Schweiz --- Diplom 03, Hochschule für Gestaltung+Kunst Luzern / © Text 2003/04 Franz Gnaedinger, fgn(a)bluemail.ch, fg(a)seshat.ch, www.seshat.ch

 

 

 

Portfolio einer Hochschule

 

Freundlicherweise bekam ich das Buch Diplom 03 der Hochschule für Gestaltung+Kunst Luzern zugeschickt und verstand die Geste als unausgesprochene Aufforderung, etwas Gutes über das Buch zu schreiben. Ich habe mich sogleich in zwei Arbeiten „verguckt“, nämlich in die Stoffbilder von Diplomandin Marina  Diplom 1  und die Installation Gebete von Diplomandin Muya  Diplom 2  Am Beispiel dieser beiden Arbeiten möchte ich gerne zeigen, dass die künstlerische Intuition dem wissenschaftlichen Geist ebenbürtig ist (und zwar im Anschluss an meinen langen und anspruchsvollen offenen Brief zugunsten des Vorkurses der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich Vorkurs ). Ich erlaube mir, die betreffenden Illustrationen aus der Dokumentation Diplom 03 zu kopieren. Die Abbildung der Stoffe von Diplomandin Marina habe ich mit der automatischen Farbeinstellung bearbeitet, um die wichtigen dunklen Töne wiederzugeben; jene der Installation Gebete von Diplomandin Muya beliess ich unverändert, auch wenn sich leider ein lila Ton einschlich, aber mit der automatischen Farbeinstellung würden die Farben in diesem Fall zu hart, es kommt mir indes auf den Eindruck weicher Tücher an.

 

 

 

Die Stoffe von Diplomandin Marina    Diplom 1 / Diplom 1a / Diplom 1b / Diplom 1c / Diplom 1d / Diplom 1e / Diplom 1f

 

Die doppelseitige Abbildung im Buch Diplom 03 zeigt sechs Stoffe, die so benannt seien: oben links, oben linke Mitte, oben rechte Mitte, oben rechts, unten rechte Mitte, unten rechts  Diplom 1

 

Diplomandin Marina inspirierte sich an Fischen. Das ist sehr gut an der Abbildung unten rechte Mitte zu sehen: regelmässig angeordnete Schuppen, aufsteigende dunkle Blasen, in der Tiefe vorbeiziehende Fische, ein kleiner und ein grosser Fischrücken, eine gespreizte Finne  Diplom 1a  Hier probierte die Diplomandin einen Eindruck von Tiefe und Bewegung zu erreichen, indem sie teils durchscheinende visuelle Elemente nacheinander (übereinander) applizierte.

 

Die Abbildung unten rechts zeigt Schuppenformen im Wasser, die an bronzene oder goldene Halsgeschmeide erinnern  Diplom 1b  Ein helles Licht fällt in beweglichen Streifen auf die Schuppenringe. Sind es gebündelte Lichter? Schatten von Wellen? oder ist es der in Falten gelegte Stoff, welcher ein Muster von Hell und Dunkel erzeugt?

 

Die Abbildung oben rechts ist einfach zu verstehen. Auf einen roten Stoff wurden taubenblaue Kreise gedruckt, anschliessend feine weisse Punkte. Der Stoff ist in Falten gelegt. So kommt Bewegung in die Punkte  Diplom 1c  Es will mir scheinen, als ob die Punkte Fischschwärme seien, welche aus der Tiefe des Meeres heran- und vorbeigeschwommen kämen, während ein anderer Arm desselben Schwarmes in die Tiefe gezogen würde …

 

Die Abbildung oben rechte Mitte spielt wieder mit Falten  Diplom 1d  Auf einer weichen Gaze sind Blumen gedruckt, welche an Seeanemonen erinnern. Die Gaze ist in tiefe Falten gelegt. So kommt ein lebendiges Bild zustande, welches an Unterwasser-Aufnahmen denken lässt: von oben rechts fällt ein helles Licht herein, oben links ist es dunkel, die zentrale „Seeanemone“ wogt in einer Strömung des „Wassers“.

