Farben sehr bewundert worden war.

 

Hl. Katharina von Alexandria   1507

 

Wieder dasselbe Modell?

 

Drachenbilder   1504, 1505, 1506, 1518

 

Raphael malte mehrere Drachenbilder in den erwähnten Jahren. Dasjenige von 1506 hat Bezüge zum neuen Bild, beispielsweise die schräge Lanze des Georg welche vom Kreuzstab des Johannes abgelöst wird, während der Drachen in die Tiefe verschwindet, im Bild nicht zu sehen, gebannt vom Kreuzstab, gemäss Psalm 148:7 den Herrn der Schöpfung lobpreisend ... Hebräisch tanninim heisst Monster der Tiefe, Wal, Hai, Schlange, und kann auch mit Drachen übersetzt werden, wie in der Königsbibel von England. (Vergleiche Psalm 148:7 mit Job 1:7). Vielleicht findet jemand einen Psalter aus Urbino im ausgehenden Quattrocento? Wenn darin ein Meeresungeheuer genannt sein sollte, wäre es doch möglich dass ein Prediger bei der Auslegung von Psalm 148 erklärte, Zeile 7 meine alle Monster der Tiefe, auch Drachen, auf Deutsch Wurm Gewürm Lindwurm. Die Drachen Raphaels von 1506 und 1518 leben in der Tiefe der Erde, jene von 1518 sind Lindwürmer, riesige Schlangen, im Fall der Wiener Version bezwungen von einem Kruzifix, einem Kreuzstab.

 

Heilige Anna Selbdritt  von Leonardo da Vinci   1500 bis 1510

 

Abgesehen von den krausen Locken gleicht Jesus dem kleinen Johannes im neuen Bild.

 

 

 

Fünfter Teil     (Giorgione)   giorg1.jpg   giorg2.jpg

 

Giorgione wäre dabei gewesen als der junge Raphael sein Marienbild im Atelier von Leonardo malte, und er wäre es gewesen der Leinen genauer Bolus als Malgrund vorschlug: weil die Zeit knapp war, einerseits wegen der nahenden Grundsteinlegung für den Neubau des Petersdoms in Rom, zum anderen weil Leonardo sich auf den Wegzug nach Mailand vorbereitete und sozusagen auf dem Absprung war. Leinwand als Malgrund bewährte sich in Venedig, Ölfarbe auf Leinen trocknet rascher, und Giorgione kannte wohl die Rezeptur für die Grundierung von Bolus obschon er bis dahin selber wahrscheinlich noch kein Bild auf Stoff gemalt hatte.

 

Vasari berichtet dass Giorgione von Leonardos fliessenden Schatten sehr angetan war und dessen Manier ein Leben lang folgte. Im Florentiner Atelier hätte er an den Gesprächen Leonardos und Raphaels teilgenommen, und hätte die Erinnerung daran in seinem Bild der drei Philosophen überhöht, wobei er Grösse des Werks in Jahre umsetzte: sich selber zeigt er als jungen Mann, den möglichen Eingang einer Höhle skizzierend, Raphael als stehenden Mann mittleren Alters im Gespräch mit Leonardo als einem Greis. Raphael war der jüngste im Bunde, doch sein bedeutendes Jugendwerk verlieh ihm ein höheres Alter im Bild, und das grosse Werk Leonardos machte diesen bei Giorgione zu einem schon fast entrückten Greis; man bedenke auch dass Leonardo früh alterte  gia75.JPG

 

Zuvor malte Giorgione die lesende Madonna, heute im Ashmolean Museum Oxford  giorg1.jpg  Maria liest ein Buch, wohl die Bibel, das Alte Testament. Vor ihr, auf einem weissen Kissen, ruht der kleine Jesus. Über ihm sieht man ins Freie: auf den Markusplatz von Venedig mit dem hohen Glockenturm. Lesen ist ein stiller Vorgang, jedoch haben wir auch imaginäre Töne im Bild: die Glocken des Campanile welche das Christentum verkünden, die Öffnung des gelben Kopftuches der Maria welche bei etwas Phantasie eine schwingende Glocke evozieren mag  giorg2.jpg  und den exquisiten Farbklang ihrer Tücher und des Bibel-Einbandes, Gelb Rot Blau Grün  giorg1.jpg  Die Bibel ist smaragdgrün eingefasst während die Wand hinter Maria mit grünem Samt ausgekleidet scheint und gegen die Öffnung des Raumes hin in einer goldbestickten Borte endet welche Leonardo gefallen hätte und welche möglicherweise die Abfolge der Generationen symbolisiert (in Anspielung an eine Göttin wie Circe welche in ihrer Höhle am Tuch des Lebens webt). Wand und goldbestickte Borte können als Einband eines grösseren imaginären Buches gesehen werden. Der kleine Jesus hat sowohl den grünen Einband des Alten Testamentes vor Augen, in welchem Maria liest, als auch einen Teil des imaginären grossen Neuen Testamentes oder Buch des Lebens, dessen Seiten ausserhalb des Raumes geschrieben werden, in der wirklichen Welt, Jahr für Jahr, Dekade für Dekade, Jahrhundert für Jahrhundert ...

