Die Menhire von Yverdon, Sion und Lutry (2/3) / © 2002-04 Franz Gnaedinger, fgn(a)bluemail.ch, fg(a)seshat.ch, www.seshat.ch

 

 

 

DIE MENHIRE VON YVERDON, SION, LUTRY, GORGIER, BEVAIX UND CORCELLES, Ausblicke nach Stonehenge, Boissy-aux-Cailles, Lascaux, Chauvet, Nantes und Carnac. Ein archäologisches Abenteuer in 3 Teilen, mit 334 Illustrationen

 

TEIL 2: Die frühen Phasen von Stonehenge; Ein kombinierter Sonnen- und Mondkalender; Eine Stele aus Sion; Die Höhle Boissy-aux-Cailles; Lascaux; Chauvet; Das Sommerdreieck Deneb – Wega – Atair auf den Stufen von Chauvet, Lascaux, Carnac und in keltischer Zeit

 

Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Appell an die Schweizer Archäologie (Vandalismus in Yverdon-Clendy), Miscellanea

 

 

 

Die frühen Phasen von Stonehenge

 

Die Ebene von Salisbury birgt zahlreiche neolithische Anlagen. Die ältesten Pfostenlöcher in der Nähe von Stonehenge sollen rund zehntausend Jahre alt sein. Um 2950 BC errichtete man einen ringförmigen Erdwall, um 2900 BC eine Anlage aus Pfählen, welche gemäss einer plausiblen Vermutung von David Souden figürliche Formen aufwiesen und Totempfählen glichen. Um 2550 BC folgte eine erste Anlage aus sogenannten Blausteinen von den rund 400 km entfernten Preseli-Bergen, um 2450 BC eine grössere Anlage in Form konzentrischer Kreise und zur Sommersonnwende hin offener „Hufeisen“ aus Sarsenen und Blausteinen Die mächtige Ruine dieser Anlage sehen wir heute. Ihre Formen sind so eingängig, dass man den scheinbar irregulären Mustern der Setzlöcher der Pfähle und ersten Blausteine ratlos gegenübersteht. Aber vielleicht bringt uns der Kalender von Clendy weiter?

 

Figuren-Pfähle

Man verwende das Senkloch im Zentrum des Erdwalls als Beltain/Samhain-Marke und halte Ausschau nach Verbindungslinien zu grösseren und kleineren Senklöchern. So findet man eine ziemlich regelmässige Sanduhr  Menhir 5a  Die Linie der Sommersonnwende führt vom Beltaine/Samhain-Pfahl zum nordöstlichen Eingang des Erdwalls  Menhir 5b / Menhir 5c  Die Morgenweite der Sommersonnwende betrug 42 Grad, Tangens 9/10. Der Einfachheit halber verwendete man den Winkel 45 Grad mit seinem Tangens 1/1.

 

Erste Blausteine

Man gehe auf dieselbe Weise vor wie oben. Die neue Sanduhr ist verzogen, die obere und untere Linie sind geneigt, die Gesamtform bildet einen nach Osten offenen „Schnabel“  Menhir 5d  Diesmal geben drei parallele Linien die Richtung der Sommersonnwende an, welche von mehreren Menhiren und Menhir-Paaren zum nordöstlichen Eingang führen. Die Anlage bekam eine neue Mitte, der Winkel stimmt besser (Tangens 9/10)  Menhir 5e / Menhir 5f  Beobachtet man den sommerlichen Morgenhimmel vom Menhirpaar des 21. Juni aus, so geben die Steine des oberen Bogens Sektoren von rund 5 Grad vor. Beobachtet man den winterlichen Morgenhimmel vom Menhir-Paar des 21. Dezember aus, so bieten die Steine des unteren Bogens nocheinmal Sektoren von rund 5 Grad an, aber diesmal einen grösseren Fächer, passend zur flacher aufsteigenden, länger in Bodennähe verweilenden Wintersonne  Menhir 5g

 

Eine Silbermünze der keltischen Curiosolitae aus der Bretagne zeigt neben dem Kopf des aus Rundformen gebildeten Pferdes den Union Jack; zu diesem hinführend ein Band aus sinusförmigen Wellenlinien mit schrägen Kreuzen in den breiteren Passagen. Hals, Brust und Rücken des Pferdes gemahnen an den keltischen Triskeles, welcher als Sonnensymbol auf vielen keltischen Münzen zu sehen ist. Unter dem Ross lugt ein Fuchs aus einer Höhle hervor, wie denn auch die Sonne eben aus einer Bodenspalte aufgestiegen war  Menhir 5h  Drei Silbermünzen aus dem Schatz von Jersey zeigen neben den Pferdeköpfen Kalender in Form eines schrägen Kreuzes, eines Diagonalkreuzes im Rechteck, und eines Rechteckes mit einer kleinen zentralen Halbkugel. Unter dem Tier sieht man jeweils eine runde Form mit mehreren nach oben weisenden Strahlen, die als aufgehende Sonne gelesen werden kann, oder als Beobachtungsfächer im Sinne der zweiten Anlage von Stonehenge, oder als Lyra, wie sie realistischer auf anderen Münzen zu sehen ist und auf Musik und Gesang am Morgen der Sommersonnwende hinweisen mag  Menhir 5i

 

In Kreta zur Zeit des minoischen Reiches betrug die Weite der Sonnwenden 30 Grad. Dies würde einen besonders einfachen Sonnenkalender möglich machen: Man zeichne einen Kreis und trage die Nord-Süd-Achse ein; mithilfe des Radius markiere man 60-Grad-Winkel und verbinde die passenden Marken zu einer Doppelaxt; der nach rechts oben weisende Schaft gäbe die Richtung der aufgehenden Sonne vom 21. Juni an, der gegenläufige Schaft jene der untergehenden Sonne vom 21. Dezember. Die Abbildung zeigt ein Paar solcher Figuren auf einem Stein in Knossos (Ausschnitt einer Aufnahme von Marie König)  Menhir 5j

 

Auf der geographischen Breite von Liverpool, Cheshire, Manchester, Anglesey, Dublin betrug die Weite der Sonnwenden 45 Grad. Der Tangens 1/1 würde den allereinfachsten Sonnenkalender erlauben: vier Pfosten als Ecken eines genordeten Quadrates. Dessen Seiten gäben die kardinalen Himmelsrichtungen an, seine Diagonalen die Sonnenaufgänge und –untergänge an den Tagen der Sommersonnwende. Es könnte sich lohnen, nach Überresten eines solchen Heiligtums Ausschau zu halten. Jedes genordete Quadrat auf einer freien Anhöhe käme in Frage  Menhir 5k

 

Die Sonnwendlinie der Anlage der Figurenpfähle des nachmaligen Stonehenge hat ebenfalls den Tangens 1/1. Der Winkel weicht um volle drei Grad von der astronomischen Linie ab. Indiz für einen nördlichen Baumeister oder ein vorbildliches Heiligtum im erwähnten Gürtel?