 

Oben links ist eine Lösung zu sehen, die aus dem Spiel mit Falten hervorgegangen sein dürfte, ein System roter Linien auf weissem Stoff. Die einfachen Linien evozieren Finnen und Schuppen und kommen bei der Faltenlegung des Stoffes mit ansprechenden Formspielen zur Geltung  Diplom 1e

 

Der verbleibende Stoff oben linke Mitte zeigt ein komplexes Muster an Bewegungen  Diplom 1f  Runde Gazestücke oder möglicherweise Wattescheibchen mit aufgemalten Punkten in der Farbe der wohlriechenden Alpenblume Männertreu (?) wirbeln umher. Links werden sie gleichsam in eine Röhre hineingezogen und gemahnen ein wenig an Aufnahmen von Blutkörperchen in Adern; in der räumlichen Verkürzung erscheint eines der weichen weissen Blättchen wie ein Schmetterlingsflügel; auf der rechten Seite strömen die Scheibchen in mehreren Wellen vorbei … Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie Diplomandin Marina dieses komplexe Muster auf Stoff brachte, bin mir aber ziemlich sicher, dass es aus der Beschäftigung von applizierten Formen einerseits und der Faltenlegung der Stoffe andererseits hervorging.

 

An dieser Stelle möchte ich von einer Serie Zeichnungen berichten, die ich vor bald dreissig Jahren im Hinblick auf die Aufnahmeprüfung für den Vorkurs an der damaligen Kunstgewerbeschule Zürich anfertigte. Ich wohnte in der Nähe des Zürichsees und ging jeweils am Ufer zeichnen. Wenn ich lange auf’s Wasser schaute, konnte es geschehen, dass beweglichen Schatten der silbergleissenden Wellen zu springenden Fischen mutierten. Ich sah nach einer Weile Hinschauens keine Wellen mehr, ich sah Fische springen … Das schien mir mehr als ein hübscher Effekt zu sein. Ich sah darin eine biologische Lektion. Im Lauf der Evolution haben sich die Fische so sehr ans Wasser angepasst und so viele Eigenschaften ihres Lebenselementes aufgenommen und in ihren schlanken, beweglichen Leibern gebündelt, dass das Wasser selber wie ein Schwarm Fische anmuten kann, jedenfalls bei langem Hinschauen, wie es eine Zeichnung erfordert. Ein andermal sah ich einen rund 80 Zentimeter langen, an zwei Stellen gebogenen Ast auf dem Wasser schwimmen. Er drehte sich elegant in den Wellen, wobei er immer ganz auf dem Wasser lag, kein Ende und Gelenk ragte in die Luft oder zeigte ins Wasser hinab. Das Stück Holz drehte sich immer so, dass es in der ganzen Länge auf der wellenförmig bewegten Wasseroberfläche lag. Ich konzipierte ein grosses Schwimmobjekt, das sich in ähnlicher Weise auf dem Atlantik bewegen könnte: sich drehend, immer in Kontakt mit der Wasseroberfläche …

 

Als ich die von Fischen inspirierten Stoffe von Diplomandin Marina sah, kamen mir meine damaligen Experimente wieder in den Sinn. Marina hätte es sich einfach machen und ein paar Stempel von Fischen entwerfen können, welche, mit allerlei Farben benetzt und aufgedruckt, hübsche und kleidsame Stoffe abgegeben hätten. Doch Marina (so möchte ich annehmen) ging anders vor. Sie liess sich von Fischen, ihren Einzelformen und ihren Bewegungen inspirieren. Sie hat Muster auf Stoffe gezeichnet und gedruckt. Aber dann hat sie (glaube ich behaupten zu dürfen) ihre Stoffe in Falten gelegt, auf solche Weise die Bewegung des Wasser nachahmend, und sich gefragt: Wie bewähren sich meine Muster auf ihrem „Lebenselement“, nämlich bewegtem Stoff? kann ich ein Muster verbessern? gibt es vie Falten neue Muster zu entdecken? einfachere Muster, die sich noch besser bewähren und wieder neue Muster inspirieren?

 

Der Fischleib entwickelte sich im Lebenselement Wasser. Marina (so lese ich aus den Abbildungen) entwickelte ihre Muster aus Faltenwürfen. Sie spielte gleichsam Evolution, aber anstelle eines Fischkörpers im Wasser verwendete sie Farbmuster auf in Falten gelegten Stoffen, und experimentierte so lange, bis ein unglaublich komplexes Muster zustande kam, das ich mir nicht erklären kann  Diplom 1f  So war es auch mit der biologischen Evolution. Das Auge wurde neun Male erfunden, war zunächst jeweils eine Hautfalte mit einer lichtempfindlichen Grube, dann kam eine Linse hinzu, und nach und nach entwickelten sich höchst komplexe, leistungsfähige Sinnesorgane, die lange als Beweis gegen die Evolution angesehen wurden: wie kann ein solches Wunder an Organisation aus zufälligen Mutationen hervorgegangen sein? Diplomandin Marina leistet etwas Vergleichbares: aus einfachen Ideen und leicht nachvollziehbaren Experimenten geht ein komplexes Muster hervor, das mich jedesmal von neuen verwirrt, wenn ich es anschaue! Wie hat sie es nur geschafft, ein so komplexes Muster an Bewegungen auf Stoff zu bannen?

