Schweiz --- Albert Anker, Eine junge Helvetia / © 2005 Franz Gnaedinger, www.seshat.ch

 

 

Eine junge Helvetia

 

Die Lehrjahre von Albert Anker fielen in die Zeit der Begeisterung für die Kelten. Charles Gleyre, der Lehrmeister Albert Ankers, malte im Auftrag der Regierung des Kantones Waadt ein Bild, das einen Sieg der Kelten über die Römer feiert. Er machte seine Sache handwerklich hervorragend, aber das Bild ist ein Schinken, wie man heute sagt, überdies ambivalent, weil die einheimischen Kinder im rechten Vordergrund gar nicht keltisch aussehen, sondern wie römische Putten einher tänzeln. Albert Anker lernte viel von Charles Gleyre, doch er unterschied sich radikal in seiner Malerei: nichts von überladener Historienmalerei, dafür zeigt er die Leute seiner Heimat Ins im Seenland, einer keltischen Heimstätte zwischen dem Bielersee, dem Neuenburgersee und dem Murtensee. Die Zeichnung einer Pfahlbauerin belegt sein Interesse am keltischen Thema, doch dürfte er sich gesagt haben: ich zeige die Kelten, wie sie wirklich sind, nämlich meine Zeitgenossen im Seenland, die Nachfahren der keltischen Helvetii, die zeitgenössischen Helvetier …

 

Ein Bild, das mir besonders gut gefällt, und das geradezu eine (damals) moderne junge Helvetia darstellen mag, ist das Schulmädchen von 1886: Schülerin. Ein schönes Mädchen, das sogar neben bellezze der italienischen Renaissance bestehen kann, selbst neben der Donna Velata von Raphael und der Venus von Urbino von Tizian, beides berühmte Bilder, welche Albert Anker in Florenz gesehen haben dürfte: Velata / Schülerin / Venus. Die ländliche Schönheit des Mädchens, dieser jungen Helvetia aus dem Berner Seenland, kommt in einer Gross-Aufnahme des Gesichtes noch besser zur Geltung: Schülerin (Detail)

 

 

 

Mehr als blosser Schein

 

Briefe von Albert Anker zeigen, dass er ein programmatischer Maler war, dem es um mehr als den schönen Schein ging: Wenn der beste Nachahmer als der grösste Künstler gelten sollte, so wäre Grosclaude Raphael und Zuberbühler Ingres überlegen (…) Wenn ein Kerl sich mit der blossen Nachahmung dermassen zu Tode geplagt hat, dass sein Werk uns eine Vortäuschung der Wirklichkeit gibt, was für einen Eindruck erhalten wir davon? Gut, gut, sagt man. Dabei hat man aber nichts übrig als ein mitleidiges Lächeln!

 

Ich denke, dass Albert Anker mit seiner Schülerin ein Bild schuf, das der Schweiz den Weg in die neue Zeit weisen sollte: wichtig ist die Schule – Anker malte so viele Schulbilder! –, und alle, Mädchen wie Buben, sollen lesen und rechnen lernen, denn die Zukunft der Schweiz hängt von der allgemeinen Volksbildung ab! Hier die Zeichnung einer lesenden Frau: Leserin. Auf einem späteren Blatt erscheint sie mit einem Buben im Arm, wieder beim Lesen einer Novelle von Gotthelf: Leserin, Kind

 

 

 

Lesen

 

Hier nocheinmal das ganze Bild: Schülerin. Das Mädchen hält im rechten Arm einen Strickkorb, im linken Arm eine grosse Schiefertafel mit Rechnungen, sowie, vorne, ein viel gelesenes, abgegriffenes Buch mit Kringeln auf dem Umschlag. Es trägt keinen Titel, also ist es wohl ein universelles Schulbuch, das den Stoff aller Fächer symbolisieren mag. Wenn man so will erinnern die Kringel auf dem Umschlag an Locken: all der Stoff in diesem Buch muss in den Kopf hinein, in diesen hübschen, von langem Lockenhaar geschmückten Kopf der jungen Schülerin.

