Schweiz --- Der schlaue General Guisan / © 2003 Franz Gnaedinger, fgn(a)bluemail.ch, fg(a)seshat.ch, www.seshat.ch

 

 

 

Wie der schlaue General Guisan die Schweiz vor dem Krieg bewahrte

 

Im November 1979 absolvierte ich einen militärischen Wiederholungskurs WK im Stab einer Fliegerabwehrtruppe und schob Wache beim Bahnhof von Rueun, im bündnerischen Rheintal, beim gemütlichen alten Bahnhof, im frisch gefallenen metertiefen Neuschnee, vor mir der träge Fluss, am gegenüberliegenden Ufer ein Kranz nicht allzu hoher Berge, hinter mir die Unterkunft mit ca. 200 schlafenden Soldaten, Telefönler, in der Regel junge Männer, die man sonst nirgendwo brauchen konnte. Ich überlegte mir, wie meinem Kollegen vor 50 Jahren zumute gewesen sein mochte. Wie würde ich mich an seiner Stelle fühlen? Hätten wir eine Chance, wenn eben jetzt ein Düsenjäger über die Krete geflogen käme? Nein. Mit einer einzigen gut gezielten Bombe wären wir erledigt gewesen. Zweihundert Männer aus dem Gefecht gezogen, unter ihnen viele Familienväter. Obschon wir eine Truppe „Halbschuhe“ waren – unter uns ein Arzt, welcher den Offizieren glaubhaft vormachen konnte, dass er unfähig sei, einen straffen Verband anzulegen – fand sich doch bei uns ein erstaunliches Mass an Wissen und Können versammelt, denn die meisten von uns waren hervorragend ausgebildete Fachleute in mehreren Berufen. Da ging mir der Sinn der Schweizer Armee auf: Wir wären kaum fähig, unser Land wirklich zu verteidigen, wenn es auf einen militärischen Ernstfall ankäme, aber wir stellen uns als angedrohtes Opfer hin. Wir werden uns wehren. Ein Angriff wird  einiges kosten, aber man wird uns leicht einnehmen können. Doch was hat man davon? Unser Land ist klein, ohne nennenswerte Rohstoffe, mal vom Wasser abgesehen. Ein Angreifer wird viele von uns töten müssen, damit verliert er einen grossen Teil der gut ausgebildeten und hervorragend aufeinander eingespielten Fachleute, welche in der Milizarmee ihren Dienst versehen, und welche den eigentlichen Wert unseres Landes ausmachen. Ein Angreifer wird unsere Fabriken, Hochschulen, Konzerne, Banken, Spitäler usw. bombardieren müssen. Unser kleines aber vielfältiges und hervorragend organisiertes Land gleicht einer Schweizer Uhr. Was hat man davon, wenn man sie zertritt? Ein Häufchen nutzloser Federchen, Zahnrädchen, Zeiger und Scherben …

 

Im kritischen Frühling 1939, als eine deutsche Division hinter dem Jura auf den Befehl zum Angriff auf die Schweiz wartete, zog der schlaue General Guisan seine Truppen in und um Basel und Zürich zusammen. Die Deutschen hätten die beiden grossen Städte ohne weiteres einnehmen können. Doch wären den Angriffen vermutlich einige wichtige Institutionen und überdies viele der gut ausgebildeten und hervorragend aufeinander eingespielten Fachleute zum Opfer gefallen, ohne welche die Schweiz nur ein felsiges Land wäre. Die Schweiz will man ganz, mit funktionsfähigen Institutionen. Also zogen die Deutschen ab, der Legende nach mit dem Reim Die Schweiz das kleine Stachelschwein / nehmen wir im Rückzug ein. Hätten die Deutschen Europa eingenommen, so hätten sie die Schweiz im Sack gehabt, aber ganz, mit all ihren Institutionen und Fachleuten, womit ich mich einmal mehr wiederhole, aber eben darum geht es: um die vielen gut ausgebildeten und aufeinander eingespielten Fachleute, welche in der Schweizer Milizarmee ihren Dienst versahen und ihr Land auf andere Weise vor dem Eintritt in den Krieg bewahrten als es die heroische Überlieferung haben wollte.