 

Stonehenge war von einem Erdwall geschützt. In Clendy scheint es keinen Wall gegeben zu haben. Aber vielleicht befand sich das Heiligtum auf einer ufernahen Insel und war so vom Wasser umgeben und geschützt?  Menhir 5l

 

 

 

Ein kombinierter Sonnen- und Mondkalender

 

Die Menhire von Clendy bilden einen Vogel mit ausgebreiteten Schwingen, einen Sonnenkalender in Form einer schrägen Sanduhr, sowie einen Korridor der Sommersonnwende  Menhir 1b / Menhir 1d / Menhir 1f / Menhir 1o / Menhir 1h / Menhir 1p

 

Den astronomischen Sonnenkalender können wir sehr einfach in ein rhombisches, rechteckiges oder quadratisches Ideogramm des Jahreslaufs transformieren und sowohl mit den kardinalen Himmelsachsen als auch den Mondphasen kombinieren:

 

        A   a   B

 

        d   C   b

 

        D   c   E

 

     A – Wintersonnwende, 21. Dezember

     B – Frühlings-Äquinoktium, 21. März

     C – Beltaine, Anfang Mai, Beginn des Sommerhalbjahres

     D – Sommersonnwende, 21. Juni

     E – Herbst-Äquinoktium, 23. September

     C – Samhain, Anfang November, Beginn des Winterhalbjahres

 

     a – Norden / Leermond

     b – Osten / zunehmender Mond

     c – Süden / Vollmond

     d – Westen / abnehmender Mond

 

     CAB – Winterhalbjahr, Norden, Neumond

     CBE – Osten, zunehmender Mond

     CDE – Sommerhalbjahr, Süden, Vollmond

     CDA – Westen, abnehmender Mond

 

Eine Elektrum-Münze der keltischen Corisopiten zeigt neben dem Kopf eines nach links blickenden Pferdes einen Schweif mit einem schrägen Kreuz, dessen fünf hervorgehobene Punkte den Sonnenkalender repräsentieren mögen. Auf dem Pferderücken sitzt ein stilisierter Kolkrabe. Unter dem Pferd steht ein nach rechts blickender Stier. Zwischen dessen Hufen sieht man ein gleichschenkliges Dreieck, welches dem obigen Sektor CDE des Vollmondes entspräche. Eine waagrechte Linie verbindet die Hufe, während zwei schräge Linien von den Hufen zu einem freischwebenden Punkt hinaufführen  Menhir 5m  Die grössere Halbkugel des vorderen Knies würde Position b markieren, also den zunehmenden Mond; die Halbkugeln der Hufe die Positionen E und D, zusammen den Vollmond; die kleinere Halbkugel des hinteren Knies Position d, also den abnehmenden Mond. Die starke Einschnürung der Taille mag den Leermond symbolisieren. Der Körper wächst gegen den Kopf hin an, in Richtung des zunehmenden Mondes. Das grosse Auge mag den Vollmond bezeichnen. Der nach links gewölbte Hörnerbogen gehört dem abnehmenden Mond. So wären die Mondphasen auch im Körper des Tieres zugegen, sind aber nur dank dem Ideogramm erkennbar.

 

Die Rückseiten zweier Münzen der keltischen Tectosagen (Böhmen, Toulouse, Ankara) ordnen die Mondphasen in den Sektoren eines Kreuzes an. Der Leermond erscheint als Schleife mit gefülltem Innenkreis. Die übrigen Monde formen Sicheln; auch der Vollmond, welcher indes mit je einem Ideogramm kenntlich gemacht ist  Menhir 5n

     Eines der beiden Ideogramme kombiniert einen Pfeil mit einer Lanze und mag den stolzen Lauf des Vollmondes über den Himmel symbolisieren: man stelle sich vor, wie jemand eine Lanze mit aller Kraft in die Höhe schleudert, worauf sie einen weiten Bogen über den Himmel zieht. Lanze und Pfeil wären demnach der Lanzenwurf oder Pfeilflug der Gestirne an den Tagen ihrer grössten Kraft: Vollmond, Sommersonne. Lanze und Pfeil sind aber auch Waffen und haben als solche eine gegenläufige Bedeutung. Wenn der Mond seine volle Form erreicht hat, nimmt er wieder ab, verliert an Helligkeit, er wird schwach und schwächer, stirbt und verschwindet ganz vom Himmel - so als hätte ihn ein Pfeil oder eine Lanze getroffen. Die Sonne erklimmt am 21. Juni ihre höchste Bahn, danach wird ihr Lauf langsam wieder flacher, erst unmerklich, dann spürbar und immer rascher, das Gestirn wird alt und müde (wie man in Ägypten glaubte), und selbst die kräftige Sommersonne muss am Abend untergehen, gleichsam sterben. Man kann eine Lanze noch so hoch werfen, einen Pfeil noch so weit in den Himmel hinauf schiessen, sie fallen immer wieder zu Boden. Lanze und Pfeil verweisen demnach auf beides: volle Kraft wie auch Niedergang und Tod.

     Das zweite Ideogramm des Vollmondes gleicht einer Vulva und mag zum einen Sexualität und voll erblühtes Leben symbolisieren, zum anderen die Hoffnung auf eine Wiedergeburt, ein neues Leben nach dem Tod, einen neuen Morgen, einen neuerlichen Sonnenaufgang, eine feine Silbersichel nach den drei schwarzen Nächten des Leermondes, eine Wiederkehr von Sonne und Mond, geboren aus dem Schoss der Grossen Erdgöttin.

 

Das Doppelkreuz besteht aus 9 Knoten und ihren verbindenden Strecken. Auf Fels wurden die Knoten gern mit Schälchen und auf Münzen mit kleinen Halbkugeln dargestellt. Die 9 Schälchen können auch für sich allein stehen, ohne verbindende Linien, und mögen dann eine stillschweigende aber für die damaligen Menschen ohne weiteres lesbare Kombination von Sonnen- und Mondkalender gewesen sein  Menhir 5o

 