 

 

 

Gebete, eine Installation von Diplomandin Muya     Diplom 2

 

Diplomandin Muya dürfte nepalesischer Herkunft sein. Sie versteht ihre Installation als Hommage an ihre Eltern und ihr Land Nepal. Im religiösen Bereich fühle sie sich noch sehr unsicher, doch ein Weglassen dieser wichtigen Seite des Lebens in Nepal wäre nicht richtig.

 

Ihre berückend einfache Installation besteht aus einem schwebenden Altar mit elf bemalten Papierrollen, darüber hängen drei Gebetstücher mit nepalesischen Figuren, rot auf den seitlichen Tüchern, grau auf dem mittleren Tuch. Jedes Tuch zeigt 4 mal 8 gleich 32 Thankas. Alle wurden mit demselben Rollsiegel aufgebracht und bestehen aus je drei Gesichtern: vorne gross eine gut erkennbare Nepalesin, hinter ihr ein kleineres Gesicht, hinter diesem nocheinmal ein kleineres, ferneres Gesicht. Auf dem Altar liegen elf Rollen Papier, drei zu Bögen ausgebreitet: man erkennt grossflächige Malereien in Wasserfarbe. Der Altar ist lediglich eine Spanplatte mit zwei darunter angebrachten Längsleisten. An der Decke errät man vier Haken. Von diesen führen vier Drähte zu den Seiten des hängenden Altars, und von hier aus weiter zu vier Haken am Boden. An den Deckenhaken sind zwei dünne Schnüre oder möglicherweise Nylonfäden befestigt, um welche die schmalen Enden der langen Tücher genäht sind. Die Fäden bilden zwei unsichtbare Kettenlinien (um einen mathematischen Begriff zu verwenden), desgleichen die an den Fäden befestigten Tücher, aber diese quer zur Richtung der Fäden. Infolge der beiden verschränkten Kettenlinien kommt es zu einem wunderbaren Effekt: die Tücher deuten eine grosse Rundform an! Das ist schwierig zu beschreiben aber leicht zu sehen  Diplom 2

 

Mit einfachsten Mitteln erreicht Diplomandin Muya eine wunderschöne und, wie Sie gleich sehen werden, vielsagende Form.

 

Sie ist offenbar nepalesischer Herkunft, aber die Religion ihrer vormaligen (?) Heimat scheint ihr eher fremd zu sein. Sie kann und will sie aber nicht einfach ignorieren. So geht sie daran, die religiösen Bräuche einer halb fremden, halb eigenen Welt neu zu erforschen. Sie baut sich einen schwebenden Altar. Auf diesem befestigt sie ein Papier. Danach (so stelle ich mir vor) nimmt sie einen Pinsel zur Hand, taucht ihn in Wasserfarbe, denkt an einen Wunsch, formuliert ein Gebet, und malt, ohne recht hinzuschauen, ein Bild, welches eine Botschaft an die zuständigen Gottheiten formulieren mag: einen Wunsch für sich oder andere, ein Gebet. Im Lauf der Zeit hat sie viele solcher Wunschbilder gemalt. Wenn die Farben trocknen, rollt sich das Papier zusammen. Dann legt sie die Wunschrollen auf den Altar. Wir sehen elf Rollen, eine halb offen, zwei ganz offen, flach ausgelegt. Wir dürfen annehmen, dass die Wünsche und Gebete an die zuständigen Gottheiten gelangen sollen. Dies mag auf mehrere Arten geschehen. Der Altar, ein schwebendes Brett, erinnert an eine Gondel unter einem Ballon, angedeutet von den drei runden Tüchern. Die Installation wäre also gleichsam ein Luftschiff, das die Wünsche und Gebete zu den Gottheiten in den Himmel hinauftragen soll. Wären die Tücher vertikal aufgehängt und zur Seite hin gewölbt, so könnte die Installation ein Schiff mit wehenden Segeln darstellen, welches die Wünsche und Gebete zu den Gottheiten hinträgt. Wir können uns aber auch vorstellen, dass der schwebende Altar ein hoher, dem Himmel naher Berg sei, wo solche auf Papier gemalten Wünsche und Gebete zuhanden der Gottheiten niedergelegt werden mögen, und schauen Sie: der Himmel ist Muya gnädig, er wölbt sich gleichsam nach unten, die nepalesischen Gottheiten nehmen sich der Wunschbilder und Farbgebete an. Diplomandin Muya erinnert sich wohl auch an ihre Kindheit, als ihre Mutter sich zu ihr hinabbeugte, wobei sich der Stoff ihrer Schürze oder Bluse bauschte und Liebe, Hilfe, Trost und Geborgenheit versprach. Hier, in einer überhöhten Form, wäre aus der mütterlichen Schürze oder Bluse die hohe Muttergöttin selber geworden, welche zahlreiche Kinder gebar, zugegen in den aufgestempelten Gesichtern, sich freundlich der Wünschenden und Betenden zuneigend …