 

Am Morgen nach meiner Wache erzählte ich von meiner nächtlichen Einsicht und erntete schmunzelndes Erstaunen. Von da an pflegte ich zu sagen, dass die Schweiz weniger mit Waffen als Intelligenz verteidigt werden sollte.

 

Inzwischen sehe ich mein Land aus mehreren Gründen in Gefahr und möchte mein damaliges Versprechen mit einer Reihe von offenen Briefen zu verschiedenen Themen im Kapitel SCHWEIZ meiner Webseite einlösen.

 

 

Ein englischer Blick auf die Schweiz

 

Im Internet begegnete mir ein böser englischer Blick auf die Schweiz: unser Land, einst arm, sei mit Nazigold reich geworden und erhalte seinen Reichtum mit Fluchtgeldern aus aller Welt. Wie ich oben erklärte, glaube ich daran, dass General Guisan unser Land mit seiner schlauen Strategie vor dem Krieg rettete, wenn diese auch zu einer teilweisen Kooperation mit den Achsenmächten führte. Ich war für Aufklärung des Schweizer Verhaltens im Zweiten Weltkrieg, möchte aber auch zu bedenken geben, dass die Schweiz umzingelt war. Von heute aus gesehen ist leicht reden. Wie halten wir es mit unseren Kooperationen? Wenn immer ein Diktator auffliegt, kommen über kurz oder lang Schweizer Konti zum Vorschein. Ist es fair, wenn wir Steuergelder aus Europa und der übrigen Welt abziehen? Deutschland leistet enorm viel für den Wiederaufbau Osteuropas. Können wir da guten Gewissens deutsche Steuergelder anzapfen? Ich bin für eine Schweiz, die mit ehrlicher Arbeit Geld verdient.

 

 

Die Gelder fliessen ewig und von selber …

 

Unser Land hat in mehrfacher Weise von den beiden Weltkriegen profitiert. Wir waren verschont geblieben und hatten nach den Kriegen einen wirtschaftlichen Vorsprung, den wir sehr gut zu verwerten verstanden. Ein grosser Teil der europäischen, insbesondere deutschen und jüdischen Intelligenz, floh nach Amerika, wo sich als Reaktion auf die Greuel insbesondere des Zweiten Weltkrieges eine mächtige pazifistische Gesinnung aufbaute, welche in der berühmten Bewegung von 1968 kulminierte. Diese und nachfolgende Bewegungen machten die Schweiz zum wohl freiesten Land in der ganzen Geschichte der Menschheit. Aber über unserem Wohlstand ging einiges verloren. In der Schweiz glaubt man, dass die Gelder ewig und von selber fliessen. Und weil dies so sei, könne man neue Ideen und Einsichten ignorieren, und Scharen heller junger Leute ins Ausland ziehen lassen. Seit fünf Jahren erleben wir eine Milliardenpleite nach der anderen, eine schwerer als die vorhergehende. Inzwischen soll in der Bundeskasse ein Loch von effektiv 303 Milliarden Franken klaffen (SONNTAGSZEITUNG vom 21. September 2003). Wenn man auch die Löcher in den Pensionskassen einberechne, übersteige unser Schuldenloch prozentual das amerikanische. Die USA decken ihre Schulden mit einem enormen wissenschaftlichen Vorsprung. Womit sind unsere Schulden gedeckt? Mit schönen Worten? Diese helfen wenig. Und wenn man merkt, wie es wirklich steht, kommt es zu Massnahmen, die man nur als konzeptlos bezeichnen kann, insbesondere in den Bereichen Bildung und Forschung. Davon, und von vielem mehr, soll in den folgenden Briefen die Rede sein.

 

 

 

 

homepage