Eine hübsche Goldmünze der keltischen Parisier (Paris, York) erläutert den Doppelkalender mit vielen weiteren Symbolen, so dass auch wir die Botschaft mitbekommen  Menhir 5p  Das Pferd ist augenscheinlich auf dem Gipfel des Himmelsberges angekommen. Es wäre also einmal mehr das Pferd der Sommersonnwende. Es schaut nach links hinab, wo es dem Abend wie auch dem Herbst zugeht. Die Sonne erscheint im Winkel von Pferdehals und –rücken und besteht aus einer grösseren Halbkugel, umgeben von acht kleinen Halbkugeln als Repräsentation der Windrose, während die Zahl 9 aller Halbkugeln auf den Sonnenkalender der Neun Schälchen oder Halbkugeln verweist. Über der Sonne befindet sich ein auf der Spitze stehendes Quadrat aus 3 mal 3 gleich 9 Feldern mit je einer Halbkugel. Die Sonne markiert die untere Ecke, den 21. Juni, das Diagonalkreuz. Schräg rechts über ihr bemerkt man einen halben, nach rechts gewölbten Ring: den zunehmenden Mond. Er bezeichnet den Kalendersektor des Vollmondes. Die fehlende Hälfte des Ringes wäre dem Achsenkreuz zugehörig, während das obere Ende der sichtbaren Ringhälfte den 23. September des Sonnenkalenders markiert und so zusammen mit der Sonne die Zeitspanne von der Sommersonnwende bis zum Herbstäquinoktium angibt. Neben dem Pferdekopf sehen wir anstelle des üblichen Kalenders eine grosse Schleife in Form eines um die vertikale Achse gedrehten S, wohl eine Anspielung auf den gedrehten Lauf der Sonne im Kalender der Neun Schälchen oder Halbkugeln. Die Schleife entspräche dem gerundeten Kalenderweg der Sonne von der Wintersonnwende zum Herbstäquinoktium. Der winterliche Anfang ist mit einer kleinen Halbkugel hervorgehoben, das herbstliche Ende mit einer grösseren Halbkugel. Das Pferd schaut genau diese herbstliche Halbkugel an. Über seinem Nacken folgt erwartungsgemäss der komplementäre Kreis der Mondphasen im Kalender der 9 Halbkugeln. Die fast geschlossene Kreisform beginnt unten, verläuft im Uhrzeigersinn, also in der Richtung des Mondlaufs am Himmel, und endet in einer Halbkugel, welche den Vollmond symbolisieren dürfte. Nach dem Erreichen des Gipfels geht es wieder hinab, doch es gibt keinen Pfeil und keine Lanze, die auf Niedergang und Tod verwiesen. Das Pferd ist froh gestimmt, es hat eine schöne Zeit vor sich, nämlich Sommer und Herbst, ein leichtes Leben, eine hoffentlich gute Ernte, Wochen und Monate der Lebensfülle. Auch Jahre der Lebensfülle, wenn wir den Kalender als zeitliche Gliederung des Lebens verstehen.

 

Unter anderen Münzpferden sieht man auch wirklich Füllhörner, wenn ich die winzigen Abbildungen in einem Katalog richtig interpretiert habe. Wieder andere Münzen schmücken die Kalenderschleife mit spiralig eingedrehten Enden. Das Kreuz der Mondphasen ist auf zahlreichen Münzen wiedergegeben. Bisweilen sieht man vier Sicheln plus ein Ideogramm für den Vollmond. Es kommt auch vor, dass die Ideogramme Axt und Doppelbogen den Leermond und Vollmond kennzeichnen, und zwar in benachbarten Sektoren, was auf einen Kreuzlauf des Mondes analog demjenigen der Sonne im Kalender der 9 Schälchen oder Halbkugeln schliessen lässt. Der Mond kann als gleichschenkliges Dreieck unter dem Bauch des Pferdes erscheinen. Bisweilen formen die schrägen Seiten konvexe Bögen und bilden einen Halbkreis; oder sie formen konkave Bögen und laufen in einer hohen Spitze zusammen. Schliesslich präsentiert eine österreichische Münze einen sehr einfachen Sonnen- und Mondkalender im Winkel von Pferdehals und -rücken: vier Sonnen, dazwischen vier Mondsicheln (Bogen nach innen, Enden nach aussen).

 

In den Höhlen der Ile-de-France gehören Netze oder Gitter zu den allgegenwärtigen Inzisionen. Viele hübsche Münzen aus dieser Region zeigen über dem Pferd ein windgeblähtes, in den Bogen des oberen Münzenrandes eingeschmiegtes Tuch mit 5 mal 5 Karos und je einem kleinen Kreis (bzw. einer kleinen Halbkugel).

 

Ein weiteres wohl aus dem Netz abgeleitetes Ideogramm war das „Mühlespiel”. Es findet sich in zahlreichen Höhlen, aber auch auf freien Felsplatten. Dasjenige auf der Tschötscher Heide über Brixen hat in der Mitte ein Loch und war nach Marie König zur Aufnahme eines Schattenstabes bestimmt. Die zusätzlichen Schräglinien mögen eine Verwendung als Sonnenuhr nahelegen. In einer wolkenfreien Nacht hätte auch der Vollmond genügend Licht für einen Schattenwurf gespendet  Menhir 5q

 

Man stecke einen Stab in den Boden, befestige eine Schnur daran und zeichne einen nicht allzu grossen Kreis. Dann messe man den Schattenwurf des Stabes in regelmässigen Winkelabständen. Dies geschehe auf die folgende Weise: man bestimme jene Höhen des Stabes, deren Schatten jeweils auf den Kreisbogen fallen, bemesse Schnüre nach diesen Höhen, befestige Kugeln daran, und hänge die Schnüre an einen waagrechten Balken. So bekäme man eine Idee von der Bahn der Sonne und des Mondes  Menhir 5r

 

 

PS vom März und April 2004: Über meine Beschäftigung mit Alt-Europa fand ich einen hypothetischen Kalender, welcher aus 4 kurzen und 12 langen Monaten besteht und den Sonnenlauf mit Bögen von 7 Lunationen (synodischen Monaten) kombiniert:  Kirike 18 / Kirike 28 / Kirike 29 / Kirike 30 / Kirike 31 / Kirike 32 / Kirike 33 / Kirike 34 // Eine Variation dieses Kalenders hätte in Falera und der Surselva im Schweizerischen Kanton Graubünden Verwendung finden können:  Menhr 023 / Verwandlung des hypothetischen Kalenders von Falera in ein Ideogramm aus 14 mal 14 Punkten:  Menhr 024 / Elegante Münzen der keltischen Parisii zeigen Ideogramme mit 3x3, 5x5, 6x6, 4x5 und 5x6 Punkten, die auf Varianten desselben Kalenders anspielen könnten:  Menhr 025 / Menhr 026 / Menhr 027 / Menhr 028 / Menhr 029 / Menhr 030 / 9 Lunationen dauern 265,775... oder praktisch 266 Tage, das wären 38 Wochen im Kalender von Falera und der Surselva. 14 Bögen à 9 Lunationen, im Vergleich dazu zwei keltische Rolltiere:  Menhr 031 / Menhr 032 / Menhr 033 / Das pastorale Jahr mit Samhain, Imbolc, Beltane und Lugnasad fügt sich überraschend leicht in den Kalender aus 52 Wochen ein:  Menhr 034 / Der keltische Triskeles mag die Tiere symbolisieren, welche an diesem Kalender teilhaben: Sonnenpferd, Mondbulle und Weidetiere (pastorales Jahr):  Menhr 035 / Eine ausführliche Besprechung des hypothetischen Kalenders von Falera findet sich hier:  Falera

 

 

 

Eine Stele aus Sion

 

Eine besonders schöne, wenn auch nur als Bruchstück erhaltene Grabstele aus Sion zeigt eine menschliche Gestalt mit einem um die Schulter gelegten, auf der Brust zusammengebundenen Tuch. Die Ecken des zierlich gemusterten Stoffes bilden ein schräges Kreuz in einem Quadrat und mögen so das alte Ideogramm vom Jahreslauf der Sonne realistisch aber für die Menschen jener Zeit immer noch lesbar interpretiert haben. Der Verweis auf den Kreislauf von Frühling, Sommer, Herbst, Winter und neuen Frühling wäre in Kombination mit dem Hinweis auf den Untergang der Sonne und ihren Aufgang am nächsten Morgen für einen Grabstein sehr sinnvoll gewesen  Menhir 5s

 

(Die Menhire und Gräber von Sion werden in Teil 3 besprochen, desgleichen die Menhire von Lutry bei Lausanne am Genfersee.)