 

Ich darf nocheinmal auf das Segel zurückkommen. Im alten Ägypten wurde die Himmelsgöttin Nut in vielen Formen verehrt, zum Beispiel im geblähten Segel eines Schiffes, während ihre Töchter Isis und Nephtys in den seitlichen Seilen anwesend waren. Hier hat das Segel gewiss die Bedeutung einer Schwangerschaft. Isis und Nephtys waren auch in den Pylonen der ägyptischen Tempel zugegen, welche den schmalen hohen Eingang flankieren. Nach Erik Hornung symbolisierten diese Tempel den Kosmos; demnach wäre das Passieren ihres Eingangs eine symbolische Geburt, ein Hineingelangen in diese Welt. Ein Jahr zählt 365 Tage plus einige Stunden. Die beiden letzten Tage des Jahres waren Isis und Nephtys geweiht, nämlich die Tage 364 und 365. Wir dürfen annehmen, dass Nut in den überzähligen Stunden präsent war und gleichsam das neue Jahr zur Welt brachte. In einem schönen Fresko der Grabanlage der Königin Nefertari im Tal der Königinnen im oberägyptischen Theben halten Isis und Nephtys die Mumie des verstorbenen Pharaos mit dem Kopf eines Widders. Die Sonnenscheibe ruht auf den ausladenden Hörnern, während Nut unsichtbar zwischen Isis und Nephtys zugegen sein dürfte, um Pharao in Gestalt von Re-Osiris ein neues Leben zu gewähren. Wo immer Isis und Nephtys als symmetrisches Paar in Erscheinung treten, wäre ihre Mutter Nut unsichtbar in ihrer Mitte anwesend. Ich meine ferner, dass die drei Göttinnen im menschlichen Körper zugegen waren: Isis und Nephtys in Armen (Flügeln) und Beinen, in den Seiten des Körpers, in seinen Tätigkeiten, im Fühlen (Isis) und Denken (Nephtys), ihre Mutter Nut hingegen im Körper selber, in den organischen Vorgängen, im Unbewussten und seinen Heilkräften …

 

So weit meine Vermutungen in Bezug auf einige alte Symbole und Ideen Ägyptens. Möglich, dass diese schon in früher Zeit in den indischen Raum und nach Nepal gelangten – oder auch umgekehrt, wer weiss? Ich möchte auf jeden Fall vermuten, dass die drei Tücher in der Installation von Diplomandin Muya eine ähnliche Bedeutung haben wie die drei besagten Göttinnen im alten Ägypten, ohne dass eine schriftliche Überlieferung vorlag, die betreffende Symbolik könnte sich auch in einer bildhaften und deswegen nicht minder klaren Form tradiert haben.

 

Nehmen wir einmal an, dass die drei schön gewölbten Tücher mit ihren aufgestempelten Gesichtern den Himmel mit seinen Bewohnerinnen und Bewohnern darstellen, die sich freundlich den Wünschen und Gebeten auf dem schwebenden Altar zuneigen. Die himmlischen Bewohner und Bewohnerinnen wären also Gottheiten.

 

Aber wer sind diese Gottheiten? Wo kamen sie her?

 

Ursprünglich waren die Gottheiten verehrte Ahnen, welche nach und nach in die Ferne rückten, gleichzeitig in den Himmel erhoben wurden und in die Sterne eingingen, wo sie das Auge immerhin vermuten, erahnen mag.

 

Bei der Besprechung der Stoffe von Diplomandin Marina kamen wir auf die biologische Evolution zu reden. Nun, bei der Besprechung der Installation Gebete von Diplomandin Muya, möchte ich auf ein verwandtes Thema eingehen, nämlich die Gene.

 

Die Gottheiten waren ursprünglich Ahnen. Die Ahnen leben nicht allein in der Erinnerung fort, in Dokumenten, Geschichten, Erzählungen, Mythen und Religionen, sie überdauern zudem in realer Form, nämlich in unserem Genom, das aus Genen unserer Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern ... besteht!

 

Ein Gebet richtet sich an Gottheiten. Und wenn die Gebete, zum Beispiel um Gesundheit und ein langes Leben, ein Wunsch oder eine Botschaft an unsere Gene wären?