 

 

 

Rechnen

 

Auf der grossen, halb vom Lesebuch verdeckten Schiefertafel sind drei gerahmte Zahlen-Kolonnen zu erkennen  Zahlen  welche folgende Gleichungen darstellen:

 

    2 + 2 =  4     3 + 3 =  6     4 + 4 =  8

    4 + 2 =  6     6 + 3 =  9     8 + 4 = 12

    6 + 2 =  8     9 + 3 = 12    12 + 4 = 16

    8 + 2 = 10    12 + 3 = 15    16 + 4 = 20

   10 + 2 = 12    15 + 3 = 18    20 + 4 = 24

   12 + 2 = 14    18 + 3 = 21    24 + 4 = 28

   14 + 2 = 16    21 + 3 = 24    28 + 4 = 32

   16 + 2 = 18    24 + 3 = 27    32 + 4 = 36

   18 + 2 = 20    27 + 3 = 30    36 + 4 = 40

   20 + 2 = 22    30 + 3 = 33    40 + 4 = 44

 

Mathematik, sagte ein weiser Mensch (leider weiss ich nicht wer), sei im Prinzip ein Spiel mit Mustern. Von Mustern kommt man leicht auf Formeln. Man addiere zum Beispiel die Zahlen 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20, dann die Zahlen 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30, dann die Zahlen 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40. Man bekommt 110, 165, 220. Dieselben Resultate erhält man einfacher, indem man die letzten Summen jeder Kolonne, nämlich 22, 33, 44, mit 5 multipliziert, nämlich der Hälfte der Zahl der Zeilen. Von da aus kommt man relativ leicht zur Summenformel für natürliche Zahlen von 1 bis n, nämlich n(n+1)/2.

 

Addieren ist die Basis-Operation aller Mathematik. Auch Weben, Stricken, Flechten und das Aufziehen von Glasperlen kann man als Addition verstehen: man fügt einen Webfaden zum anderen, eine Masche zur anderen, eine Weidenrute zur anderen, eine Glasperle zur anderen. Wie beim Rechnen, so befolgt man auch beim Weben eines Stoffes, Stricken eines Pullovers, Flechten eines Weidenkorbes, und Aufreihen einer Kette von Glasperlen gewisse Algorithmen: mach es so, dann so, dann so … Diese Tätigkeiten sind im Bild angedeutet: nämlich im Stoff des Kleides nach der Mode jener Zeit, im Weidenkorb, in den Wollknäueln und Stricknadeln, sowie in der Halskette der Schülerin.

 

Einfache Algorithmen führen rasch zu anspruchsvollen Aufgaben. Schauen Sie zum Beispiel diesen Fächer an, den ich aus Nigeria bekommen habe. Er ist aus Plastik-Abfällen gemacht, erinnert an ein Blatt und zeigt anspruchsvolle Muster, die wohl auch einen gewieften Mathematiker in Verlegenheit bringen könnten:  Fächer 1 / Fächer 2 / Fächer 3

 

Jetzt kommen wir dem Wesen der Mathematik näher. Sie ist auf das Herstellen, Konstruieren, Bauen und Erhalten ausgerichtet. Ihre Logik ist eine sachliche Logik. Ihre elementare Formel heisst A = A. Ein Gegenstand A ist gleich wie ein anderer Gegenstand A, genau gleich, und er bleibt für immer und ewig sich selber gleich, ohne sich auch nur im allergeringsten zu verändern. B = B = B = B = B … Wenn die Backsteine dieselbe Form, Grösse und Konsistenz haben, gelingt der Bau einer Mauer, und wenn die Backsteine ihre Form, Grösse und Konsistenz bewahren, weder im Regen aufweichen, noch in der Sommersonne springen und bröckeln, bleibt die Mauer bestehen. Wenn die Maschen eines Pullovers gleich sind, regelmässig gestrickt, so gibt es einen brauchbaren Pullover. Wenn eine Masche klein, die andere gross wäre, so gäbe es einen schlampigen Pullover, den niemand tragen wollte.