 

 

 

Die Höhle Boissy-aux-Cailles

 

Die von Marie König erforschte Höhle Boissy-aux Cailles befindet sich in der Ile-de-France (Paris und Umgebung). Sie liege hoch am Abhang eines ursprünglichen Quelltals und sei fast hinter dem Gebüsch verschwunden. Die grosse schwere Deckplatte habe sich so tief gesenkt, dass man kaum hineinkomme, und Aufnahmen seien schwierig (dennoch verdanken wir Marie König bzw. ihren Helfern wunderbare Aufnahmen dieser Höhle, die hier Verwendung finden). Es sei eine Quarzithöhle, weniger lang als die Kalkhöhlen, aber voller Zeichen. Die starke Abrundung der Kanten spreche für ein hohes Alter. Dieser Höhle sei wohl eine besondere Bedeutung zugekommen.

 

Am Eingang erblickt man das Relief eines Pferdes und eine stark verwitterte Inschrift in archaischen Buchstaben, welche Louis Girard als EPONA INTERSAXA entzifferte: die Pferdegöttin Epona zwischen den Steinen, in Anspielung auf das Pferd und den Felsen vom römischen Kapitol. Die Römer haben ein uraltes gallisches Heiligtum vorgefunden und ihm einen halbwegs passenden Namen aus ihrer Götterwelt verliehen (Ausschnitt einer Aufnahme von Marie König)  Menhir 5t

 

Am Boden des Vorraumes finden sich zahlreiche Inzisionen (Aufnahme Marie König)  Menhir 5u

 

Beim Durchgang in den zweiten Raum verengt sich die Höhle. An dieser Stelle befinde sich ein einzelnes, hervorgehobenes Zeichen: das Diagonalkreuz im Viereck und daneben ein Pfeil (Ausschnitt einer Aufnahme von Marie König)  Menhir 5v

 

Wenn wir den Rhombus als Sonnenkalender lesen

 

     linke Ecke – 21. Dezember, Wintersonnwende

 

     obere Ecke – 21. März, Frühlings-Äquinoktium

 

     Mitte – Anfang Mai

 

     untere Ecke – 21. Juni, Sommersonnwende

 

     rechte Ecke – 23. September, Herbst-Äquinoktium

 

     Mitte – Anfang November

 

     linkes oberes Dreieck – Winterhalbjahr

 

     rechtes unteres Dreieck – Sommerhalbjahr

 

     linke untere Linie – Verbindung der Sonnwenden

 

     rechte obere Linie – Verbindung der Äquinoktien

 

so wäre der Pfeil eine Hervorhebung der Sommersonnwende und mag die Sonne am Tag ihrer grössten Kraft symbolisieren. Die Epona von Boissy-aux-Cailles wäre also einmal mehr das Pferd vom Morgen des 21. Juni.

 

Am Boden des „Aufstiegs“ zum zweiten Raum sieht man viele weitere Inzisionen, unter ihnen eine kleine aber schön hervorgehobene gerade Sanduhr in Kombination mit einem langen Pfeil (Aufnahme Marie König)  Menhir 5w  Die Sanduhr kann wieder als Jahreslauf der Sonne gelesen werden:

 

     linke obere Ecke – 21. Dezember, Wintersonnwende

 

     rechte obere Ecke – 21. März, Frühlings-Äquinoktium

 

     Mitte – Anfang Mai, Beginn des Sommerhalbjahres

 

     linke untere Ecke – 21. Juni, Sommersonnwende

 

     rechte untere Ecke – 23. September, Herbst-Äquinoktium

 

     Mitte – Anfang November, Beginn des Winterhalbjahres

 

Die lange Achse und das Dreieck unter der Sanduhr bilden einen Pfeil. Das obere Schaftende mag für den Leermond einstehen, das Dreieck der Pfeilspitze für den Vollmond, sowohl im Sinne der grössten Kraft als auch im Sinne der auf einen weiteren Leermond hinführenden Abnahme nach dem Erreichen der vollen Form.

 

Pfeil und Sanduhr bilden zusammen einen stilisierten Frauenkörper mit langem Hals, breiten Schultern, enger Taille, breiten Hüften und nach unten zulaufenden Oberschenkeln. Der fehlende Kopf entspräche dem Leermond, der Schoss wäre das Versprechen auf eine Wiedergeburt, die Oberschenkel wären ein Symbol des Vollmondes.

 

Auch der Pfeil als Ganzes mag den Vollmond symbolisieren, so wie der Pfeil neben dem Rhombus im Durchgang vom ersten zum zweiten Raum die Sonne des 21. Juni: die beiden Gestirne an den Tagen ihrer vollen Kraft. Wenn ich die Aufnahmen Marie Königs richtig verstehe, so zeigen beide Pfeile in Richtung des Einganges, also aus der Höhle hinaus, während die Schäfte nach oben weisen, in die Höhle hinein. Ihre volle Energie erlangen Mond und Sonne ausserhalb der Höhle, im Reich des Lebens; ihren Tod erleiden sie in der Höhle, im Reich der Schatten, aber auch einer Zone der Regeneration und Wiedergeburt.

 

Folgen wir den Pfeilschäften in den zweiten Raum hinauf: Dieser besteht aus einer grossen schräg liegenden Platte, die am obersten Ende, nahe der Höhlendecke, eine grosse Vulva bildet. Zwei halbrunde „Schamlippen” stehen sich gegenüber und scheinen aus dem Felsen herauszuwachsen. Keine andere Höhle hat eine grössere und schönere Vulva als diese (Aufnahme Marie König)  Menhir 5x

 

Auch der Boden des zweiten Raumes ist voller Inzisionen (Aufnahme Marie König)  Menhir 5y  Nach unten breitet sich die Felsplatte aus und ist ganz mit Netzen überzogen. Wie viele Gläubige mögen sie mit grossem Fleiss in den harten Quarzit geschliffen haben und welche Zeit benötigten sie? Heute versperrt die abgesunkene Deckplatte die Übersicht. Nur einzelne Abschnitte lassen sich nacheinander aufnehmen, und man muss sich in den Spalt quetschen. Wer aber einmal hier auf diesem weiten „Teppich” gestanden hat und diese klare Ordnung in Vierecke, rechte Winkel, gerade Linien gesehen, berührt hat, dem öffnet sich ein Tor der Andacht und Bewunderung für Menschen, die dieser Abstraktion von solcher Grossartigkeit fähig waren.