 

Auch Giorgione wäre von Raphaels Marienbild inspiriert worden. Dieses ist in jeder Beziehung aussergewöhnlich. Wo Leonardo involviert ist kann man die Lehrbücher schliessen. Ideen haben den Vorrang, mit materialtechnischen Experimenten und Sonderfällen (hier die frühe Verwendung von Bolus oder Leinen) ist immer zu rechnen. Das neue Bild wäre Solitär und Wegbereiter in einem. Wer sich auf ein hermeneutisches Abenteuer mit ihm einlässt wird reich belohnt. Hermeneutik heisst einen Text oder ein Bild so weit als möglich aus sich selbst heraus verstehen, in einer Art Mitschwingen. Ich möchte diesen eher vernachlässigten Aspekt der Kunstgeschichte fördern, auch mit meiner provisorischen Expertise des neuen Bildes, der Madonna Vatikan oder Madonna Leo X  welche hier nocheinmal gezeigt werden soll, denn sie gewinnt je länger man sich mit ihr befasst  mlx1.jpg

 

 

 

Nachtrag     (Julius II)   jul1.JPG   jul2.JPG   jul3.jpg   jul4.jpg   jul5.jpg   jul6.jpg   jul7.jpg   jul8.jpg

 

1508 ging Raphael mit einer Empfehlung von Michelangelo nach Rom. Der Papst erteilte ihm ehrenvolle Aufträge: die Stanzen im Vatikan. Julius II genannt Il terribile war ein Kriegerpapst, alles andere als ein Erneuerer der Kirche im Geiste Marias. Wie reagierte Raphael auf ihn? Befragen wir zwei Gemälde.

 

Das bekannte Bildnis von Julius II in der National Gallery London stammt aus den Jahren 1511/12. Konrad Oberhuber: „Spätestens im Dezember 1511 wurde ein anderes Portrait von Papst Julius der Kirche San Marcello gestiftet, möglicherweise eine Kopie des Raffaelporträts das folglich zu diesem Zeitpunkt vollendet hätte sein müssen.“ Meiner Meinung nach handelt es sich bei dieser Version um das Bild welches vom Städel Museum Frankfurt erworben wurde – keine Kopie sondern ein Original wenn auch möglicherweise von Gehilfen vollendet  jul1.JPG  Es basiert auf einer geometrischen Anlage: dem Bildplan 4 mal 3 und mehreren Diagonalen. Andeutung des Bildplanes  jul2.JPG 

 

Wichtige Stellen sind das vordere Auge des Mannes, die Hände und das vordere Knie. Er überschaut seine Gemeinde von Gläubigen (Auge), hält sozusagen die Fäden in der Hand (Spiel der Finger), und wenn erforderlich steht er auf (Knie) und schreitet ein.

 

Zwei obere Teildiagonalen kreuzen sich im rechten Winkel, und zwar im äusseren Winkel des vorderen Auges  jul3.jpg  Die flachere der beiden Diagonalen geht zudem durch die Pupille und verläuft parallel zur linken Schulter. Die eine Diagonale steigt im Verhältnis 3/2, die andere sinkt im Verhältnis 2/3. Ihr Schnittpunkt teilt die Bildbreite von links her in 6 plus 7 gleich 13 Teile, die Höhe von unten her in 10 plus 3 gleich 13 Teile (anderer Grösse). Am letzten Abendmahl nahmen 13 Männer teil, unter ihnen der Verräter. Möglicherweise machten Papst Julius II Intrigen im Vatikan zu schaffen. Auch er trug sein Kreuz. Offenbar lastet das Amt schwer auf ihm.

 

Bildplan 4 mal 3  jul4.jpg  Diagonalen des Bildplanes, auf das vordere Knie zulaufend  jul5.jpg  Die Zeichnungen mögen sich selbst erklären.

 

Version in London  jul6.jpg   jul7.jpg   jul8.jpg   Wir finden wieder den Bildplan 4 mal 3 (möglicherweise 8 mal 6), jedoch ist das Kreuz der beiden oberen Teildiagonalen weggelassen. Stattdessen sehen wir einen betonten ‚Spalt’ welcher von oben nach unten führt: Kehlung der mit Brokat ausgeschlagenen Mauern – Falte in der Mütze – Grenze von Schatten und Licht auf der Stirn – vorderes Auge – Bart – Fell der Cape-Öffnung – nach unten weisende Finger – Falte im Rock. Dies könnte auf die beiden Seiten des Mannes verweisen: Kriegerpapst und Heiliger Vater, Machtmensch und Kunstliebhaber. Prägt er sein Amt? Oder sucht das schwere Amt einen wie ihn der es auf sich nehmen kann?