 

 

 

Alles ist gleich, alles ungleich …

 

Im Leben, in der Natur, in der Kunst gilt eine umfassende Logik, welche Goethe auf die Formel brachte: Alles ist gleich, alles ungleich…

 

Ein Apfel ist ein Apfel, doch der eine Apfel mag rot und der andere gelb sein, jener Apfel eine Berner Rose, dieser ein Golden Delicious. Es gibt süsse und saure Äpfel, reife und unreife, kleine und grosse. Mein Augapfel ist ein Kosewort für einen lieben Menschen. Wenn die New Yorker vom Big Apple reden, so meinen sie damit ihre Metropole.

 

Alle Menschen sind gleich, und alle sind anders, mit ihren besonderen Merkmalen, Eigenschaften, Qualitäten und Fähigkeiten.

 

Goethe schrieb eine wunderbare Passage über Symmetrie in der Malerei, welche leider von den Kunsthistorikern übersehen wurde:

 

Alles, was uns daher als Zierde ansprechen soll, muss gegliedert sein, und zwar im höheren Sinne, dass es aus Teilen bestehe, die sich wechselsweise aufeinander beziehen. Hiezu wird erfordert, dass es eine Mitte habe, ein Oben und Unten, ein Hüben und Drüben, woraus zuerst Symmetrie entsteht, welche, wenn sie dem Verstande völlig fasslich bleibt, die Zierde auf der geringsten Stufe genannt werden kann. Je mannigfaltiger dann aber die Glieder werden, und je mehr jene anfängliche Symmetrie, verflochten, versteckt, in Gegensätzen abgewechselt, als ein offenbares Geheimnis vor unsern Augen steht, desto angenehmer wird die Zierde sein, und ganz vollkommen, wenn wir an jene ersten Grundlagen dabei nicht mehr denken, sondern als von einem Willkürlichen und Zufälligen überrascht werden.

 

Üben wir diese Betrachtungsweise am Bild von Albert Anker: Schülerin

 

Die Bildmitte liegt auf der Brust der Schülerin, nicht ganz im Zentrum, ein wenig auf der Seite ihres Herzens. Die obere Bildhälfte wird vom relativ kleinen Kopf der jungen Person dominiert. Im unteren Teil wird gleichsam ihr Leben ausgebreitet: Lesebuch und Rechentafel stehen für Lernen, für den grossen und vielseitigen Stoff, der in den kleinen Lockenkopf hinein soll … Der geflochtene Weidenkorb mit der Strickerei verweist auf das künftige Arbeitsleben, wobei das Stricken im obigen Sinne ein Symbol ist für alles Herstellen. Zwischen dem Lesebuch und der Rechentafel der Schule und dem Korb des Arbeitslebens befindet sich das Mädchen selber. Sie ist kräftig gebaut und dürfte als erwachsene Frau eine Familie gründen, mehrere Kinder haben, viele Enkel, und noch mehr Urenkel. Was im unteren Teil des Bildes ausgebreitet zu sehen ist, das ist im oberen Teil unsichtbar enthalten, nämlich im Kopf des Mädchens, welches den Schulstoff lernt, sich auf das Arbeitsleben und die Mutterschaft vorbereitet, und im kontemplativen Blick, welcher gleichsam das gegenwärtige und künftige Leben zusammenfasst …

 

Also haben wir eine Mitte, ein Oben und Unten. Wie steht es mit dem Hüben und Drüben? Die seitliche Symmetrie wird von der Körpersymmetrie vorgegeben. Würde die Schülerin gerade und genau in der Mitte stehen, so wäre es eine langweilige Komposition. Das Mädchen steht aber ein wenig schräg, den Kopf leicht geneigt: so kommt Leben ins Bild. Ihr linker Arm (von uns her gesehen auf der rechten Seite) beschreibt einen langen Winkel, ihr rechter Arm (von uns her gesehen auf der linken Seite) einen kurzen Winkel. Buch und Schiefertafel sind vorne, der Weidenkorb mit dem Strickzeug erscheint hinten. Der Korb hängt lediglich in der Armbeuge, während die Schülerin Buch und Schiefertafel hält; das Buch mit einer Hand, die grosse Schiefertafel mit beiden Händen. Die Finger der einen Hand weisen nach unten und sind gebeugt, jene der anderen Hand sind offen, liegen waagrecht und weisen auf die Beuge des anderen Armes hin …