 

Was bedeuten die Netze? Es waren wohl Denkmäler für Verstorbene, beziehungsweise Bitten an die Grosse Lebensspenderin, sich ihrer anzunehmen.

 

Als Totenbegleiterin führte Epona zum Licht. Hier in Boissy-aux-Cailles wollte man ihr Reich erkennen. Man „baute“ keinen Tempel, sondern fand ihn, durch den grossen Schoss angezeigt, unter der Erde. Über der reich skulptierten unteren Platte hängt die schwere Deckplatte, die sich immer mehr gesenkt hat. Sie wäre leicht zu erreichen gewesen, doch an ihr wurde nur ein einziges Ideogramm angebracht, das dreifach gestaffelte Viereck (Mühlespiel).

 

Dessen oberirdische Verwendung als Sonnenuhr könnte eine ähnliche Bedeutung wie die altägyptische nächtliche Reise der Sonne und des Pharao mit seinem Gefolge nahelegen, nämlich die zwölf Stunden des unterirdischen Sonnenweges bis zur Neugeburt am Morgen. Demnach wäre die grosse Vulva in der Höhle Boissy-aux-Cailles auch ein Symbol der Höhle, aus welcher Sonne, Mond und Sterne aufsteigen, und fände ihre Entsprechung im Auge des Pferdes von Clendy.

 

 

 

Lascaux

 

Die Höhle von Lascaux befindet sich in der Dordogne, am Fluss Vézère, oberhalb von Les Eyzies. Der Eingang führt in den östlichen Kuppelsaal  Menhir 6a  Von diesem führt ein Gang nach Süden  Menhir 6b  ins Divertikel und die Axiale. Über die Simse dieses Ganges eilen viele Tiere. Ein zweiter Gang führt vom Kuppelsaal nach Westen. Auf halber Höhe gelangt man in die Apsis  Menhir 6c  Durch das Felstor am Ende der Apsis gerät man in einen Schacht oder Schlund. Vier Meter tiefer, auf einer Plattform stehend, erblickt man eine berühmte Szene: ein Nashorn, einen Vogelmann, einen Vogel und einen Bison, schwarz auf die ockerfarbene Wand gemalt  Menhir 6d

 

Michael Rappenglück identifizierte die Augen des Vogelmannes, Vogels und Bisons mit dem Sommerdreieck:

 

     Auge des Vogelmannes – Deneb (alpha Cygni)

 

     Auge des Vogels – Atair (alpha Aquilae)

 

     Auge des Bisons – Wega (alpha Lyrae)

 

Vor 17'000 Jahren lag der Himmelspol in der Nähe von Deneb. Das Auge des Vogelmannes wäre also der ruhende Himmelspol gewesen, sozusagen der Herrscher über alle anderen Sterne, welche um den damaligen Polarstern kreisten. Der Vogelmann zeigt ein erigiertes Glied, Symbol seiner Lebensenergie. Der Bison ist ein grosses, mächtiges Tier. Die runde Körperlinie des Vogels gleicht einem Ei, nocheinmal ein Symbol des Lebens.

 

Doch die Lebenssymbole sind mit Zeichen der Vergänglichkeit gepaart. Der Vogelmann fällt um. Der Bison ist verwundet. Unter dem Vogel weist ein Strich in die Tiefe hinab. Dies wären Symbole für den Tod der Sterne. Da sie aber nicht untergingen, starben sie auf andere Weise: indem sie bei Tagesanbruch erlöschten.

 

Das Nashorn mag wie das ägyptische Nilpferd eine Gebärhelferin sein. Es hebt seinen Schwanz und lässt in waagrechter Folge dreimal zwei übereinander stehende Punkte sehen. Nach Marie König wären sie je ein oberirdisches und je ein unterirdisches Leben. Ich möchte sagen: je ein nächtliches und ein tägliches Leben für den Vogelmann, den Vogel und den Bison. Die Bauchlinie des Nashorn-Weibchens fehlt, anstelle der sonstigen breiten Umrisslinie bemerkt man feine offene Strichfolgen: der Bauch geht förmlich in die Wölbung des Gesteins über, wäre also identisch mit dem Erdinneren, dem Schoss der Grossen Göttin. Die Gänge von Lascaux zeigen ein wahres Gewimmel von Leben unter der Erde, Sinnbild ihrer nie versiegenden Fruchtbarkeit.

 

Der Kuppelsaal befindet sich im Osten der Höhle. Aus dem östlichen Sims gehen fünf Pferde hervor, welche im Uhrzeigersinn, also in der Richtung des Sonnenlaufs über den Sims einhergaloppieren. Sie wären die Verkörperung der Morgensonne. Der rote Ocker wäre ein Symbol der Morgenröte wie auch der neuen Lebensenergie  Menhir 6e

 

Folgen wir einem Schamanen in die Höhle von Lascaux. Er trägt ein Hirschfell und führt eine Gruppe junger Männer in den Kuppelsaal - angehende Stammesführer, die als Zeichen ihrer Würde je eine Möwenfeder im Haar stecken haben. Die Männer halten Fackeln, einer trägt ein aufgerolltes Seil. Sie bestaunen die mächtigen Tiere am Himmel des grossen Raumes. Der Schamane bleibt vor dem östlichen Sims stehen und zeigt auf den grossen Bisonkopf hinter dem Pferd der Morgensonne:

 

Meine jungen Freunde in der Blüte eures Lebens, bald werdet ihr euer Amt als neue Stammesführer antreten. Wenn ihr es gut macht, so werdet ihr dereinst an den Himmel eingehen, so wie dieser junge, mächtige Bison  Menhir 6e

 

Folgt mir in den südlichen Gang. Er zeigt euch allerlei Tiere, welche den Lauf der Gestirne symbolisieren  Menhir 6b

 

(Die Männer bewundern die lebendig gemalten Tiere, die sich bei jedem Schritt und bei jedem Flackern der Lichter zu bewegen scheinen. Anschliessend kehren sie in den Kuppelsaal zurück.)

 

Gefiele euch ein Leben als himmlischer Bison? Ja? So wollen wir den anderen Gang erkunden. Folgt mir. Wir gelangen in einen Vorraum. An seinem Ende seht ihr eine Felsspalte. Da werdet ihr hinabsteigen und eine wichtige Botschaft mitbekommen  Menhir 6c

 

Stellt euch in einer Reihe vor dem Felstor auf und haltet das Seil fest, während ich das lose Ende in den Schacht hinunterwerfe. Du (er zeigt auf einen jungen Mann) gehst als erster. Halte Deine Fackel gut und lass dich vorsichtig am Seil hinab. Zwei Manneslängen tiefer finden deine Füsse eine kleine Plattform. Stehe darauf, stehe fest, atme ruhig, und beleuchte das Bild an der gegenüberliegenden Wand. Du siehst ein Nashornweibchen, einen Möwenmann, einen Vogel und einen Bison  Menhir 6d

 

Was bedeuten die Figuren?

 

Im Nashorn erkennst du die Grosse Lebensspenderin, welche wir in Höhlen, Hügeln und Bergen verehren.