 

Lassen Sie mich ausholen. Kürzlich las ich das Buch The Selfish Gene von Richard Dawkins (2. kommentierte Ausgabe, Oxford University Press 1989). Der eminente Evolutionsbiologe Dawkins glaubt in den Replikatoren oder Genen die eigentlichen Lebensträger zu sehen, welche sich der Lebewesen als Vehikel oder Überlebensmaschinen bedienen. Die Gene würden egoistisch handeln und im ständigen Wettbewerb miteinander jeden Vorteil nützen. Alles, was uns altruistisch erscheine, sei in Wahrheit ein verkappter Gewinn für die eigennützigen Gene. Allerdings seien die aus der Ursuppe hervorgegangenen Replikatoren oder Gene für sich allein nicht länger lebensfähig, sie haben sich zu Genkomplexen und Chromosomen zusammengeschlossen und würden miteinander kooperieren. Ferner würden sie über den Körper hinausgreifen und manipulierend auf andere Lebewesen und auf unsere Lebenswelt einwirken.

 

Die Ausführungen von Richard Dawkins sind sehr überzeugend und längst in elementares biologisches Schulwissen eingegangen. Dennoch stellen sich mir ein paar Fragen:

 

Die Gene erteilen dem Körper Anweisungen, welche aus der chemischen Sprache etwa so in Worte übersetzt werden können: Körper, mach dies, handle so … Die Gene können zwar „sprechen“, aber sie können nicht sehen, sie seien blind. Damit wären sie allerdings auf unsere Sinne angewiesen. Das heisst: sie brauchen eine Rückmeldung vom Körper, von den Sinnesorganen, vom Gehirn, von den Nerven, oder kurz vom Proteom, der Gesamtheit aller die Zellen und den Körper bildenden Proteine.

 

Richard Dawkins pflegt ein erfrischend unbekümmertes Verhältnis zur Sprache, das ich ebenso einfach erwidern möchte. Meiner Meinung nach ist Sprache immer da zu finden, wo lebende Einheiten oder Instanzen aufeinander angewiesen sind, und alle Äusserungen, welche in diesem Spannungsfeld gegenseitiger Bedürftigkeit aufscheinen, sind als Sprache zu sehen. Weshalb reden die Gene zu ihren Überlebensmaschinen? Weil sie in ihrer Blindheit auf die Körper angewiesen sind. Handkehrum sind wir auf die Gene angewiesen, denn ohne DNS, oder DNA im Englischen, ohne Gene und Replikatoren gäbe es kein Leben. Wo sich Sprache ereignet, sind immer zwei oder mehr lebende Einheiten oder Instanzen aufeinander angewiesen. Wenn wir auf die Gene angewiesen sind, so die Gene auf unser Feedback.

 

Nun kommt der entscheidende Punkt: wenn auch wir zu den Genen reden, so wie die Gene mit uns reden, was wären dann dies für Anreden und Gespräche? Es wären wohl innere Gespräche, Meditationen, oder auch Gebete …

 

Ein Beispiel dafür, wie eine solche Ansprache an die Gene lauten könnte: Gene, ein paar von euch verschaffen mir Probleme. Die betreffenden Gene mochten in früherer Zeit, als die Menschen im Dschungel lebten, nützlich gewesen sein, und wer weiss, vielleicht sind sie es in späterer Zeiten wieder, aber jetzt, in meiner Lebenswelt, sind sie störend. Ich bitte euch, die problematischen Gene vorläufig abzuschalten …

 

Ein anderes Beispiel: Gene, ich bin noch jung, ich habe noch eine Aufgabe im Leben zu erfüllen, ich bekomme Dank und Anerkennung dafür, eine liebe Hand aufgelegt, wie damals von meiner Mutter, von meinem Vater, ja, gemessen an den Aufgaben, die ich noch erfüllen möchte, bin ich fast noch ein Kind, gewährt mir also ein langes Leben, gewährt mir den Segen, welchen die Gene den jungen Lebewesen zukommen lassen, und erspart mir vorläufig die Nöte des Alters …

 