 

Die Versionen von Frankfurt und London wären demnach zwei Bilder, jedes mit einer eigenen Aussage.

 

 

 

Weitere Bildvergleiche     mlx+lbj.jpg   mlx1a.jpg   mlx1b.jpg   transf1.jpg   transf2.jpg   transf3.jpg   transf4.jpg   transf5.jpg  

 

Die Madonna Leo X (Bildbreite 82 cm) und schöne Gärtnerin (Bildbreite 80 cm) massstäblich überlagert  mlx+lbj.jpg  Neben den schon erwähnten Modifikationen fällt auf, dass die Kinder in der zweiten Version grösser sind, dafür der Kopf der Maria kleiner. Der direkte Vergleich zeigt auch, dass die beiden Bilder nebeneinander bestehen können. Hier noch der Kopf der Maria in einem grossen Bild  mlx1a.jpg  und jener des Jesusknaben  mlx1b.jpg 

 

Die Geometrie der Madonna Leo X erscheint modifiziert in der Transfiguration, dem letzten grossen Altarbild des Meisters – eine hohe Pyramide nach oben erweitert, sich für den schwebenden Jesus öffnend (die obere Linie des Rahmens in 3 plus 4 plus 3 gleiche Teile teilend) – goldene Teilungen der Bildbreite – grosses Quadrat und goldene Teilung der Höhe ebenso der Breite – goldene obere Diagonalen, eine weitere diesmal in die Höhe steigende Pyramide andeutend, von Jesus hochgehoben, Moses und Elias mitnehmend –– die Zeichnungen mögen sich selbst erklären. Diesmal habe ich, anders als gewöhnlich, die Linien über die Figuren gezogen, und zwar aus Gründen der Genauigkeit. Gemäss Lehrmeinung hatten die Maler der Renaissance die Proportionen im Auge. Doch so exakt wie hier könnte niemand nach dem Augenmass vorgehen  transf1.jpg  transf2.jpg  transf3.jpg  transf4.jpg  transf5.jpg 

 

Die Transfiguration ist eine getreue Illustration einer Bibelstelle, Matthäus 7:1-20 und Lukas 9:31f. Jesus schwebt über den schlafenden Jüngern, umgeben von einer lichten Wolke aus der Gott sprach: Dies ist mein geliebter Sohn, hört auf ihn ...

 

Vom unteren Teil des Bildes vernimmt man die Stimme eines schreienden Knaben, vom Teufel besessen. Die Jünger versuchen vergeblich, ihn zu heilen, worauf Jesus antwortet, es fehle ihnen an Glauben. Er heilt den Knaben und jagt den Teufel von dannen. In Rom hiess der Teufel roter Drachen, also wäre auch hier ein unsichtbarer Drachen zugegen, und auch hier wird ein an sich stummes Bild von Stimmen erfüllt.

 

Hört auf ihn ... Jesus sagte, die Wahrheit würde uns frei machen, und nannte sich die Liebe und das Leben. Wir können zwar nicht alle Krankheiten heilen, aber wir können doch auf die Wahrheit hinstreben im Dienste von Liebe und Leben. Einem solchen Credo oder Glaubensbekenntnis würde auch Freud zugestimmt haben.

 

Transfiguration heisst Überformung oder Umformung. Eine solche bemächtigt sich des Bildes. Die lichte Wolke, die Mandorla oder Glorie, überformt die Geometrie aus Geraden. Der untere Teil des linken goldenen Streifens mag das menschliche Wissen symbolisieren, Matthäus mit seinem Buch auch Aristoteles von der Schule von Athen, erkennbar an seiner vorgestreckten, nach unten offenen Hand. Hinter und über ihm zwei Apostel die nach oben zeigen, auf Plato von derselben Schule Athens verweisend, eine Hommage an Leonardo. Der untere Teil des rechten goldenen Streifens wird vom besessenen Knaben dominiert welcher eine Hand nach unten und eine nach oben streckt. Er ist ein Symbol für die Menschheit zwischen Erde und Himmel, und für alles Leiden das wir in der realen Welt, im wirklichen Leben erfahren. Die kniende Frau markiert mit ihrem Auge die goldene Linie des rechten Streifens. Ihre ‚marmorne’ Gestalt erweist sie als weltlicher Gegenpart zur Madonna Leo X, der Vision einer im Geiste Marias erneuerten Kirche – eine Vision der menschlichen Institutionen erneuert im christlichen Glauben.

 

 

 

 

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