 

Der Möwenmann stellt unsere Stammesführer dar, sowohl die lebenden, welche die Talschaften befehligen, als auch die einstigen, welche nach ihrem Tod und ihrer Wiedergeburt aus dem Leib der Grossen Nashornfrau in den Polarstern eingingen.

 

Der Bison und der Vogel sind Gehilfen des Möwenmannes, sie verkörpern seine Kraft, seinen Überblick im irdischen Leben, sein Flugvermögen am Himmel.

 

Der Möwenmann bezeichnet im Weiteren die Flüsse unseres schönen Landes: vom Schnabel der langen Meeresbucht im Westen (Gironde) über den Kopf der beiden grossen Flüsse (Dordogne, Garonne) bis hinauf zu den Schwingen, Armen, Händen, Beinen und Füssen der oberen Flussläufe im östlichen Gebirge, dem Land und Leib der Grossen Nashornfrau  Menhir 6i /  Menhir 6j

 

     Gironde – Schnabel des Vogelmannes

     Unterläufe der Garonne und Dordogne – Kopf

     Isle und Dronne – linke Schwinge, Arm, Hand

     Dordogne – Brust, Bauch, linkes Bein, linker Fuss

     Vézère – Penis

     Garonne, Lot, Truyère – Kopf, rechte Schulter, rechtes Bein, rechter Fuss

     Garonne, Baise, Save, Ariège, Agout, Tarn, Avyère – rechte Schwinge, Arm, Hand

 

Wenn ihr euer Amt als Stammführer auf anständige Weise ausübt, so werdet ihr nach eurem Tod an den Himmel eingehen. Ihr werdet im Möwenmann (Cygnus), Vogel (Aquila) und Bison (Lyra) zugegen sein, über den himmlischen Fluss (Milchstrasse) gebieten, und als himmlische Wesen menschlichen Verstand, Flugvermögen des Vogels und Stärke des Bisons in euch vereinigen.

 

Alle Sterne kreisen um das Auge des himmlischen Möwenmannes. Dieser zeigt ein erigiertes Glied: Symbol seiner Lebensenergie. Der Bison ist ein mächtiges Tier. Die Körperlinie des Vogels erinnert an ein Ei: nocheinmal ein Symbol des Lebens.

 

Am Himmel wird eure Macht wird noch viel grösser sein als hienieden, aber doch nicht grenzenlos. Wenn die Sonne aufgeht, werdet ihr erlöschen. So sind die Lebenszeichen mit Symbolen der Vergänglichkeit gepaart. Sieh den Möwenmann: er fällt um. Sieh den Bison: er ist von einer Lanze getroffen, seine Eingeweide hängen heraus. Sieh den Vogel: unter ihm weist ein Strich in die Tiefe hinab. Ihr werdet erlöschen, die Sonne wird erglänzen und alles erhellen. Das soll euch ein Gleichnis sein. Ihr müsst euch auf Erden wie auch am Himmel für eure Stämme einsetzen, euer Bestes geben und notfalls zum Wohl der Gemeinschaft euer Leben riskieren. Ihr werdet erlöschen, worauf die grosse Gemeinschaft am vielarmigen Vogelfluss desto heller strahlt. Euer Amt bringt eine grosse Machtfülle und verlangt ebensoviel Hingabe und Opferbereitschaft.

 

Aber immerhin, einen Trost kann ich euch geben. Wenn ihr euer schweres Amt zum Vorteil der Gemeinschaft ausübt, so wird euch die Grosse Göttin, Erdgöttin und Lebensspenderin beistehen. Sie wird euch auffangen, in ihrem mächtigen Leib austragen und neu gebären. Wir befinden uns eben in ihrer Höhle. Ihr seht wohl, wie die Gänge ihres Leibes von Leben wimmeln. Ihr Bauch geht über in den Stein der Höhle, welcher ihr fruchtbarer Leib ist. Sie hebt ihren Schwanz und gebiert sechs neue Leben. Wenn ihr genau hinseht, so bemerkt ihr dreimal zwei Punkte in der Wasserlinie (Waagrechten). Das sind je ein nächtliches und je ein tägliches Leben für den himmlischen Möwenmann, Vogel und Bison. Aber seht euch vor: wenn ein schlechter Anführer, der sich am eigenen Stamm oder an seinen Nachbarn verging, das mächtige Tier um ein neues Leben bittet, so hebt es zwar den Schwanz aber lässt etwas anderes fallen. Wer verwundete den mächtigen Bison, dessen Eingeweide aus dem Bauch hängen? Eine Lanze allein kann es nicht getan haben. Nein, es war das Nashorn mit seiner Kopfwaffe. Das Tier ist mächtiger als ihr alle. Die grosse Göttin kann euch das Leben geben und nehmen. Prüft euch also, ob ihr das schwere Amt ausüben wollt. Ihr könnt euch immer noch anders entscheiden und dürft in allen Ehren zurücktreten, wenn ihr euch der Aufgabe nicht gewachsen fühlt.

 

(Die Männer klettern nacheinander in den Schacht hinab und lassen die Bilder und Worte auf sich einwirken. Danach versammeln sich alle in der Apsis.)

 

An den Wänden des Vorraumes bemerkt ihr zahlreiche Zeichnungen von Hirschen. Das sind wir, die Schamanen. Die vielen eingeritzten Hirsche sind unser Emblem, zugleich Anrufe der Grossen Lebensspenderin, deren Vulva im hohen Tor zum Schacht augenfällig zugegen ist  Menhir 6c

 

Folgt mir in den Kuppelsaal. Wir wollen uns den östlichen Sims anschauen, aus welchem mehrere Pferde hervorgehen und in Richtung des Sonnenlaufs einhergaloppieren. Die munteren Pferde verkörpern die Morgensonne, der Ocker verspricht neues Leben  Menhir 6a / Menhir 6e

 

Ihr seht hinter dem grossen Pferd einen mächtigen Bison, auf den ich euch zu Beginn hingewiesen habe. Eigentlich stellt er zwei Tiere dar, einen verlöschenden Körper: das sind die bisherigen Stammführer; und einen frischen jungen Kopf: das seid ihr, die neuen Stammführer.

 

Hinter den Pferden der Morgensonne bemerkt ihr ein Mischwesen aus Löwe, Leopard, Bison, trächtiger Mähre, bärtigem Mann und Zweihorn  Menhir 6f  Dieses Wesen seid nocheinmal ihr, die angehenden Stammführer. Eure Aufgaben erfordern nämlich ganz verschiedene Fähigkeiten. Ihr müsst den Mut des Löwen, die Geschmeidigkeit des Leoparden und Stärke des Bisons in euch vereinigen; weibliche Fürsorge und männlichen Willen, Geschick und Vernunft im Umgang mit Waffen. Die Hörner sind zugleich Ohren, Arme und Lanzenwürfe. Ihr müsst vernehmen, was an den Flussbögen geschieht, wo, wann, weshalb: darum braucht ihr lange Ohren. Ihr benötigt ebenso tüchtige Arme, die ausführen, was ein kluger Kopf ersann: darum wachsen diese Arme aus dem Kopf des Mischwesens. Überdies erfordert eure Aufgabe Geschick und Verstand im Herstellen von Waffen, und ebensoviel Vernunft in ihrem Gebrauch: deshalb gehen die Lanzenwürfe aus dem Kopf hervor … Prüft euch gut. Wenn ihr über alle Fähigkeiten des Mischwesens am Eingang der Höhle verfügt, so könnt ihr das schwere Amt antreten. Andernfalls übernehmt ihr besser ein bescheidenes Amt, das ihr würdig ausfüllen könnt. So werdet ihr dennoch vor der Grossen Göttin bestehen, die wir im Nashorn, in der Nashorn-Frau, in den Höhlen, in der Erde, sowie in den östlichen Hügeln und Bergen unseres schönen Landes verehren.