Wäre es möglich, dass wir den Genen mitteilen können, wie es uns ergeht, worauf sie die einen Gene einschalten, andere ausschalten? Wir haben erst einmal das Genom entschlüsselt, und wissen noch kaum, wofür die einzelnen Gene zuständig sind, noch können wir sie wirklich voneinander unterscheiden. Nach neuen Schätzungen sollen dem menschlichen Genom rund 35'000 Gene angehören, von denen ca. 80 Prozent stumme Gene seien, einzelne Biologen sprechen gar von junk-Genen, Abfall-Genen, die keinerlei Sinn und Aufgabe hätten. Aber stimmt das? Vielleicht wissen wir einfach noch nichts von ihrer Aufgabe? Im Weiteren war die Entschlüsselung des Genoms ein Kinderspiel gegen jene des Proteoms, von dem wir noch herzlich wenig verstehen. Es wäre doch immerhin denkbar, dass die Gene und Proteine einen Dialog unterhalten. Den Schlaf haben wir auch noch nicht wirklich verstanden. Wäre es möglich, dass der hypothetische Dialog zwischen Proteom und Genom im Schlaf stattfindet? Gemäss einer neuen Meldung sei Schlaf eine gute Prävention gegen Krebs. Vielleicht gibt es spezielle Gene und Proteine, welche für die Kommunikation des Proteoms und Genoms zuständig sind, und ihre konzertierende Aufgabe nur dann wirklich erfüllen, wenn wir genug schlafen?

 

Das wird jetzt alles etwas schwierig, aber die Kernidee ist einfach. Ich glaube, dass wir im Gebet, in der Meditation und anderen Formen von Einkehr auf die Signale des Körpers hören und in umgekehrter Weise Signale an den Körper geben können, die vielleicht bis an die Gene hinab vermittelt werden …

 

Es ist wohl einfacher, wenn ich eine Geschichte erzähle. Zum Beispiel wie ich mit dem Rauchen aufhörte. Zehn Jahre lang hatte ich geschlotet, weil es damals einfach dazugehörte. Alle anderen wollten mit Rauchen aufhören, taten es auch für ein paar Tage, aber fingen immer wieder an. Ich hatte nie den Wunsch aufzuhören. Dann bekam ich eine Grippe mit heftigem Halsweh, konnte nicht mehr rauchen, lag im Bett, hustete, und hatte ein fürchterliches Kratzen im Hals. Meine Grippen dauerten immer 3 Tage. Also stand ich am vierten Tag auf, weil ich meinte, dass ich wieder gesund sein müsse, und ging in die Küche hinab. Die anderen sahen mich und sagten: Du bist käsebleich, geh sofort wieder ins Bett! Ich ging wieder ins Bett, war insgesamt zehn Tage krank, und fragte mich WIESO? Danach war das Fieber weg, ich stand auf, mir war pudelwohl, und weil ich zehn Tage lang nicht geraucht hatte, fand ich es schade, wenn ich mit dem Blödsinn wieder anfinge, also liess ich es bleiben. Eine Woche später las ich den wissenschaftlichen Teil der Neuen Zürcher Zeitung. Darin stand ein Artikel über die körperlichen Entwöhnungszeiten bei den verschiedenen Süchten. Nikotin: zehn Tage. AHA! Das war es also. Mein Körper hatte genug von der blöden Raucherei, und weil ich es nicht aufgeben wollte, schickte er mir eine zehntägige Grippe mit Halsweh zum körperlichen Entzug. Hat bestens funktioniert. Seither habe ich mächtigen Respekt vor der Schlauheit meines Körpers. Ich konsultiere ihn auch immer, wenn ich ein gesundheitliches Problem habe: ich lege mich hin, schliesse die Augen, und lasse zum Beispiel Lebensmittel auf einem geistigen Fliessband an mir vorbeiziehen: Brot, einen Apfel, eine Cremeschnitte, ein Birchermüesli, Hörnli, Käse, Bündnerfleisch … Einmal war mir beim Gedanken an eine Cremeschnitte gleich doppelt schlecht, aber Bündnerfleisch half, also ging ich solches kaufen, und es wurde mir besser. Später habe ich einem Arzt von dieser Erfahrung erzählt, und er sagte mir, dass ich damals einen Eiweiss-Mangel gehabt und genau das Richtige getan hätte.

 

Ich kann also den Körper fragen, und er gibt mir Antwort. Gute Ärzte und Ärztinnen wissen von der Weisheit des Körpers und helfen einem, das Gespräch mit ihm aufzunehmen, das Gefühl für den eigenen Körper und die eigene Gesundheit zu entwickeln. Wenn eine Kommunikation zwischen Bewusstsein und Körper möglich ist, weshalb nicht auch ein Gespräch von uns an den Körper und von diesem an die Gene?