 

So einfach das Bild auf den ersten Blick erscheinen mag, so reich, überlegt und liebevoll ist seine Komposition. Überdies kühn. Decken Sie die obere Hälfte des Bildes ab, dann die untere Hälfte. Sie werden sehen, dass im unteren Teil des Bildes viel mehr zu sehen ist als im oberen Teil, und doch ist das Bild harmonisch ausgewogen, denn der intensive Blick und hübsche Kopf dieser jungen Helvetia vor dunklem Hintergrund können die optische Vielfalt des unteren Teiles mühelos ausgleichen.

 

Übrigens eine gute Aufgabe für eine Schulstunde: man betrachte ein interessantes Gemälde und benenne Symmetrien und Gegensätze. Beim Werk eines echten Künstlers, einer wirklichen Künstlerin kommt man so wie von selber auf den Sinn, der im Bild verborgen liegen kann.

 

 

 

Was will uns der Künstler sagen?

 

Das Bild der Schülerin zeigt ein schönes und selbstbewusstes Mädchen, das wohl als eine junge Helvetia gelten kann. Die damals moderne Schweiz ist ausgespart, nämlich die vielen Textilfabriken. Aber nicht ganz, trägt doch die Schülerin ein Kleid aus dem Stoff nach der Mode jener Zeit, und kam doch dieser Stoff aus einer Textilfabrik. Albert Anker hat die Probleme seiner Zeit sicher wahrgenommen, und er hat auf sie geantwortet: bildet die jungen Menschen aus, sie werden es in der modernen Zeit benötigen! Das war ein überaus kluger Rat, den ich aus seinen Bildern lese; er hat sich bislang bewährt, und er hat nichts von seiner Wichtigkeit und seiner Dringlichkeit verloren, ganz im Gegenteil! Was mit den Schulen geschieht, ist entscheidend für die Zukunft der Schweiz.

 

 

Vorbereitet im Herbst 2003, geschrieben an Pfingsten 2005

 

 

 

PS vom Dezember. Inzwischen bekam ich eine farbige Aufnahme des Bildes. Vielen Dank ans musée d’art et d’histoire, Neuchâtel. Achten Sie auf die exquisiten Farbklänge:  anker7.JPG

 

Das Gesicht der Schülerin:  anker8.JPG

 

An der Kunstgewerbeschule lernte ich, dass man ein echtes Kunstwerk beliebig vergrössern könne. Hier das Gesicht der Schülerin stark vergrössert:  anker9.JPG

 

Auf dem Rahmen der Schiefertafel stehen zwei Buchstaben, die man als MS oder WS lesen kann. Wobei allerdings das S seitenverkehrt geschrieben ist. Ich denke an die Schwierigkeiten mehrerer meiner Kamerädli in der Primarschule, die gewisse Buchstaben beharrlich seitenverkehrt schrieben. Mir geschah es auch einmal, dass ich ein B seitenverkehrt schrieb; der Lehrer hat es angestrichen, und erst wusste ich nicht, was an meinem B falsch sein soll. Als Erwachsene erinnern wir uns kaum mehr an solche Schwierigkeiten, das Lesen ist uns völlig selbstverständlich geworden, aber für Kinder sind solche Probleme ganz real:  anker10.GIF

 

Das Bild weist keine Signatur auf, aber vielleicht kann man, im Sinne der Scherze der Renaissance, im Buchstaben M eine versteckte Signatur von Albert Anker erkennen. Das M ist aus zwei As gebildet, wobei der Querstrich von einer dunkleren Ader vorgegeben wäre. Es braucht aber schon einige Phantasie, wenn man das sehen will. Nocheinmal dasselbe Bild:  anker11.JPG  anker11a.GIF

 

Hier die Fiche des Bildes:  anker12.GIF

 

Das Bild befindet sich im Depot des Museums. Ich hoffe sehr, dass es dem Publikum wieder einmal zugänglich gemacht wird, handelt es sich doch, meiner Meinung nach, um eine Lektion für die Schweiz, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat.

 

 

 

 

 

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