 

In der Nähe der Höhle von Lascaux befindet sich der Abri von Laussel. Dessen Rückwand schmücken oder schmückten mehrere Frauen sowie ein Phallus. Im Rahmen der geographischen Interpretation würde der Phallus dem Vogelmann gehören und den Fluss Vézère kennzeichnen. Eine der Frauen blickt zur Seite, legt ihre linke Hand auf den Schoss und hält mit ihrer rechten Hand ein Horn vor ihr leeres, kreisrundes Profil, auf solche Weise ein Nashorn evozierend, ein neues Leben versprechend und die Morgensonne symbolisierend. Die Frauenfigur ist als Venus von Laussel bekannt und wird im Musée d’Aquitaine in Bordeaux aufbewahrt  Menhir 6g  (Aufnahme Sisse Brimberg, National Geographic, October 1998).

 

Venus von Willendorf, Naturhistorisches Museum Wien  Menhir 6h  (Aufnahme Ira Block, National Geographic, October 1988). Der massige Körper und die breiten Hüften symbolisieren einmal mehr das fruchtbare Erdinnere, die grossen Brüste die nährende Erdoberfläche, die Schultern Hügel und Berge, und der von vorn gesehen kugelrunde Kopf die Morgensonne.

 

Aus dem Abri Morin, Gironde, stammen zahlreiche Steine mit aufgemalten oder eingeritzten Vögeln. Hier ein von vorn gezeigter Vogel oder Vogelmann (Kopf, Augen, Schnabel, Hals, Brust, Flügel/Oberarme). Wenn die Flüsse der Guyenne den Grossen Möwenmann symbolisieren, so mag die Grosse Nashornfrau in den Hügeln und Bergen zugegen sein, vielleicht sogar grossräumig im westlichen Teil des französischen Zentralmassivs  Menhir 6i / Menhir 6j

 

     Kopf – Mont Dore

     Horn – Gipfel über Clermont-Ferrand

     Rücken – Monts de la Margeride

     Brust – Plomb du Cantal

     Bauch – Monts d’Aubrac

     Hinterkörper – Lozère und Mont Aigoual

     Beine – Berge und Hügel zwischen den östlichen Flussläufen der Guyenne

 

Unweit von Lascaux befindet sich die rund zehn Kilometer lange Höhle von Rouffinac. Sie birgt ältere Malereien, mehr als 150 Mammuts, weitere Tiere, und mehrere Wollnashörner, deren grosse runde Schulterhöcker wohl mit Hügeln und Bergkuppen vereinbar wären. Erik Holm identifizierte ein südafrikanisches Felsbild eines Elefanten mit einer Regenwolke. Die Mammuts von Rouffinac dürften eine ähnliche Bedeutung gehabt haben: ausregnende Wolken, welche die Flüsse füllen und Pflanzen gedeihen lassen, welche wiederum die Mammuts und andere Tiere nähren und selber den Jägern als Nahrung dienten. Die früheren Stammesführer von Rouffinac hätten auch als Mammuts in den Himmel eingehen können, wo sie dann als Regenspender für die Ihren sorgten.

 

Zur Zeit von Lascaux waren die Mammuts ausgestorben, doch die Bisons überlebten. Der Bison im Schacht von Lascaux ist grösser als der Vogelmann. Gut möglich, dass der Bison der älteste Stammesführer aus Spanien und Südfrankreich war, der Vogelmann ein jüngerer Nachfolger, inspiriert vom Schnabel der Gironde, vom Vogelkopf der mündenden Dordogne (Kehle) und Garonne (Schädel), sowie von den Schwingen, Armen und Händen, Beinen und Füssen der oberen Flussläufe und Nebenarme der Guyenne.

 

Der Bison hätte ursprünglich für sich allein im Sommerdreieck gegenwärtig sein können (s. übernächstes Kapitel).

 

Vor 17'000 Jahren befand sich der nördliche Himmelspol in der Nähe von Deneb. Am frühen Morgen der Sommersonnwende wies der Kopf des himmlischen Bisons auf den südwestlichen Horizont, während die Morgensonne am nordöstlichen Horizont aufging. Ein nach unten blickender Bison mit einem Männergesicht findet sich in der Grotte von Castillo (Mont Castillo, Puente Viesgo, Cantabria; Zeichnung Michel Lorblanchet); ein aufgehendes Pferd in der Grotte von Montespan (Haute-Garonne)  Menhir 6k  In Analogie zu Clendy wäre das Pferd eine Verkörperung der aufgehenden Sommersonne; eine zuverlässige Interpretation würde allerdings den Kontext erfordern.

 

Nachträge 2003: Der Vogelmann, der Bison und der auf einer Stange thronende Vogel mögen die Stämme in den Flussebenen der Guyenne (Vogelmann), in den nördlichen und westlichen Hügeln und Bergen (Bison), sowie in den Pyrenäen (Vogel auf der Stange) symbolisieren  Menhjr 01  Blick vom Eingang her auf das erste Bild, das rund 240 cm lange Mischwesen, das die Vorderläufe und das gefleckte Fell einer Raubkatze, den Hinterkörper eines Bisons, den Bauch einer schwangeren Mähre und den Kopf eines Hengestes wie auch eines bärtigen Mannes miteinander kombiniert, wobei aus dem Kopf zwei Hörner hervorgehen, deren blattförmige Ende verraten, dass es sich um Lanzen handelt. Das Mischwesen kann ich mir nur als Verkörperung der Eigenschaften eines guten Anführers erklären: er muss, insbesondere als Jäger, so geduldig, rasch und entschlossen sein wie eine Raubkatze, so stark wie ein Bison, so einfühlsam und beschützend wie eine Schwangere und Mutter, und so mutig wie ein Hengst, und er muss einen vernünftigen Gebrauch von seinen Waffen machen  Menhjr 88  Während die über den Horizont aufsteigenden Pferde in der Rotunde die aufgehende Sonne bedeuten, sinken die Pferde am Ende des axialen Ganges hinab und gehen in einer Kehrtwende auf zwei einander gegenüberstehende Steinböcke zu, welche nach Marie E.P. König die Wintersonnwende bedeuten. Im Gegenzug mag die Rotunde die Sommersonnwende darstellen, und der Sonnenlauf könnte im Weiteren das wechselnde Schicksal einer Gemeinschaft, im vorliegenden Fall der Proto-Gesellschaft in der Guyenne des Magdalénien symbolisieren. (In der obigen Ansprache des Schamanen habe ich den Gang als unterirdischen Weg der Himmelskörper ausgegeben. In einer Neufassung der Ansprache müsste ich das korrigieren: der Gang würde den Jahreslauf der Sonne darstellen. Möglicherweise liegen auch mehrere kombinierte Bedeutungen vor. Eine französisch-deutsche Gruppe soll die Tiere und Zeichen dieses Ganges im Sinne von frühen Sternbildern auslegen.)  Menhjr 89  Übersicht über die Höhle von Lascaux  Menhjr 90