 

Vielleicht hören die Gene auf solche „Ansprachen“, umhüllen störende Gene mit einem Mantel aus Proteinen, oder schalten sie vorläufig aus? Ich kann nicht glauben, dass die stummen Gene junk = Abfall sein sollen. Auf der Festplatte eines Computers sammeln sich im Lauf der Zeit stumme Dateien an. Findige Programmierer fanden eine Lösung für dieses Problem. Sie schrieben Programme, welche die Festplatte vom Datenmüll befreien. Wenn die 80 Prozent stummen Gene Abfall wären, so wäre sicher ein Gen aufgetreten, welches die Genome von diesem Ballast befreit, und es wäre ein erfolgreiches Gen, das in jeder Zelle gebraucht werden könnte und also zur festen Ausrüstung der DNA gehörte. Es gibt aber kein solches Gen, weshalb die stummen Gene mit grosser Sicherheit einen Sinn haben. (Die Zoologen hielten bis vor ein paar Jahren die Giraffen für dumme Tiere, da sich nicht einmal miteinander kommunizieren. Dann fand ein Zoologe heraus, dass die Giraffen sehr wohl miteinander kommunizieren, allerdings verwenden sie tiefe Signale aus dem für Menschen unhörbaren Bereich des Infraschalls, die sehr weit tragen, so dass die Giraffen einander über grosse Distanzen hören, ähnlich wie Elefanten und Wale. Wer sind nun die Dummen? die Giraffen, oder doch eher wir Menschen, die glauben, dass unser beschränktes Wissen das Mass aller Dinge sei?)

 

Ob die Gene unsere Bitten erhören, indem sie förderliche Befehle ausgeben und nachteilige Befehle verhindern? Das biologische Altern wird so erklärt, dass manche Gene in der Jugend nützlich seien, aber in späteren Jahren schädliche Auswirkungen zeitigen. Richard Dawkins schlägt darum halb im Scherz halb im Ernst vor dass man erst ab dreissig Jahren Kinder haben solle: auf diese Weise könnten wir die Gene über unser Alter täuschen und ein langes Leben erreichen. Aber vielleicht hilft auch eine Aufgabe im Leben, uns jung zu erhalten, gemäss der zweiten obigen „Ansprache“ an die Gene? Das wäre natürlich keine Ansprache, die wir bewusst formulieren, aber sie wäre in vielen heilerischen Ritualen zugegen. Das erste, was uns heilte, waren Stimme und Hände unserer Eltern. Wenn wir zum Arzt gehen, sind wir wieder in der Position von kleinen Kindern: die weissen Kittel machen Eindruck, die gelehrten Büchern auf den Gestellen, die unerklärlichen Fachbegriffe, und ein gutes Wort vom Doktor, von der Ärztin hilft wie einst das Wort unserer Eltern --- ein Pflästerchen aufgelegt, heile heile säge, und der Schmerz im aufgeschürften Knie ist verflogen.

 

Richard Dawkins hat uns wertvolle Einsichten in das biologische Geschehen geliefert, aber damit kam die Biologie sicher nicht an ihr Ende. Auf Dawkins werden andere folgen und die Biologie mit neuen Einsichten revolutionieren. Wer weiss, vielleicht wird eine dieser Einsichten sein, dass nicht nur die Gene mit uns reden, sondern auch wir mit ihnen, dank der Vermittlung von Proteinen?

 

Noch eine persönliche Geschichte. Einmal bekam ich eine schlimme Diagnose; es ging dann sehr gut aus, aber damals meinte ich, dass ich bald sterben müsste, und glitt ohnmächtig zu Boden. Drei Krankenschwestern halfen mir auf und gaben mir einen Kaffee mit Zucker. Ich sei nur kurz weg gewesen. In diesen paar Momenten hatte ich einen Traum: ich war ein Bub und ging mit meinen Eltern und Geschwistern im Wald spazieren, es war Sonntag, die Sonne schien hell und freundlich zwischen den hohen Stämmen der Tannen im Entlisbergwald. Als ich wieder zu mir kam, sah ich, was der „Wald“ in Wirklichkeit gewesen war: die senkrechten Lametten des gezogenen Storens. Bemerkenswert erscheint mir der augenblickliche Rückzug in meine Kindheit. Auch Gebete sind ein solcher Rückzug: wir sind wieder Kinder, die eine Gottheit anstelle unserer Eltern um einen Gefallen bitten, und es könnte ja sein, dass der Rückzug auf die Kindheit – sei es beim Besuch eines Arztes, in einer oben geschilderten Not, in einem Gebet – biologisch gesehen eine Botschaft an die Gene sendet, welche um die Gnade der guten Effekte bittet, welche dem jugendlichen Körper zustehen?