 

 

 

Chauvet

 

Die Höhle von Chauvet befindet sich in der Schlucht der Ardèche, an ihrem östlichen Ufer, oberhalb des Zusammenflusses der Ardèche mit der Rhone, auf der Höhe einer natürlichen Felsbrücke in Form eines grossen Tieres, dessen Vorderbeine auf dem westlichen Ufer stehen, während die Hinterbeine auf dem östlichen Ufer ruhen. Eine Öffnung im Boden erlaubt das Abseilen in den grossen Saal (blauer Punkt). Auf diesen folgt ein mittelgrosser Saal. Von dessen halber Höhe gelangt man in den hintersten Saal. Dieser ist kleiner als die vorherigen Räume, aber einschliesslich des Ganges immer noch rund 60 m lang und gegen Ende rund 30 Meter breit. Die gesamte Höhle misst von Süden nach Norden rund 240 Meter und zählt nicht weniger als 420 Tierbilder, gemalt vor 32'000 bis 30'000 Jahren. Vor 26'000 Jahren fiel ein Felsstück auf den Eingang und verschloss die Höhle. Auf mehreren Bildern sieht man Kratzspuren von Bären. Links vom Eingang zum hintersten Saal befindet sich die Tafel der Pferde, auf der auch Bisons, Löwen und zwei kämpfende Nashörner zu sehen sind (grüner Punkt). In der Mitte des hintersten Saales bemerkt man ein sonderbares Gemälde: es zeigt die Beine, Vulva und Scham einer grossen Frau, deren Schoss nach oben in den Stein übergeht und den Kopf eines grossen, wohl im Osten stehenden, nach Westen blickenden Bisons birgt (gelber Punkt). Frau und Bison haben ein Bein gemeinsam. Links von ihnen befindet sich ein Wandgemälde mit fliehenden Tieren: Nashörner, ein Pferd, ein Mammut, Bisons und Löwen. Hier nur ein Plan der Höhle und das zentrale Motiv des hintersten Saales (Vulva und Bison)  Menhir 6l / Menhir 6m

 

Wenn wir die Frau und den Bison geographisch interpretieren wollen, so wäre die Vulva das Hügelgebiet zwischen dem unteren Lauf der Ardèche und der Rhone; das rechte (von uns aus gesehen linke, meiner Annahme nach westliche) Bein der Frau die Ardèche; das linke (von uns aus gesehen rechte, wohl östliche) Bein der Frau und Vorderbein des Bisons die Rhone.

 

Der Bison mag den obersten Anführer der Stämme aus dem Rhonetal symbolisieren, während die Tiere auf der Tafel links vom Eingang des hintersten Saales (grüner Punkt), unter ihnen zwei kämpfende Nashörner, sowie die Tiere auf dem Wandgemälde links von der Frau und dem Bison (roter Punkt) verschiedene Stämme repräsentieren mögen, welche im westlichen Teil des französischen Zentralmassivs heimisch waren.

 

Die kämpfenden Nashörner westlich vom Eingang zum hintersten Saales (grüner Punkt) würden eine Fehde zwischen den Bewohnern zweier grösserer Berghänge anzeigen. Die fliehenden Tiere westlich von Frau und Bison (roter Punkt) wären ein Zeichen der Macht des Bisonmannes vom Rhonetal: Er ist aus der Grossen Göttin selbst hervorgegangen, er hat ein Bein mit ihr gemeinsam, er ist Fleisch von ihrem Fleisch, ihr Land ist sein Land. Wenn er erscheint, fliehen alle anderen mächtigen Tiere, Stämme, Krieger, Jäger, Stammführer. Zwar ist auch der Bison vom Rhonetal sterblich, doch er wird von der Göttin immer neu geboren; ein Stammesführer löst den anderen ab, nimmt seine Stelle ein.

 

 

 

Das Sommerdreieck Deneb – Wega – Atair auf den Stufen Chauvet, Lascaux, Carnac und in keltischer Zeit

 

Die Himmelsregion der Sternbilder Cygnus, Lyra und Aquila, die hellen Sterne Deneb (alpha Cygni), Wega (alpha Lyrae) und Atair (alpha Aquilae), das Sommerdreieck als Vulva (Stufe Chauvet)  Menhir 6n

 

Das Sommerdreieck als Bisonkopf; halbes Profil, Profil (Stufe Chauvet)  Menhir 6o / Menhir 6p

 

Cygnus als Vogelmann, Lyra als Bisonkopf, Aquila als Vogel (Stufe Lascaux)  Menhir 6q

 

Cygnus als weibliche Silbermöwe, Deneb ihr Kopf, Wega ihr Ei  (Stufe Carnac, Besprechung in Teil 3)  Menhir 6r

 

Cygnus als männliche Silbermöwe, zusammen mit dem Lyra-Ährenbeutel und dem Aquila-Beil, Klinge einmal nach links, einmal nach rechts (Stufe Carnac. Besprechung in Teil 3)  Menhir 6s / Menhir 6t

 

Wega-Ei und Draco-Schlange (Stufe Carnac, Besprechung in Teil 3)  Menhir 6u

 

Auf der in Teil 1 besprochenen Goldmünze der keltischen Treverer (Trier-Luxemburg) erscheint das Sommerdreieck als stilisierter Vogel in einem herzförmigen Rahmen  Menhir 3r  /  Menhir 6v

 

 

 

Teil 1  Das Mädchen und der Rabe (eine archäologische Fabel) / Geometrische Muster? / Das schräge Kreuz als Ideogramm des Jahres / Ein Doppelheiligtum des Grossen Kolkraben und der vielfigurigen Lebensspenderin / Neue Aufnahmen der Menhire von Yverdon-Clendy  Die Menhire von Yverdon, Sion und Lutry  (1/3)

 

Teil 2  (oben)

 

Teil 3  Silbermöwe und Morgensonne (ein archäologisches Märchen) / Das Weltei von Carnac / Drei-Seen-Land, Wallis und Genfersee / Bibliographie und Kommentare / Die Fabel von Gorgier und Bevaix / Die Gemini-Steine von Concise-Corcelles  Die Menhire von Yverdon, Sion und Lutry  (3/3)

 

Appell an die Schweizer Archäologie (Vandalismus in Yverdon-Clendy), Miscellanea

 

 

 

 

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