 

Sigmund Freud sah im Glauben eine Regression auf die kindliche Stufe. Jemand schrieb, dass Freud, wenn er heute lebte, Evolutions-Biologe und -Psychologe wäre. In diesem Fall würde er die Religion vielleicht in einem anderen Licht sehen, oder zumindest einige neue Aspekte einbeziehen. Wenn es um die Kunst geht, redet die Psychoanalyse immerhin von einer Regression im Dienste des Ich. Die obige Regression stünde dann im Dienste unseres von den Genen abhängigen körperlichen Wohls …

 

Derlei Gedanken habe ich erwogen, als mir das Diplom-Buch zugeschickt wurde. Ich habe mich sehr darüber gefreut, habe es geöffnet, durchgeblättert, sah die Installation Gebete, und fand zu meiner Freude eine stille Bestätigung meiner noch recht vagen Ideen. Und jetzt, wo ich sie aufgeschrieben habe, kommen sie mir gar nicht so dumm vor, und wenn ich die Installation von Diplomandin Muya nocheinmal anschaue, so bleibt mir das gute Gefühl erhalten  Diplom 2

 

Es sei noch angefügt, dass die Genetik ohne die vorgängigen kulturellen Errungenschaften wie Schriftrollen, normierte Stempelzeichen und auf Holzrollen aufgewickelte Fäden kaum vorstellbar gewesen wäre, und dass die in der Genetik wichtigen Potenzen von 2 auch im chinesischen I Ging und in der obigen Arbeit eine Rolle spielen.

 

Ferner sehe ich Parallelen zwischen den Genen, wie sie Richard Dawkins beschreibt, und den Homerischen Gottheiten. The vain gene --- was wäre, wenn sich die Gene, die im extended phenotype über den Körper hinausgreifen und letztlich auch die Kultur, Mythen und Religionen geschaffen haben, in den Gottheiten spiegeln? Richard Dawkins zeigt uns zum einen, dass die Gene unser Leben bestimmen, zum anderen möchte er uns von ihrer Tyrannei befreien. Homer zeigt uns, wie die Götter unserer Geschicke lenken, und sagt doch auch am Anfang der Odyssee, dass wir unrecht haben, wenn wir alles den Göttern anlasten … Wir sind zwar von den Gottheiten beziehungsweise Genen bestimmt, sollen aber doch unser eigenes Leben an die Hand nehmen.

 

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Wenn Sie die vollen Namen der beiden Diplomandinnen erfahren möchten, und wenn Sie neugierig auf die übrigen Diplomarbeiten sein sollten, so bestellen Sie das Buch Diplom 03 bitte bei dieser Adresse: HGK Luzern, Rössligasse 12, CH-6000 LUZERN 5. Es kostet lediglich 20 Franken. Sie werden darin weitere hübsche, ansprechende, schöne und überraschende Arbeiten finden.

 

Franz Gnaedinger,  Oktober / November 2003

 

 

Nachtrag vom Januar 2004: Diplomandin Muya dankte mir per E-mail für die positive Besprechung ihrer Diplomarbeit. Sie hatte lediglich eine kleine Korrektur anzufügen: die von mir als Papierrollen angesehenen Rollen seien grundierte Leinwände, welche sie mit Ölfarben bemalte. Wenn es nur so wenig zu korrigieren gibt bin ich sehr zufrieden. / In der Genetik hat sich viel getan. Es gäbe neben den Genen epigenetische Marken: Proteine und andere Moleküle, welche die Gene umgeben und beeinflussen und beliebig oft umgeschrieben werden können. Es seien schon Versuche im Gang, Medikamente zu entwickeln, um über die epigenetischen Marken auf den Organismus Einfluss zu nehmen, etwa Leukämien zu heilen. Wäre es denkbar, dass wir auch auf mentalem Wege auf die epigenetischen Marken Einfluss haben können? Im Weiteren gäbe es neben den eigentlichen Genen, welche Proteine codieren, sogenannte RNA-Gene oder transskriptive Einheiten, welche die eigentlichen Gene regulieren und gegebenenfalls zum Schweigen bringen. Diese RNA-Gene sind in den Bereichen der sog. junk-Gene angesiedelt und gelten inzwischen als „Juwelen“. Es sei wohl der grösste Fehler der Mikrobiologie gewesen, von Abfall-Genen zu reden. In diesem grossen Teil des Genoms, den man nicht verstanden und deshalb kurzerhand als junk abgetan habe, verberge sich möglicherweise dasjenige, was die Komplexität von uns Menschen ausmache. Die Genetik stünde erst ganz am Anfang, das genetische Zeitalter habe eben erst begonnen, und es würden sich ganz neue Perspektiven eröffnen. Darin haben vielleicht auch die obigen laienhaften Überlegungen einen Platz, und die Künste, welche gegenüber dem Tunnel-Blick der Naturwissenschaften ein Panorama-Schauen pflegen.

 

 

 

 

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